Top-Ökonom Marcel Fratzscher will Deutschlands Goldreserven antasten, um Krisenhilfen zu finanzieren. Kritiker warnen vor erheblichen Risiken – gerade mit Blick auf die Unabhängigkeit der Zentralbank. Weil die Straße von Hormus weiter blockiert ist, bleibt der Druck auf Energiepreise und Unternehmen hoch. Zwar greift ab Mai der Tankrabatt, auch sollen Firmen 1.000 Euro steuer- und abgabenfrei an ihre Angestellten ausschütten. Dennoch fürchten Experten und auch das Wirtschaftsministerium eine steigende Inflation – bei gleichzeitigem Nullwachstum. Es stellt sich eine unbequeme Frage: Wie weit darf der Staat gehen, um die Krise abzufedern? In diese Debatte stößt Marcel Fratzscher , Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), mit einem ungewöhnlichen Vorschlag. Er will ausgerechnet einen Teil der deutschen Goldreserven verkaufen, um die Folgen der Krise zu mildern. Es ist eine Idee, die hochumstritten ist. Denn bislang war der Goldverkauf ein politisches Tabu. Top-Ökonom Fratzscher im Interview: "Wir sollten endlich mit diesem Tabu brechen" Zwar wurde eine solche Idee Anfang des Jahrtausends diskutiert – damals war Hans Eichel noch SPD-Finanzminister. Doch die Bundesbank entschied sich gegen einen Goldverkauf im großen Stil, zum Unmut Eichels. Nun sagt DIW-Chef Fratzscher t-online: "Die deutschen Goldreserven haben einen Wert von heute knapp 440 Milliarden Euro. Das ist ein riesiges Sparschwein für Krisen." Und weiter: "Einen zumindest kleinen Teil davon sollten wir zur Bekämpfung dieser Krise und zur Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern und Unternehmen nutzen." "Das birgt erhebliche Risiken" Tatsächlich klingt der Vorschlag zunächst verführerisch: Wenn Deutschland Reserven im Wert von Hunderten Milliarden Euro besitzt, warum sollte es nicht einen kleinen Teil davon nutzen, um Bürger und Unternehmen in einer Krise zu entlasten? Doch genau darin liegt der Kern des Konflikts. Die Goldbestände sind keine gewöhnliche Rücklage des Staates. Sie gehören zu den Währungsreserven, sollen dafür sorgen, dass der Geldwert stabil bleibt, man in Krisen noch handlungsfähig ist. Deutschland besitzt rund 3.350 Tonnen Gold und damit nach den USA die zweitgrößten Goldreserven der Welt. Davon liegen 1.710 Tonnen in Frankfurt , 1.236 Tonnen in New York und rund 404 Tonnen in London . Darauf zielt auch die scharfe Kritik von Markus Demary ab, Finanzexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). "Der Vorschlag, einen Teil der Goldreserven zu verkaufen, birgt erhebliche Risiken", sagt Demary t-online, der beim IW zu Geldpolitik und Finanzmärkten forscht und publiziert. Iran als Vorbild: Nächstes Land will Maut für seine Meerenge erheben Goldpreis ist drastisch gestiegen Fratzscher sprach sich dennoch dafür aus, mit dem "Tabu" zu brechen, die Reserven anzutasten. Er nennt neben direkten Hilfen auch Investitionen in Bildung oder Infrastruktur als mögliche Verwendung der Erlöse. Sein Argument folgt einer einfachen Logik: Wenn der Staat in einer Krise hohe Lasten schultern muss, sollte er prüfen, welche Vermögenswerte ihm dafür zur Verfügung stehen. Er hofft: "Vielleicht diskutieren wir ernsthaft darüber in Deutschland. Nach diesen Goldrekorden wäre jetzt ein wunderbarer Zeitpunkt, zumindest einen Teil zu verkaufen." Frag t-online: Kann Gold wertlos werden? Tatsächlich ist der Goldpreis in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, nicht zuletzt weil Gold als "sicherer Anker" in Krisenzeiten gilt. Rangierte der Preis für eine Feinunze Gold (31,1 Gramm) im April vergangenen Jahres noch bei rund 2.800 Euro, lag er zuletzt bei gut 4.000 Euro, Anfang 2026 sogar bei fast 4.600 Euro. Doch Demary lässt das Argument des Wertzuwachses nicht gelten: "Natürlich kann man auf den ersten Blick denken: Die Goldbarren liegen doch ohnehin nur ungenutzt herum. Aber das greift zu kurz." Das Gold im Keller der Bundesbank habe eine zentrale Funktion: Es sichere Vertrauen und Geldwertstabilität. "Die Reserven müssen keine Zinsen abwerfen wie andere Kapitalanlagen – dafür sind sie schlicht nicht da." Die Idee des staatlichen Goldverkaufs sei daher aus gleich mehreren Gründen "gefährlich", so Ökonom Demary. Für ihn liegt das größte Problem in der Wirkung eines solchen Schrittes. "Das sendet ein fatales Signal an die Märkte und an die Bürgerinnen und Bürger", sagt er. "Offenbar steht es um die Finanzierung des deutschen Staates so schlecht, dass wir bereits unser Tafelsilber – oder in diesem Fall unser Gold – verkaufen müssen. Als befände sich Deutschland in einer dramatischen Staatskrise." IW-Experte: "Ein solcher Schritt könnte Vertrauen zerstören" Diese Signalwirkung ist schwer messbar, aber politisch und ökonomisch relevant. Deutschland profitiert seit Jahrzehnten davon, als verlässlicher Schuldner zu