Britische Forscher haben einen interessanten Effekt entdeckt: Junge Erwachsene erkennen Gesichter Gleichaltriger besser als die von älteren Menschen. Warum ist das so? Ein kurzes Treffen, ein flüchtiger Blick und trotzdem wissen wir später, ob wir ein Gesicht schon einmal gesehen haben. Doch das klappt offenbar nicht bei allen gleich gut. Vor allem Jüngere tun sich mit Gesichtern älterer Menschen schwer. Das zeigt eine neue Studie der University of Exeter (Großbritannien). Wer jung ist, erkennt vor allem Gleichaltrige Die Studie untersucht ein Phänomen, das Psychologen "Own-Age Bias" nennen – also die Tendenz, sich Gesichter aus der eigenen Altersgruppe besser zu merken. Dazu testete das Forschungsteam um Ciro Civile zwei Altersgruppen: 64 junge Erwachsene zwischen 19 und 30 Jahren und 64 ältere Menschen zwischen 69 und 80 Jahren. Beide Gruppen bekamen zunächst Fotos von unbekannten Gesichtern zu sehen – sowohl von jungen als auch von älteren Erwachsenen. Anschließend sollten sie aus einer größeren Auswahl jene Gesichter wiedererkennen, die sie zuvor gesehen hatten. Das Ergebnis: Nur Jüngere zeigen einen Alters-Bias. Während die älteren Teilnehmer sowohl Gesichter ihrer Altersgruppe als auch von Jüngeren gut wiedererkannten, schnitten die jüngeren Teilnehmer deutlich schlechter ab – zumindest bei den Gesichtern älterer Menschen. Die von Gleichaltrigen konnten sie sich gut merken. Die Forscher führten außerdem eine weitere Testreihe durch, in der sie dieselben Fotos um 180 Grad drehten. Die Gesichter standen also auf dem Kopf. Bei diesen Bildern hatte keine der beiden Gruppen einen Wiedererkennungsvorteil. Das zeigt laut Studienautoren, dass Erfahrung im Umgang mit Gesichtern eine zentrale Rolle spielt. Erfahrung macht den Unterschied Civile erklärt: "Ältere Teilnehmer haben bereits in jungen Jahren die Fähigkeit entwickelt, Informationen in jüngeren Gesichtern zu verarbeiten und zu erkennen. Mit zunehmendem Alter haben sie zudem gelernt, auch ältere Gesichter zu erkennen." Junge Erwachsene hingegen hätten diese Erfahrung nur für ihre eigene Altersgruppe gesammelt. Der Alters-Bias liegt also nicht an Vorurteilen oder bewusster Abgrenzung gegenüber Älteren, sondern an einem Mangel an Übung. Denn für die Gesichtserkennung spielt sogenannte perzeptuelle Expertise eine zentrale Rolle. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Sinneseindrücke gezielt zu verarbeiten, die man durch wiederholte Erfahrung trainiert. Relevant für Zeugenaussagen Die Ergebnisse der Studie haben auch praktische Bedeutung, etwa für Gerichtsverfahren. Wenn junge Erwachsene ältere Täter oder Zeugen identifizieren müssen, könnte es ihnen schwerer fallen, sich an deren Gesichter zu erinnern. "Das Alter einer Person kann ihre Genauigkeit bei der Identifizierung von Verdächtigen außerhalb ihrer Altersgruppe beeinflussen", so Civile. Die gute Nachricht: Perzeptuelle Expertise lässt sich trainieren. Mit gezielter Übung könnten auch jüngere Menschen lernen, Gesichter älterer Personen besser zu erkennen.