Eine neue Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zeigt: Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte die regionale Wertschöpfung in Deutschland verdoppeln. Die Ergebnisse kommuniziert das Ministerium allerdings nicht. "Deutsche Städte und Landkreise können ihre Einnahmen aus erneuerbaren Energien mehr als verdoppeln, wenn sie die Ausbauziele für Wind- und Solaranlagen erreichen." Das ist die zentrale Botschaft einer neuen Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult (IW Consult). Die Studie, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt wurde, zeigt, dass insbesondere in ländlichen Regionen Kommunen durch erneuerbare Energien mehr Steuereinnahmen, mehr Arbeitsplätze und mehr Unternehmensansiedlungen gewinnen können. Damit Kommunen von der Energiewende profitieren können, müssten die Anlagen auch ortsansässigen Investoren gehören, zumindest in Teilen. Von den zehn Milliarden Euro, die bis 2023 an lokaler Wertschöpfung durch die Erneuerbaren generiert werden konnten, ging mehr als die Hälfte an große Investoren ohne regionale Bindung, so die Studie. "Finanzielle Beteiligungsmodelle, Bürgerenergiegesellschaften und kommunale Investitionen könnten dafür sorgen, dass mehr Wertschöpfung vor Ort bleibt und mehr Anwohner und Anwohnerinnen von der Energiewende profitieren", betont Steven Salecki, Co-Autor der Studie und Volkswirt am IÖW. Reiche bewirbt die Studie nicht Die Studie wurde vom Wirtschaftsministerium unter der Vorgängerregierung beauftragt. Fertiggestellt wurde sie wohl Anfang des Jahres, die Studie selbst ist zumindest auf den 27. Februar 2026 datiert. Hochgeladen wurde sie erst am 13. April 2026. Und auch überhaupt hat das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche (CDU) die Ergebnisse bisher nicht beworben oder anderweitig kommuniziert. Die Studie ist auf der Webseite des Ministeriums nur zu finden, wenn man explizit nach ihr sucht. Nach Informationen von t-online ist die Studie mutmaßlich nur deshalb überhaupt publiziert worden, weil die Institute erst nach einer Publikation vergütet werden. Das IÖW hat am Donnerstag – nachdem die Studie über eine Woche lang unbeachtet auf einer Unterseite des Ministeriums gelegen hatte – eine Pressemitteilung zu den Ergebnissen veröffentlicht, mit Verweis auf den Auftrag des Ministeriums. Man fragt sich, warum das Ministerium eine Studie, für die sie bezahlt hat, auf einer Unterseite versteckt. Eine entsprechende Anfrage von t-online ließ das Ministerium unbeantwortet. Studie widerspricht in Teilen den Plänen von Reiche Der Vorgang verfestigt den Eindruck vieler Beobachter, dass die Wirtschaftsministerin lieber die Nachteile als die Vorteile der Energiewende bewerben möchte . Immer wieder betont Katherina Reiche, dass sie zu den Ausbauzielen für Wind und Solar stehe, aber dass deren Ausbau kosteneffizienter vorangehen müsse. Gleichzeitig hat sie eine Reihe von Gesetzen auf den Weg gebracht, die den Ausbau der Erneuerbaren erschweren könnten. Sie begründet das damit, dass der Netzausbau erst aufholen müsste. "Die Erneuerbaren werden das Rückgrat unserer Stromversorgung sein", sagte Reiche am Freitag in Berlin . "Sie sind es schon heute zum großen Teil. Aber eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, hat keine Zukunft. Klimaschutz ohne Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit ist politisch und wirtschaftlich nicht tragfähig." Doch die neue Studie von IÖW und IW widerspricht den Plänen von Reiche zumindest teilweise. Ihre bisher vorgelegten Gesetze, vor allem das Netzanschlusspaket und die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG), würden den Ausbau von Wind- und Solarparks vor allem in den Küstenregionen und in Bayern deutlich erschweren. Das sind genau die Regionen, die der Studie zufolge am meisten von der Energiewende profitieren könnten. Besonders große Potenziale machten die Studienautoren in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Baden-Württemberg aus. In diesen Regionen gibt es viele Freiflächen und vor allem gute Bedingungen für Wind- und Solarkraft. Dort könnte bis 2033 der Wohlstand durch die Erneuerbaren besonders stark steigen. Da dies aus heutiger Sicht nicht die großen Industrieregionen sind, benötigt es aber auch einen starken Netzausbau, damit der erzeugte Strom auch in die Industriezentren kommt. Solche Stromtrassen werden gerade gebaut, ein Großteil der Arbeit dürfte bis 2030 abgeschlossen sein. Durch erneuerbare Energien werden Arbeitsplätze geschaffen Die Studienautoren blickten auch auf Landkreise, in denen die Vorteile der Erneuerbaren schon heute besonders effektiv genutzt werden: Insbesondere die Erfahrungen in den Ortschaften Dardesheim (Sachsen-Anhalt), Feldheim (Brandenburg), Lichtenau (Nordrhein-Westfalen), Wilstedt (Niedersachsen) und Wunsiedel (Bayern) hat das Team ausgewertet. Dort gehen zehn Prozent des Wirtschaftswachstums der vergangenen zehn Jahre auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zurück. "Technische Dienstleister siedeln sich an und entfalten über den Betrieb und die Wartung der Erneuerbaren-Anlagen hinaus ein regionales Geschäft. Zudem ist die Verfügbarkeit von grünem Strom zunehmend ein Standortkriterium für Unternehmen", beschreibt die Studie. Zusätzlich erbrachten die höheren Steuereinnahmen durch mehr Unternehmensansiedlungen sowie Einnahmen aus Pachtverträgen für Solar- oder Windparks für die Gemeindehaushalte höhere Erträge, die wiederum in soziale Infrastruktur wie Kitas oder bessere Internetversorgung investiert werden. Einige Kommunen beteiligen die Bürgerinnen und Bürger auch an der Stromerzeugung, indem sie günstige Stromtarife aus den Ökostromanlagen anbieten. Die Ökonomen leiten daraus auch Handlungsempfehlungen für die Politik ab. Unter anderem empfehlen sie den Abbau gesetzlicher Hürden für Bürgerenergiegesellschaften, damit sich insbesondere in finanzschwachen Kommunen mehrere Menschen zusammentun können, um einen Solar- oder Windpark zu errichten. Außerdem sollte es vereinfachte Möglichkeiten der Kreditaufnahme geben, damit Banken Investitionen in Erneuerbare als Möglichkeit zur Haushaltskonsolidierung sehen. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, nennt die Ergebnisse der Studie "Goldstaub", die jeder Bürgermeister in Deutschland lesen sollte. "Erneuerbare Energien bringen Geld und Jobs in ländliche Regionen. Die oft klammen Kommunen profitieren von höheren Steuereinnahmen". Die Bundesregierung solle die Erneuerbaren nicht bekämpfen, sondern fördern. Energiegemeinschaften kommen nach Deutschland Tatsächlich soll es ab Juni 2026 einfacher werden, sogenannte Energiegemeinschaften (Energy Sharing) zu bilden . Dabei können sich Bürger, kleine Unternehmen oder Vereine zusammenfinden und eine Anlage errichten, die Strom an die Kommune liefert. Dabei profitiert sie von reduzierten Netzentgelten und anderen Abgaben. Energiegemeinschaften sind besonders in Österreich schon sehr erfolgreich.