Asundexian: Forscher hoffen auf Durchbruch in der Schlaganfall-Prävention

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Ein Schlaganfall verändert das Leben – auch, weil das Risiko für einen weiteren Hirninfarkt erhöht bleibt. Ein neuer Wirkstoff soll genau hier ansetzen. Wer einen Schlaganfall erleidet, lebt oft mit der Angst vor einem weiteren. Und tatsächlich ist dieses Risiko recht hoch: In Deutschland erleidet etwa jeder vierte bis fünfte Betroffene trotz Behandlung in den darauffolgenden Jahren erneut einen Schlaganfall. Eine internationale Studie zeigt nun: Asundexian ist der erste Wirkstoff, der gezielt einen bestimmten Gerinnungsfaktor hemmt und so das Schlaganfallrisiko reduzieren könnte, ohne das Blutungsrisiko zu erhöhen. Letzteres ist eine der schwerwiegendsten Komplikationen der bisherigen Schlaganfallprävention. Die Ergebnisse wurden kürzlich im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht. Bisherige Therapie nur mäßig wirksam Für die Studie werteten die Forscherinnen und Forscher Daten von mehr als 12.000 Patientinnen und Patienten aus 37 Ländern aus. Alle Teilnehmer hatten zuvor einen sogenannten ischämischen Schlaganfall erlitten. Dabei verstopft ein Blutgerinnsel ein Gefäß im Gehirn. Auch Menschen mit einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) nahmen teil – das ist eine kurzzeitige Durchblutungsstörung im Gehirn, oft als "Mini-Schlaganfall" bezeichnet. Warnzeichen erkennen : Welche Symptome bei Schlaganfall typisch sind Hirnschlag : Das passiert bei einem Schlaganfall im Gehirn Nach Herzinfarkt oder Schlaganfall: Diesen Cholesterin-Zielwert empfehlen Experten jetzt Bislang bestand die sogenannte Sekundärprophylaxe bei Schlaganfällen darin, Betroffene mit Thrombozytenaggregationshemmern zu behandeln (sie verhindern, dass Blutplättchen verklumpen) und Risikofaktoren wie Blutdruck , Blutzucker oder Cholesterin zu kontrollieren. Diese Therapie gilt allerdings nur als mäßig wirksam und kann vor allem bei längerer Anwendung das Blutungsrisiko erhöhen. Auch die Neurologin Richa Sharma von der Yale School of Medicine (USA), die nicht an der Studie beteiligt war, weist im Branchenmagazin TCTMD auf die bisherigen Lücken der Therapie hin: "Wir stehen oft vor der Herausforderung, die Thrombozytenaggregationshemmung länger fortzusetzen, als es die Leitlinien vorsehen und bisher erprobt haben." Sie hoffe daher auf neue Möglichkeiten, Blutgerinnsel bei Schlaganfallpatienten zu vermeiden, ohne das Risiko von Blutungen einzugehen. Weniger neue Schlaganfälle, kein höheres Blutungsrisiko In der neuen Studie wurde zusätzlich zur Standardbehandlung der Wirkstoff Asundexian getestet. Dieser hemmt sehr gezielt den Gerinnungsfaktor Xla, der für die Bildung gefährlicher Blutgerinnsel verantwortlich ist. Der Vorteil: Dieser Faktor ist für die normale Blutungsstillung, etwa bei einer Verletzung, weniger wichtig. Das Medikament soll also das Schlaganfallrisiko senken, ohne dabei die allgemeine Blutungsgefahr zu erhöhen. Für die Studie erhielten alle Studienteilnehmer eine Standardtherapie mit Thrombozytenaggregationshemmern. Zusätzlich bekam eine Gruppe ab dem dritten Tag nach dem Schlaganfall täglich 50 Milligramm Asundexian, die andere ein Placebo. Die Probanden wurden über zwei Jahre hinweg beobachtet. Das Ergebnis: In der Asundexian-Gruppe erlitten 6,2 Prozent der Patientinnen und Patienten einen weiteren Schlaganfall. In der Vergleichsgruppe lag der Wert bei 8,4 Prozent. Das entspricht einer Reduktion des Schlaganfallrisikos um 26 Prozent. Auch schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse – dazu zählen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod durch Herzprobleme – traten seltener auf: 9,2 Prozent gegenüber 11,1 Prozent. Besonders wichtig: Das Risiko für schwere Blutungen blieb nahezu gleich. In der Asundexian-Gruppe lag es bei 1,9 Prozent, in der Placebo-Gruppe bei 1,7 Prozent. Auch andere Nebenwirkungen unterschieden sich kaum. "Darauf haben Forscher seit Jahrzehnten hingearbeitet" Mike Sharma, Studienleiter und Wissenschaftler am kanadischen Population Health Research Institute in Hamilton, betont die Bedeutung der Ergebnisse in einer Pressemeldung: "Diese Studie markiert einen bedeutenden Schritt hin zu einer sichereren und wirksameren Langzeitbehandlung zur Schlaganfallprävention." Der Nutzen zeige sich bei Patienten unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Schweregrads und verschiedener Ursachen des Schlaganfalls. "Darauf haben Forscher seit Jahrzehnten hingearbeitet", fügt er an. Studie deckt auf : Schlaganfallrisiko steigt nach Infekt in dieser Altersgruppe deutlich Bei Kontrolle von Herz und Hormonen : Vitamin verfälscht Blutwerte – das raten Experten Die Neurologin Richa Sharma bezeichnet die Ergebnisse als "bahnbrechend" für die Behandlung von Schlaganfallpatienten: Das Medikament könnte dazu beitragen, dass Betroffene länger ohne Einschränkungen leben. Auf Anfrage von t-online geht auch Waltraud Pfeilschifter, Vorsitzende der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG) von einer "vielversprechenden neuen Therapieoption" aus. Sollte sich die Wirkung in weiteren Studien bestätigen und die Therapiekosten nicht zu hoch angesetzt werden, werde dies "wahrscheinlich die Behandlungsleitlinien verändern und zahlreiche Patienten vor erneuten Schlaganfällen schützen", erklärt sie. Beschleunigte Prüfung in den USA Noch ist der Wirkstoff nicht zugelassen. Der Hersteller Bayer hat bisher keinen konkreten Zeitplan genannt. In den USA erhielt Asundexian jedoch bereits einen sogenannten Fast-Track-Status. Die Behörden prüfen das Medikament also in einem beschleunigten Verfahren. Asundexian könnte damit die Behandlung nach einem Schlaganfall grundlegend verändern. Ob und wann das Medikament im Alltag ankommt, bleibt jedoch noch offen.
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