Die Pollensaison dauert länger, als viele denken – und trifft Millionen Menschen hart. Welche Behandlungen wirklich helfen und was Betroffene selbst tun können. Wie schön: Die Nase endlich wieder in die Sonne halten und den Frühling quasi inhalieren! Allerdings kann dieses Vergnügen bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung nur wenige Minuten später in eine kaum beherrschbare Niesattacke und tränende und juckende Augen (nicht der Rührung) münden. Für viele Menschen ist das eine Dauerbelastung. Denn die Saison für Pollenallergien hat ein ausgedehnteres Zeitfenster, als man wahrhaben möchte. Hasel und Erle können schon im Februar oder März in prächtiger Blüte stehen, dicht gefolgt von Weide oder Ulme, die für Schnupfen , Atembeschwerden oder rote Augen sorgen. Im April und Mai blüht die Birke, und in den Sommermonaten gesellen sich Gräserpollen dazu, im Spätsommer die Kräuter, mit denen man dank des Klimawandels selbst noch im November und dann womöglich gleich schon wieder im Januar jede Menge Spaß haben kann. Histamin wird freigesetzt Sobald unser Immunsystem die Eiweiße in Pflanzenpollen irrtümlich als gefährliche Substanzen einordnet, produziert unser Körper eifrig Immunglobulin-E(IgE)-Antikörper. Dabei handelt es sich um eine spezielle Gruppe von Antikörpern, die unser Immunsystem eigentlich für die Abwehr von Parasiten im Programm hat. Die heften sich nun wachsam an die Mastzellen unserer Schleimhäute an Nase, Augen und Atemwegen an. Kommt es kurz darauf wieder zum Kontakt mit Blüten- oder Gräserpollen, setzt unsere körpereigene Gefahrenabwehr Botenstoffe wie Histamin frei – ein Gewebshormon, das zu allergischen Reaktionen führt, weil sich die Blutgefäße der Schleimhäute erweitern und anschwellen und die Reizung der Nervenenden Juckreiz bewirkt. In der Nase wird die Schleimproduktion hochgefahren, unsere Augen brennen und Tränen laufen – bis hin zur Ausbildung einer Bindehautentzündung . Das Histamin kann uns außerdem müde und benommen machen. Bleibt das für Unbeteiligte mitunter oft so lustige Hatschi, die Pollenallergie, unbehandelt, besteht die Gefahr chronischer Schleimhautentzündungen, die sich möglicherweise auch auf die unteren Atemwege ausdehnen können, ein "Etagenwechsel", der durchaus allergisches Asthma zur Folge haben kann. Kortison kann helfen Glücklicherweise kann man diese lästigen Beschwerden bekämpfen. Man kann zügig mit einer Akuttherapie gegensteuern. Hier helfen Antihistaminika, auch Histamin-Rezeptorblocker genannt, das sind Medikamente in Form von Tropfen oder Tabletten, die allergische Reaktionen blockieren. Anwendbar sind auch lokal sehr wirksame antientzündliche Kortison-Nasensprays sowie Augentropfen, die den Juckreiz lindern und die Mastzellen stabilisieren. Nasale Kortisonsprays wirken besonders gut, wenn sie regelmäßig und nicht nur bei Bedarf angewendet werden. Reichen solche Einzelmaßnahmen nicht aus, sind effektivere Kombinationstherapien angeraten. Auf längere Sicht empfiehlt sich eine spezielle Immuntherapie zur Hyposensibilisierung, das heißt zur Herabsetzung der Empfindlichkeit unseres Körpers gegenüber Pflanzen- und Gräserpollen. Hier kommen Spritzen zum Einsatz, oder Tabletten beziehungsweise Tropfen, die unter die Zunge gegeben werden. Die Behandlung, die sich über drei bis fünf Jahre hinziehen kann, führt im besten Fall zu einer langfristigen merklichen Abschwächung der Allergiesymptome und kann auch gegen Asthma schützen. Früh genug vom Arzt eingeleitet, kann sie den Allergieverlauf merklich verändern. Ein Blick in den Kalender Die Allergologie, das ist die medizinische Fachrichtung, die sich mit dem Entstehen und der Behandlung von Allergien beschäftigt, arbeitet auch an Therapien und Wirkstoffen, die bei bereits bestehendem schwerem allergischem Asthma oder bei massiver Rhinitis (Nasenentzündung) eingesetzt werden können. Dazu