gelten. Diese Glaubwürdigkeit senkt Finanzierungskosten und stärkt das Vertrauen in öffentliche Haushalte. Wenn der Staat Goldreserven zur Krisenfinanzierung nutzen wollte, könnte das als Hinweis auf eine angespannte Finanzlage verstanden werden. Demary verweist deshalb auch auf Ratingagenturen. "Im schlimmsten Fall werten sie das als Zeichen finanzieller Schwäche – mit Folgen für die Bonität. Und auch in der Bevölkerung könnte ein solcher Schritt Vertrauen zerstören." Carsten Maschmeyer im Interview: "Herr Merz, hören Sie auf, an Ihr Ego zu denken" Top-Ökonom Fratzscher über Maschmeyer-Idee: "Kommt genau richtig" Fratzscher weiß um die rechtlichen Grenzen seiner Idee Auch Fratzscher weiß, dass der Vorschlag nicht leicht umzusetzen ist. Schließlich hat er über Jahre bei der Europäischen Zentralbank (EZB) gearbeitet, die seit der Euro-Einführung die maßgeblichen Aufgaben von der Bundesbank übernommen hat. "Das Gold wird von der Bundesbank verwaltet", schränkte der DIW-Präsident ein. "Selbst ein Bundeskanzler kann nicht einfach sagen: Ihr müsst jetzt das Gold verkaufen." Die Frage ist also nicht nur, ob Deutschland in der Krise zusätzliche Mittel gebrauchen kann. Es geht auch darum, wer über die Währungsreserven entscheiden darf. Die Bundesbank hält und verwaltet diese Reserven für die Bundesrepublik. Sie ist dabei unabhängig von Weisungen der Bundesregierung . Unabhängigkeit der Zentralbank Diese Unabhängigkeit ist keine technische Randfrage. Sie soll verhindern, dass Regierungen in Haushaltsnöten auf Mittel der Zentralbank zugreifen. Auf Anfrage von t-online äußert sich eine Sprecherin der Bundesbank knapp und verweist vor allem auf die Rechtslage: Nach europäischem Recht und Bundesbankgesetz hält und verwaltet sie die Währungsreserven der Bundesrepublik unabhängig von Weisungen der Bundesregierung. "Folglich können die Bundesregierung bzw. der Finanzminister keine Goldverkäufe der Bundesbank anordnen", schreibt sie. Zudem verweist die Bundesbank-Sprecherin auf das Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch Zentralbanken. Ein Verkauf von Goldreserven, um Staatsschulden zu senken oder Investitionen zu finanzieren, wäre aus ihrer Sicht deshalb nicht zulässig. Die Reserven hätten einen anderen Zweck: "Sie dienen im Krisenfall dazu, dringend benötigte Güter und Dienstleistungen in ausländischer Reservewährung zu bezahlen." Die Worte "im Krisenfall" hat die Bundesbank-Sprecherin in ihrer Antwort unterstrichen. Auch Demary befürchtet eine "heikle rechtliche und institutionelle Frage: Wäre ein solcher Verkauf nicht der Einstieg in eine verdeckte Staatsfinanzierung durch die Hintertür? Und würde damit nicht genau jene Unabhängigkeit der Bundesbank beschädigt, die als Schutzwall gegen politische Begehrlichkeiten gedacht ist?" Vorstoß aus der Union: Neue Idee für die große Steuerreform Grünen-Chef greift Reiche an: "Das ist eine Gefahr für Deutschland" "Diese Debatte sollte man nicht leichtfertig führen" Ohnehin wäre der politische Präzedenzfall erheblich. Wenn Goldreserven einmal zur Finanzierung politischer Vorhaben genutzt würden, könnte der Druck wachsen, sie auch bei der nächsten Krise anzutasten. Aus einer Ausnahme würde womöglich ein Instrument. Genau davor soll die institutionelle Trennung zwischen Regierung und Bundesbank schützen. Experte Demary warnt in Richtung Marcel Fratzschers: "Diese Debatte sollte man nicht leichtfertig führen. Goldreserven sind kein Notgroschen für Haushaltslöcher. Auch nicht in Krisenzeiten." Debatte über neue Schulden kommt auf Wahrscheinlicher als der Verkauf eines Teils der Goldreserven wird daher wohl sein: Sich woanders Geld zu besorgen, womöglich auch über neue Schulden. Denn neben dem, wie Fratzscher selbst zugegeben hat, "unkonventionellen Vorschlag", gibt es noch einen deutlich naheliegenderen. Fratzscher sieht "die Notwendigkeit, die Schuldenbremse erneut auszusetzen". Damit hat die Bundesregierung zumindest Erfahrung. In früheren Krisen hat der Bund eine Ausnahmeregel aktiviert und die Schuldenbremse bereits ausgesetzt – etwa in der Corona-Pandemie und nach dem russischen Angriff auf die Ukraine . Aktuell plant die Bundesregierung diesen Schritt indes nicht. Eine Sprecherin von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte in Berlin , ein entsprechender Beschluss sei derzeit nicht in Vorbereitung. Man analysiere die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs und prüfe weitere Maßnahmen. Fratzscher glaubt, dass eine Aussetzung der Schuldenbremse kommt. "Ich befürchte, wir müssen es realistisch betrachten: Wenn der Krieg nicht auf absehbare Zeit vorbei ist, werden die Kosten explodieren. Dann wird auch die Wirtschaftsleistung weiter einbrechen, die Steuereinnahmen gehen weiter zurück", sagt Fratzscher. "Nur so verhindern wir Schlimmeres."