Ein "Experimentierjahr" für Gründer ist im Gespräch. Eine charmante Forderung. Und doch: Eigentlich gibt es genug Gründungen. Sie kommen nur nicht vom Fleck. Was für eine schöne Idee! Ein neues SAP gründen, und Deutschland wirtschaftlich voranbringen. Wie das geht? Gebt Gründerinnen ein Jahr Zeit, um auszuprobieren, ob sie das Zeug zum Unternehmer haben. Gebt ihnen Geld, damit sie sich in dieser Zeit ausprobieren können, ohne am Hungertuch zu nagen. Diese Idee hat der Unternehmer Carsten Maschmeyer kürzlich im t-online-Interview formuliert. Zuallererst: Das ist eine guter Vorschlag. Mehr Unternehmer und Gründerinnen haben einfach mehr neue Produkte, Geschäftsideen und Dienstleistungen. Das ist eine Frage der großen Zahl: Ein Teil der Vorhaben wird scheitern, ein paar werden vor sich hinsimmern. Wenige werden wahrscheinlich richtig erfolgreich. Aber für diese wenigen braucht man die anderen. Ein Ökosystem lebt nicht von den wenigen Prädatoren am Ende der Futterkette: Es baut auf allen Organismen auf. Top-Ökonom über Maschmeyer-Idee: "Kommt genau richtig" In einigen Städten und Regionen des Landes gibt es solche Ökosysteme für Gründer: München gehört laut Startup-Monitor 2025 dazu, Berlin , Köln und andere Städte in Nordrhein-Westfalen. Dort gibt es die kritische Masse, in der das Unternehmensgründen ansteckend wird. Gemischte Erfahrungen mit Staatsgeld für Gründer Carsten Maschmeyer hat recht, wenn er sagt, dass es noch viel mehr sein könnten. Fast jeder zweite Jugendliche oder junge Erwachsene kann sich vorstellen, irgendwann einmal Unternehmer zu werden. Doch auf dem Weg in den Beruf biegen dann doch die meisten in eine Festanstellung oder ins Beamtentum ab: Weniger als 20 Prozent gründen oder übernehmen wirklich eine Firma. Die meisten lassen es, weil sie sich das Unternehmertum nicht zutrauen, hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie herausgefunden. Hier könnte der Maschmeyer-Vorschlag eines Unternehmerjahrs auf Probe wirklich einen Unterschied machen. Dafür allerdings einen Betrag von zehn Milliarden Euro zu reservieren, wie das Carsten Maschmeyer gerne hätte, ist aus verschiedenen Gründen vielleicht doch nicht so smart. Denn erstens hat die Bundesregierung das Geld nicht. Es müsste woanders gekürzt werden. Die Wut, wenn bei der Rente gespart werden soll, auf der anderen Seite aber Gründer mit üppigen Freimonaten ausgestattet würden, möchte man sich nicht vorstellen. Und die Politikerin, die damit losmarschiert, kann man sich nicht vorstellen. So groß kann die Sehnsucht nach einem neuen SAP gar nicht sein. Zumal die bisherigen Erfahrungen mit Gründerzuschüssen und -förderung gemischt ausgefallen sind. Zwischen 2003 und 2006 gab es die Förderung der sogenannten Ich-AG. Damit konnten sich Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen, und sie bekamen monatlich Geld von der Jobagentur dazu. Im Spitzenjahr 2004 gründeten mehr als 350.000 Leute. Auf dem Papier mit guten Quoten: Nach zwei Jahren existierten noch drei Viertel dieser Unternehmen. Ein neues SAP war allerdings nicht dabei. Die Gründerinnen gingen je nach Maßnahme mit durchschnittlich knapp 15.000 oder knapp 300.000 Euro im Jahr nach Hause. Die Kosten für die Programme waren dagegen mit rund 3,3 Milliarden Euro im Jahr beträchtlich. Ein Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen , das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung wissenschaftlich begleitet wurde, stellte zwar hohe Zufriedenheit bei den Grundeinkommensbegünstigten fest – aber leider keine höhere Gründertätigkeit. Immer mehr Uniabsolventen denken übers Gründen nach Dazu kommt die Frage, ob in Deutschland eine kritische Masse an Gründern tatsächlich noch fehlt. 2025 wird vom Startup-Verband als Rekordjahr für neue Gründungen gefeiert, und in den großen Universitätsstädten können sich immer mehr Absolventinnen und Absolventen vorstellen, Unternehmer zu werden. Die deutsche Klippe liegt woanders im Gründungsgeschehen: wenn es nämlich nach den ersten Jahren nicht mehr weitergeht. Eine Firma SAP wächst nicht aus einer Mini-Softwarebude, ein Unternehmen wie Biontech floriert nicht aus dem betriebswirtschaftlichen Können von zwei Medizinern, die immer bescheiden bleiben. Solche Firmen brauchen ehrgeizige Leute, die schnell vorankommen und wachsen wollen, Gründer, und die verkaufen, wenn sie und die Firma nicht mehr zueinanderpassen. Sie brauchen Geldgeber, die das mitmachen und anfeuern. Neue EU-Regel könnte helfen Aus dem Gründermangel ist längst ein Scale-up-Problem geworden. In den USA bekommen sie Geld für das Wachstum, andere junge Unternehmer feiern sie für den Erfolg. In Deutschland und Europa aber passiert das in der Regel nicht. Auch deshalb gehen viele junge Unternehmer nach der Startphase ins Ausland, und sie kommen nicht mehr zurück. Statt SAP zu werden, werden sie ein Teil von Apple , Meta oder Google. Eine Scale-up-Strategie sei in Arbeit, meldet das Bundeswirtschaftsministerium. Allerdings scheint das Arbeitstempo in dieser Frage eher gemessen zu sein. Die Strategie werde fix geschrieben und dann zügig zwischen allen Ressorts besprochen, damit ganz schnell etwas passiere, heißt es auf der Webseite. Datum vom 14. Januar. Seitdem herrscht Funkstille. Dass die jungen Firmen nicht schnell genug wachsen, liegt aber nicht nur an der Finanzierung und am Management. Es liegt auch nicht nur an der immer noch fehlenden Scale-up-Strategie. Ausgerechnet der europäische Binnenmarkt ist eine der größten Spaßbremsen für ehrgeizige Gründer. Denn der Binnenmarkt steht ihnen zum Wachsen nur theoretisch zur Verfügung. Wer als Gründerin das Potenzial dieses Marktes ausschöpfen will, muss sich in allen 27 Ländern der Europäischen Union registrieren lassen, muss die Besonderheiten der unterschiedlichen Verbraucherpolitik 27-mal respektieren. Das will die EU mit dem sogenannten 28. Regime ändern. Start-ups sollen sich künftig in einem virtuellen 28. Mitgliedsland der EU registrieren können, in dem niedrige Steuern, zurückhaltende Regulierung und vor allem volle Digitalität herrschen. Das 28. Land der Europäischen Union wäre vermutlich eines, in dem sich Carsten Maschmeyer wohlfühlen würde. Auch da hätte er recht.