zählen in ausgewählten schweren Fällen auch Biologika, also das Immunsystem modulierende Medikamente. Voraussetzung ist, einzugrenzen, welche Art von Pollen dem Patienten besonders zu schaffen macht. Hier hilft ein Blick in den Pollenflugkalender, außerdem stehen dem Allergologen verschiedene Haut- und Bluttests zur Verfügung, etwa der Nachweis allergenspezifischer IgE-Antikörper im Blut, um die allergische Sensibilisierung festzustellen. Möglich sind auch sogenannte Provokationstests, Eingrenzungsverfahren, bei denen der Patient direkt mit den "verdächtigen" Pollen konfrontiert wird, um zu sehen, wie er darauf reagiert. Das erleichtert die Auswahl der angesagten Behandlung. Belastung in Stadt und Land Natürlich kann der Patient auch im Fall einer Allergie selbstwirksam werden. Neben der medizinischen Abklärung des Problems müssen Menschen, die besonders von Pollenallergien betroffen sind, auf Veränderungen im Alltag gefasst sein. Zum Beispiel, was Sport im Freien oder liebgewonnene Spaziergänge in Feldern und Wiesen während der Blütezeit ihres ganz persönlichen Allergieauslösers anbelangt. Je nach Pollenart und Wetterlage kann das sogar nachts der Fall sein. Frühaufsteher sind nicht besser dran, denn der Pollenflug setzt oft schon früh am Morgen ein; auf dem Land ist die Belastung morgens häufig höher, in Städten eher abends. Tagsüber getragene Kleidung (in der sich Pollen fröhlich versammeln) sollte nachts nicht mit ins Schlafzimmer genommen werden. Fürs (tägliche) Staubsaugen empfehlen sich Geräte mit Pollen- oder Feinstaubfiltern. Beim Autofahren bleiben die Fenster besser geschlossen. Ratsam ist eine Klimaanlage mit Pollenfilter. Auch Nasenduschen mit Kochsalzlösung können helfen, Pollen von den Schleimhäuten zu entfernen. Selbst bei der Wahl des Urlaubsziels lässt man besser Sorgfalt walten – favorisiert werden pollenarme "Reinluft-Gegenden" etwa Hochgebirge oder Küsten. So hilft die Ernährung Weil Allergien auf einer Fehlleitung von Immunreaktionen beruhen, gibt es auch in der Ernährung Möglichkeiten zur Vorbeugung beziehungsweise begleitenden Unterstützung. Vitamin C wirkt leicht antihistaminisch und ist enthalten in Brokkoli, Grünkohl , Spinat, Zitrone und Orange, Paprika, Schwarze Johannisbeere und viele andere. Vitamin D kann die Antwort unseres Immunsystems steuern und findet sich in Lachs, Hering, Makrele, Ei oder Butter (oder in Nahrungsergänzugungsmitteln, dann vorsicht in der Sonne). Omega-3-Fettsäuren helfen uns gegen Entzündungen, fettreicher Seefisch, Leinöl , Rapsöl, Walnüsse oder Nahrungsergänzungsmittel mit Fisch oder Algenöl bieten sich hier an. Schließlich kräftigt Quercetin unsere Mastzellen, es ist zum Beispiel in Äpfeln, Beeren, roten Zwiebeln, Kapern, Radicchio und Dill. Unser Immunsystem funktioniert zum großen Teil von unserem Darm aus. Deshalb gilt es generell und bei Allergien besonders, die Darmflora fit zu halten. Das geht durch eine bunte pflanzliche Kost, die ballaststoffreich sein soll. Bei den Gemüsen wären das wieder der Brokkoli, ebenso Chicorée und Karotten, beim Obst etwa Äpfel, Birnen oder Trockenfrüchte, weiterhin sind Hafer, Gerste oder Quinoa angebracht und die guten alten Hülsenfrüchte. Die berühmte Kuhstallpille Auch fermentierte Lebensmittel erleben derzeit ein Comeback. Akazienfasern sind ein idealer löslicher Ballaststoff als Dünger für die lieben Bakterien. Jeden Tag 1 Esslöffel kann das Darmimmunsystem unterstützen. Auch die sogenannte "Kuhstallpille", also eine spezielle Lutschtablette mit holo-Beta-Lactoglobulin und gebundenen Mikronährstoffen wie Eisen, Zink und Vitamin A, wird derzeit als ergänzender Ansatz zur Besänftigung der Immunzellen diskutiert. Leider ist zu beobachten, dass Pollenallergien durch Luftverschmutzung und Klimawandel mehr und mehr zum Umweltphänomen werden. Wappnen Sie sich deshalb und kommen Sie gesund durch die Zeit!