Beim furiosen Testspielsieg über die Schweiz glänzt vor allem die deutsche Offensive. Nur ein DFB-Angreifer taucht völlig ab – und wirft damit mal wieder einige Fragen auf. Aus Basel berichtet William Laing Ganz schlau wurde man am Freitagabend nicht aus der deutschen Nationalmannschaft. Beim 4:3-Sieg über die Schweiz in Basel, dem ersten Testspiel im WM-Jahr, zeigte das Team von Julian Nagelsmann Licht und Schatten. Während insbesondere Florian Wirtz mit einer Galavorstellung die Hoffnung auf eine erfolgreiche Weltmeisterschaft im Sommer nährte, fielen andere DFB-Stars in ihren Leistungen deutlich ab. Nico Schlotterbeck beispielsweise zeigte sich ungewohnt unsicher im Aufbauspiel, leitete durch teilweise kapitale Fehlpässe die beiden ersten Schweizer Treffer ein. Immerhin: Der Dortmunder war ins Spiel seiner Mannschaft eingebunden – anders als einer seiner Kollegen. 62 Minuten durfte Leroy Sané im St. Jakob-Park auf dem Feld stehen. Dann erlöste Nagelsmann den Ex-Bayern-Star, wechselte Debütant Lennart Karl ein. Über seine komplette Einsatzzeit hinweg war Sané in der deutschen Offensive im Gegensatz zu Wirtz, Kai Havertz und Serge Gnabry überhaupt kein Faktor gewesen. Defensiv hatte er sich zudem zwischenzeitlich von Gegenspieler Manzambi übertölpeln lassen. So schlich sich an diesem Abend ein in der Causa Sané altbekanntes Gefühl ein: Das Sorgenkind der Nationalmannschaft ist zurück. Sanés Klasse schimmert nicht dauerhaft auf Dass Sané fußballerisch eigentlich über jeden Zweifel erhaben ist, darüber ist sich das Gros an Fans und Experten grundsätzlich einig. Doch die sportliche Klasse des 30-Jährigen schimmert eben nicht dauerhaft, sondern nur in einzelnen Partien auf. So zum Beispiel in der WM-Qualifikation im November. Vor den richtungsweisenden Spielen gegen Luxemburg und die Slowakei nahm Nagelsmann Sané in die Pflicht. "Er weiß, dass es nicht mehr unzählige Chancen gibt, sich auf Nationalmannschaftsebene zu beweisen, zumindest unter meiner Führung", sagte der Bundestrainer damals. Der Grund: Zu oft war Sané im DFB-Team unter seinen Möglichkeiten geblieben. Auf gute Auftritte folgten bei ihm in vielen Fällen nur biedere Darbietungen – was letztlich auch Sanés entscheidendes Problem unterstreicht: Seine größte Konstanz ist seit jeher die Inkonstanz. Nagelsmanns Worte schienen ihn Ende vergangenen Jahres aber zu beflügeln. Beim 2:0-Sieg in Luxemburg legte Sané den ersten Treffer von Nick Woltemade mustergültig auf, hatte dann auch beim zweiten Tor in der Entstehung seine Füße im Spiel. Wenige Tage später war er beim furiosen 6:0 über die Slowakei dann der beste Mann auf dem Platz, traf doppelt, legte ein weiteres Tor auf. Ein deutliches Zeichen des gebürtigen Esseners, dass mit ihm kurz vor dem Start ins WM-Jahr zu rechnen ist – und dass er mit Blick auf die Weltmeisterschaft eine entscheidende Rolle spielen kann. Nagelsmann gibt Sané "noch weitere" Chancen Nach dem Spiel gegen die Schweiz stehen hinter dieser Annahme aber mal wieder mehr Frage- als Ausrufezeichen. Sané ließ im vorletzten Spiel vor der Kadernominierung für die Weltmeisterschaft mal wieder eine Möglichkeit, sich nachhaltig aufzudrängen, ungenutzt. Bezeichnend: Ersatzmann Lennart Karl hatte die Schweizer Defensive nach rund 15 Minuten schon mehr in Verlegenheit gebracht als Sané in über einer Stunde. Hat der frühere Schalker also kurz vor der WM mal wieder eine seiner noch wenigen Chancen beim Bundestrainer verspielt? "Da gibt's schon noch weitere", sagte Nagelsmann auf t-online-Nachfrage bei der Pressekonferenz nach der Partie in Basel und stellte klar: "Ich erwarte jetzt nicht immer von einem Spieler, dass er zwei Tore schießt und drei vorlegt, sondern da geht's um das Gesamtbild." Sané habe seiner Meinung sein Können aufblitzen lassen. "Und das ist auch das Entscheidende, dass wir das schon sehen." Gleichzeitig ließ der Bundestrainer durchblicken, dass auch er nicht vollends zufrieden mit Sanés Leistung war. "Er muss, er kann, finde ich, heute in der ein oder anderen Situation es noch intensiver machen und noch besser machen", betonte Nagelsmann, der aber auch versuchte, die Situation seines Schützlings richtig einzuordnen. Sané erhalte grundsätzlich viel Spielzeit bei seinem Verein Galatasaray, sei aber in den vergangenen Wochen in einigen entscheidenden Spielen nicht zum Einsatz gekommen. "Diesen Rhythmus muss man auch schon immer auch ein bisschen mit berücksichtigen", so Nagelsmann. Der Bundestrainer gibt sich also vorerst noch gnädig mit Sané – womöglich auch mit der Hoffnung verbunden, dass dieser das Vertrauen schon im nächsten Test gegen Ghana zurückzahlen und jegliche Diskussion um ihn mit Blick auf die WM im Keim ersticken wird. Dass er gegen die Afrikaner wieder auf ihn setzt, daran ließ Nagelsmann dementsprechend auch keinen Zweifel. "Er hat am Montag die nächste Chance, es noch besser zu machen", sagte der Coach. Im besten Fall ist das in Basel zurückgekehrte Sorgenkind dann vielleicht gleich wieder keines mehr.