Was bedeutet "alt sein" – und ab wann beginnt es? Eine neue Studie zeigt: Diese Einschätzung verändert sich. Und auch das Geschlecht spielt vielfach eine Rolle. Viele Menschen fühlen sich heute mit 70 noch fit und aktiv – früher galt man in diesem Alter längst als alt. Wie sich unser Verständnis vom Altern verändert, hat ein deutsch-englisches Forschungsteam untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Wer als alt gilt, hängt stark davon ab, wann man geboren wurde – und häufig auch, welchem Geschlecht man angehört. Altsein ist heute später dran – zumindest gefühlt Die Studie stützte sich auf Daten aus dem Deutschen Alterssurvey. Dabei befragten Wissenschaftler Menschen im Alter von 40 bis 85 Jahren: "Ab welchem Alter würden Sie jemanden als alt bezeichnen?" Die Forscher verglichen Antworten aus mehreren Jahrzehnten und stellten fest: Heute liegt die Altersgrenze deutlich höher als früher. Ein Beispiel: 65-Jährige, die im Jahr 1955 geboren wurden, gaben im Schnitt an, dass man mit 74 Jahren als alt gilt. Bei Gleichaltrigen, die 1911 geboren wurden, lag diese Grenze noch bei 71 Jahren. Die Alterswahrnehmung verschiebt sich also – im Schnitt um drei Jahre nach hinten. Warum sich die Wahrnehmung vom Altsein verändert Dass viele Menschen das Altsein später sehen als früher, hat laut den Forschern mehrere Gründe: Zum einen sei die gestiegene Lebenserwartung dafür verantwortlich, zum anderen beginne der Ruhestand später, wodurch viele Menschen auch im höheren Alter länger aktiv blieben. Die Wissenschaftler betonten allerdings, dass es keinen festen Trend gebe. Auch wenn Menschen heute tendenziell später als alt bezeichnet würden, bedeute das nicht, dass sich diese Grenze mit der steigenden Lebenserwartung kontinuierlich nach hinten verschiebe. Die Einschätzung hänge stark von gesellschaftlichen Faktoren ab – und vom jeweiligen Alter der befragten Person. Lesen Sie auch: Bestimmte Ernährung könnte als Verjüngungskur wirken Frauen empfinden sich später als alt als Männer Interessant war auch: Männer und Frauen beurteilten das Altsein unterschiedlich. Frauen setzten die Grenze im Schnitt 2,4 Jahre später an als Männer. Eine mögliche Erklärung laut Studie: Frauen leben in Deutschland im Durchschnitt rund viereinhalb Jahre länger als Männer – und empfinden das Alter daher erst später als relevant. Hinzu kommt: In der Gesellschaft gelten ältere Frauen oft als kritischer bewertet als Männer im selben Alter. Dieser sogenannte "Doppelstandard" kann dazu führen, dass Frauen sich selbst später als alt empfinden – oder das Altern insgesamt negativer bewerten. Je älter man wird, desto später beginnt das Alter Auch das eigene Alter beeinflusst die Einschätzung. Laut den Forschern verschieben Menschen die Grenze des Altseins mit zunehmendem Lebensalter nach hinten. Oft geschehe dies unbewusst – um ein bis zwei Jahre pro Lebensjahrzehnt. Wer sich also mit 65 Jahren noch vorstellen könne, dass man mit 74 alt sei, halte fünf Jahre später möglicherweise erst ein Alter von 76 oder 77 Jahren für alt. Die neue Studie zeigt: Was wir als alt empfinden, hat sich verschoben. Menschen fühlen sich heute länger jung – und nehmen das Alter weniger früh wahr als frühere Generationen. Frauen sehen sich im Schnitt später als alt an als Männer. Und mit jedem Lebensjahr verschiebt sich die persönliche Grenze erneut. Altsein bleibt also vor allem eines: eine Frage der Perspektive.