Bahn: Warum es im Zug keine Sicherheitsgurte gibt

latest news headlines 5 std vor
Flipboard
In Autos und Flugzeugen sind Sicherheitsgurte Pflicht. In Zügen dagegen fehlen sie völlig – aus gutem Grund. Wer im Zug durch den Gang läuft, kennt das leichte Ruckeln während der Fahrt. Anders als im Flugzeug gibt es jedoch kein Anschnallzeichen, Sicherheitsgurte sucht man in Zügen vergeblich. Warum eigentlich? Nach Einschätzung von Verkehrswissenschaftlern wären Gurte im Zug wenig sinnvoll. "Die Bremskräfte sind bei gleicher Geschwindigkeit im Straßenverkehr etwa achtmal größer", sagte der Verkehrswissenschaftler Jörn Pachl von der TU Braunschweig dem Magazin "Stern". Zwischen Stahlrad und Stahlschiene ist die Reibung vergleichsweise gering. Deshalb brauchen Züge deutlich längere Bremswege als Autos. Während ein Auto aus 160 Kilometern pro Stunde nach rund 250 Metern zum Stehen kommen kann, kann der Bremsweg eines Zuges bei gleicher Geschwindigkeit bis zu 1.000 Meter betragen. Die Verzögerungskräfte fallen entsprechend geringer aus. Während Autofahrer bei starken Bremsmanövern von Gurten gehalten werden müssen, können sich Fahrgäste im Zug meist selbst abstützen oder werden nicht ruckartig nach vorn geschleudert. Sicherheitsgurte als Risiko Auch die Innenräume moderner Züge sind auf diese Bedingungen ausgelegt. Sitze, Tische und andere Bauteile sind so konstruiert, dass sie bei einem Aufprall Energie aufnehmen und verteilen. Untersuchungen des britischen Rail Safety and Standards Board (RSSB) zeigen zudem, dass Sicherheitsgurte in bestimmten Szenarien sogar zusätzliche Risiken mit sich bringen könnten. Bei Tests mit Dummies und Computersimulationen stellten die Forscher fest, dass angeschnallte Fahrgäste bei manchen Unfalltypen stärker gefährdet sein können – etwa wenn sie durch den Gurt fixiert werden. Hinzu kommt, dass Zugunfälle oft anders ablaufen als Autounfälle. Häufig handelt es sich nicht um klassische Frontalzusammenstöße, sondern um Entgleisungen oder seitliche Kollisionen. Waggons können sich dabei gegeneinander verschieben oder kippen. Nicht angeschnallte Fahrgäste haben in solchen Situationen unter Umständen mehr Bewegungsfreiheit, um sich befreien zu können. Bahn ist ein sicheres Verkehrsmittel Auch statistisch zählt die Bahn zu den sichersten Verkehrsmitteln. Eine Analyse des Verkehrsforschers Ian Savage von der Northwestern University zeigt: In den USA kamen zwischen 2000 und 2009 im Autoverkehr 7,28 Menschen pro Milliarde zurückgelegter Meilen ums Leben. Im Zug lag der Wert bei 0,43. In Deutschland sind die Zahlen ähnlich: Im Zehnjahresschnitt von 2015 bis 2024 war das Risiko für Reisende, mit dem Zug tödlich zu verunglücken, 52-mal geringer als für Insassen eines Autos. Vergleicht man die Sicherheit von Zug und Auto pro Personenkilometer, ist das Risiko einer schweren Verletzung bei jeder Autofahrt gut 140-mal höher als bei einer Bahnfahrt, die in vielen Fällen länger ist.
Aus der Quelle lesen