In sozialen Medien in ganz Europa verbreiten Anti-Windkraft-Gruppen bewusst falsche Narrative rund um die Windenergie. Viele der Gruppen führen zu rechten Netzwerken oder in den Kreml. Wer in sozialen Medien schon mal etwas über Windenergie gelesen hat, hat womöglich eines der folgenden Narrative gehört: Windkraft zerstöre die Umwelt, töte Vögel oder Meereskreaturen; Windkraft destabilisiere Stromnetze und erhöhe die Gefahr eines Blackouts ; Windkraft sei ein Millionengrab oder Windenergie sei eine Erfindung der Elite, um Kommunen auszubeuten. Diese Narrative werden vor allem – aber nicht nur – in sozialen Medien von Anti-Windkraft-Netzwerken in ganz Europa verbreitet, um die Energiewende gezielt zu torpedieren. Bei genauerem Hinsehen stellt man jedoch fest, dass hinter den Posts häufig eine kleine Zahl von Akteuren steckt, die europaweit vernetzt sind – und denen von Experten immer wieder eine besondere Nähe zum Kreml oder zu rechtsextremen Kreisen zugeschrieben wird. Desinformationskampagnen auf sozialen Medien Das Center for the Analysis of Social Media (CASM Technology) hat im Auftrag des europäischen Windkraftnetzwerks WindEurope die Aktivitäten der Anti-Windkraft-Netzwerke nun genauer unter die Lupe genommen. Carl Miller, der Leiter der Studie, stellte die Ergebnisse auf dem Jahreskongress der Windenergie in Madrid vor. Untersucht wurden fast 43.000 Posts zwischen Mai 2024 und Februar 2026 auf Facebook, X, YouTube, TikTok und LinkedIn. Demnach stammt eine große Mehrheit der Falschmeldungen über Windenergie von organisierten Anti-Windkraft-Netzwerken und einer kleinen Zahl einzelner Aktivisten, die sich gegen die Energiewende positionieren. Unterstützt werden diese Gruppierungen von oftmals gleich gesinnten Politikern und Journalisten, die die Posts aufgreifen und weitertragen. Besonders viele Reaktionen – was in sozialen Medien für die Reichweite besonders relevant ist – erhalten die Falschmeldungen in Großbritannien , Deutschland, Norwegen und Frankreich . Eines der wichtigsten Netzwerke, das große Desinformationskampagnen gegen Windenergie startet, ist Motvind Norge, eine norwegische Anti-Wind-Gruppierung mit 20.000 Mitgliedern. Der Untersuchung zufolge bedient sich Motvind vor allem am Narrativ, dass Windkraftanlagen gesundheits- und umweltschädlich seien – obwohl diese Behauptungen wiederholt von unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen widerlegt wurden. Motvind-Vertreter haben eine Nähe zum Kreml Motvind-Vertreter stehen nach Angaben von Umweltorganisationen wie Bellona häufig mit pro-russischen Portalen und Netzwerken in Verbindung. 2018 hat Motvind-Berater Eivind Salen auf der Plattform X (damals Twitter) zum Beispiel gepostet, dass er sich wünsche, dass Norwegen Teil von Russland werden könnte. Eivind Salen: "In westlichen Medien wird die Ukraine als Opfer einer Aggression beschrieben [...] Alle, die Russland und die Welt gut kennen, wissen, dass sie aus einem Konflikt [mit der Ukraine] nichts zu gewinnen hätten". Er sei mit einer Ukrainerin verheiratet, "die sich gerne als Russin bezeichnet". Solche Verbindungen sind kein Einzelfall, sogar die Nato ist mittlerweile auf die Aktivitäten Russlands gegen die Energiewende aufmerksam geworden. Insbesondere seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem Verlust von europäischen Öl- und Gaskunden wurden Bestrebungen erhöht, die Europäer von der Energiewende abzubringen. Einem Bericht der polnischen Sicherheitsbehörden zufolge geben Russland und Belarus zu genau diesem Zweck jährlich zwei bis vier Milliarden Euro für Desinformationskampagnen im Netz aus. Ein Großteil dieser Kampagnen richtet sich gegen die Energiewende und Klimapolitik. Speziell in Deutschland werden Erzählungen gefördert, die die Energiewende in Zusammenhang mit Arbeitsplatzabbau und einer stagnierenden Wirtschaft stellen. Solche Narrative werden hierzulande vor allem von rechtspopulistischen Akteuren wie der AfD aufgegriffen und weiterverbreitet. Die AfD setzt sich auch dafür ein, wieder russisches Öl und Gas zu importieren und Windkraftanlagen wieder abzubauen. Trump und andere Rechte machen Stimmung gegen Windkraft Auch das ist in Europa nicht einzigartig, sondern Teil der konzertierten Kampagne. Der CASM-Bericht stellt fest, dass vor allem rechte und rechtspopulistische Parteien Desinformation über Windenergie verbreiten. In den USA ist US-Präsident Donald Trump besonders beispielhaft: Immer wieder behauptet er, dass Windkraftanlagen würden Wale töten und Vögel Schaden zufügen . In ihrer nationalen Sicherheitsstrategie haben die USA unter Donald Trump auch festgehalten, die Abhängigkeit der Europäer von ihrem Öl und Gas festigen zu wollen. Genauso wie Wladimir Putin scheint es auch Donald Trump nicht zu gefallen, dass die EU mit der Energiewende unabhängiger werden könnte. Diese Kampagnen passieren aber nicht im luftleeren Raum. Sie haben auch schon in mehreren europäischen Ländern zu einem Stopp von Windprojekten geführt. In Bulgarien wurde ein Totalverbot für Windprojekte in der Region Vetrino verhängt, nachdem Anti-Windkraft-Netzwerke davor gewarnt hatten, dass Windkraftanlagen Krebs, Seuchen und Ernteausfälle verursachen würden. Unterstützt wurden die Bemühungen auch hier von einem Kreml-nahen Netzwerk um den Politiker Iwelin Mihailow. Ähnliche Fälle stellen die Analysten um Carl Miller auch in Österreich , Italien und Spanien fest. "Europa muss langsam aufwachen", warnte Miller bei der Vorstellung seines Berichts in Madrid am Dienstag. "Das ist ein Informationskrieg". Die Desinformation werde nicht verschwinden, sondern in Zukunft noch stärker werden. Europa müsse sich darauf vorbereiten und Gegenmaßnahmen treffen, damit die Energiewende noch zu einem Erfolg werden kann. KI korrigiert Desinformation nicht Besonders besorgniserregend sei auch die Tatsache, dass KI-Systeme wie ChatGPT, Perplexity und ähnliche Chatbots die Falschinformationen nicht erkennen könnten und viele widerlegte Behauptungen als Tatsachen auslegen. So würde die KI häufig Anti-Windkraft-Netzwerke wie "EU Wind" als seriöse Quelle angeben – dahinter verbirgt sich allerdings ein europäischer Zusammenschluss von Windkraftgegnern, die Falschinformationen verbreiten. Miller und CASM empfehlen der EU, die Regulierung von sozialen Medien und künstlicher Intelligenz in Hinblick auf Desinformation zu stärken. Ferner müssten die Bürgerinnen und Bürger über Falschinformationen aufgeklärt werden, um falsche Narrative schon im Keim zu ersticken.