Bei Erwachsenen ist ADHS oft weniger offensichtlich als bei Kindern, aber dennoch belastend. Hilfe verspricht eine spezielle App, wie eine neue Studie zeigt. In Deutschland haben schätzungsweise zwei Millionen Erwachsene eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Viele von ihnen erhalten jedoch keine sachgerechte Hilfe, weil die Zahl der Therapieplätze begrenzt ist. Ein Forschungsteam von der Universität des Saarlandes hat jetzt untersucht, ob eine App diese Lücke schließen könnte. Das Ergebnis der im Fachmagazin "Psychological Medicine" veröffentlichten Studie ist vielversprechend. App soll Selbsthilfe im Alltag bieten Mit ADHS zu leben, bedeutet unter anderem, sich schlecht konzentrieren zu können, impulsiv zu handeln und Probleme beim Organisieren des Alltags zu haben. Bei Erwachsenen führt dies oft zu erheblichen Schwierigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen: So können etwa schulische und berufliche Leistungen, die Bewältigung alltäglicher Aufgaben sowie zwischenmenschliche Beziehungen darunter leiden. Hirnscans verraten: ADHS ist womöglich mehr als eine Störung Starker Anstieg: Immer mehr Menschen nehmen ADHS-Mittel Neuer Ansatz: Das lindert ADHS-Symptome deutlich Hier setzt die App namens "Attexis" an, die Gegenstand der Untersuchung war. Die digitale Anwendung basiert auf Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie. Der Studienleiter Roberto D’Amelio erklärt dazu: "Die App ist wie ein verhaltenstherapeutisches Gespräch aufgebaut und hilft den Betroffenen, für sie schwierige Situationen zu meistern." Zusätzlich bietet die App Funktionen zur Selbstbeobachtung sowie achtsamkeitsbasierte Techniken: Sie sollen helfen, bewusster zu handeln sowie in schwierigen Situationen ruhiger und kontrollierter zu reagieren. Nach drei Monaten zeigt sich ein deutlicher Effekt An der aktuellen Studie, die zu den größten Untersuchungen dieser Art zählt, nahmen 337 Erwachsene mit diagnostizierter ADHS teil. Das Forschungsteam teilte sie in zwei Gruppen ein: Beide Gruppen erhielten eine bei ADHS übliche Therapie, aber nur eine Gruppe nutzte zusätzlich die App. Nach drei Monaten zeigte sich ein klarer Unterschied: Die App-Gruppe berichtete über deutlich geringere Symptome. Dieser Effekt hielt auch langfristig an: Nach sechs Monaten waren die positiven Auswirkungen der App-Nutzung weiterhin zu beobachten. Besonders auffällig war, dass 11,6 Prozent der Mitglieder der App-Gruppe ihre ADHS-Symptome um mindestens 30 Prozent verringerten, während dies in der Vergleichsgruppe nur 1,2 Prozent gelang. Gleichzeitig kam es in der App-Gruppe deutlich seltener zu einer Verschlechterung der Beschwerden. Stattdessen fühlten sich ihre Mitglieder im Alltag überwiegend weniger eingeschränkt, berichteten über weniger depressive Symptome, ein höheres Selbstwertgefühl und eine bessere Lebensqualität. Niedrigschwellige Ergänzung zur ADHS-Therapie Für das Forschungsteam liefert die Studie wichtige Hinweise. Der Leiter der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes, Wolfgang Retz, meint hierzu: "Digitale Interventionen auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie können eine wirksame Ergänzung zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS sein." Denn die Ergebnisse zeigen: Digitale Anwendungen können ADHS-Symptome bei Erwachsenen deutlich lindern. Eine App vermag zwar keine ärztliche Behandlung zu ersetzen, ist aber leichter zu haben als ein Therapieplatz. Für viele Betroffene könnte sie daher eine entscheidende Unterstützung bieten, um im Alltag besser mit ihrer Störung zurechtzukommen.