Formel 1 in der Krise: Rennabsagen wegen Iran-Krieg sind auch eine Chance

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Die Absage von zwei Rennen aufgrund des Iran-Kriegs hat die Formel 1 in eine einmonatige Zwangspause geschickt. Der Rennserie kommt das gelegen. Sie hat einige Probleme zu lösen. Es ist eine Zwangspause zur richtigen Zeit für die Formel 1 . Durch die wegen des Kriegs im Iran abgesagten Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien pausiert die Königsklasse des Motorsports zurzeit für einen ganzen Monat. Was wirkt wie ein Fluch, könnte sich allerdings schnell als Segen für die Rennserie entpuppen. Denn nach nur drei Rennen unter dem zur aktuellen Saison neu eingeführten Reglement ist die Unruhe bereits riesig. Kern des Ärgers sind die neuen Motoren, die nun zur Hälfte elektronisch betrieben werden. Das zwingt die Fahrer zum konstanten Haushalten mit der Batterie, nicht selten müssen sie frühzeitig vom Gas gehen oder Kurven nicht mit maximaler Geschwindigkeit durchfahren, um Energie zu laden. Vielen Fahrern gefällt das gar nicht. "Es schmerzt mir die Seele", hatte Weltmeister Lando Norris zuletzt beklagt. Vierfach-Champion Max Verstappen brennt jede Woche aufs Neue ein Kritik-Feuerwerk ab, spielte sogar öffentlich mit Rücktrittsgedanken. Ein Crash beim letzten Rennen in Japan wirft zudem Fragen bei der Sicherheit auf. Die Formel 1 reagierte und berief bereits ein Treffen mit Teams und Motorenbauern ein, um über Reparaturen am neuen Regelwerk zu beraten. Doch das wird eine große Herausforderung. Gründe, an dem gerade erst eingeführten Reglement schon wieder zu schrauben, gibt es genug. So ist etwa die Kritik der Fahrer omnipräsent. Norris und Verstappen sind zwar die zwei prominentesten, jedoch bei Weitem nicht die einzigen Kritiker. Ferrari-Pilot Charles Leclerc verhöhnte etwa die zahlreichen Überholmanöver, die durch einen Elektro-Boost, den die Fahrer im Rennen in Zweikämpfen verwenden dürfen, ermöglicht werden. Formel 1 oder Mario Kart? Für ihn haben die Manöver einen Charakter wie im Videospiel Mario Kart, wo die Spieler mit einem "Turbo-Pilz" ebenfalls per Knopfdruck an ihren Konkurrenten vorbeiziehen können. Überholen hängt in den Augen der Kritiker nicht mehr so sehr vom fahrerischen Können ab, sondern nur noch von der Batterie. "Du boostet vorbei, dann geht dir auf der nächsten Geraden die Batterie aus und sie boosten wieder an dir vorbei", hatte auch schon Verstappen gemeckert. "Für mich ist das einfach ein Witz", so der Niederländer. Altmeister Fernando Alonso , selbst zweimaliger Weltmeister, kritisierte noch einen anderen Aspekt. Durch die Notwendigkeit die Batterie wieder zu laden, sei es in vielen Kurven gar nicht mehr möglich ans Limit zu gehen. Stattdessen fahre man deutlich langsamer als es eigentlich möglich wäre. "Selbst unser Koch kann das Auto mit dieser Geschwindigkeit fahren", beklagte auch er, dass die fahrerische Qualität so keinen Unterschied mehr mache. Unfall wirft Sicherheitsbedenken auf Seit dem Rennen in Japan ist zudem auch die Sicherheit der Piloten in den Mittelpunkt gerückt. Bereits vor Wochen hatten die Piloten, darunter auch Weltmeister Norris, vor heftigen Auffahrunfällen gewarnt. Durch unterschiedliche Batterieladung und den Überholboost könne es auf der Strecke zu Geschwindigkeitsunterschieden von bis zu 50 Kilometern pro Stunde kommen, warnte er. "Es ist Chaos", sagte Norris nach dem Rennen in Australien: "Wir werden einen großen Unfall haben." Die Fahrer könnten "nur darauf warten, dass etwas passiert und etwas furchtbar schiefgeht, und das ist keine angenehme Situation". Norris weiter: "Wenn man sich bei dieser Geschwindigkeit trifft, dann fliegst du, dann fliegst du über den Zaun, und du kannst dir und vielleicht auch anderen großen Schaden zufügen. Das ist ein ziemlich schrecklicher Gedanke". In Japan schienen sich seine Warnungen dann zu bewahrheiten. Haas-Pilot Oliver Bearman schloss mit hohem Geschwindigkeitsüberschuss auf Franco Colapinto auf. Zwar konnte er dem Alpine gerade noch ausweichen, kam dabei aber von der Strecke ab, verlor die Kontrolle und schlug mit hoher Geschwindigkeit in die Streckenbegrenzung ein. Dabei zog er sich eine schwere Knieprellung zu. Williams-Pilot Carlos Sainz fand daraufhin deutliche Worte: "Wir haben schon lange davor gewarnt, dass so etwas passieren könnte", sagte er. Vor dem nächsten Rennen in Miami müsse eine Lösung her, denn gerade auf Stadtkursen, wo es weniger Auslaufzonen gibt als auf normalen Rennstrecken, könne ein derartiger Unfall noch schlimmer ausgehen. "Stellen Sie sich nun vor, Sie fahren in Baku, Singapur oder Las Vegas", sagte Sainz, wo solche "Unfälle direkt neben den Mauern" stattfinden würden. Die Regelhüter des internationalen Automobilverbandes Fia kündigten daraufhin an, dass "nach der ersten Phase der Saison eine strukturierte Überprüfung stattfinden werde". Genau mit diesen Analysen wurde nun begonnen. Dass die Technikchefs der Teams und vor allem Vertreter der Motorenbauer bei den Beratungen dabei waren, ist dabei entscheidend. Denn Anpassungen am Reglement haben gleich mehrere Hürden. Neue Regeln lockten Hersteller an Das größte Hindernis: Das neue Reglement war ein Hauptargument dafür, neue Hersteller wie Audi , Ford und Cadillac zu einem Einstieg in die Formel 1 zu bewegen. Der größere Elektroanteil der Motoren spiegelt den Trend der Autoindustrie hin zur Elektro-Mobilität besser wider. So können die Hersteller in der Formel 1 die Technologie weiter vorantreiben und auf bessere Vermarktungschancen für ihre Hybrid-Serienfahrzeuge hoffen. Gegen einen Kurswechsel zurück zu einem größeren Verbrenneranteil würden sich die Hersteller also wohl sträuben. Das gilt allen voran auch für Mercedes und Ferrari , die bislang mit dem neuen Reglement am besten zurechtkommen. Änderungen dürften ihnen schon aus sportlicher Sicht nicht schmecken. Nicht umsonst beteiligten sich die Mercedes-Piloten George Russell und Kimi Antonelli, die die ersten drei Rennsiege unter sich aufteilten, bislang nicht an der Kritik der anderen Fahrer. Ferrari-Pilot Lewis Hamilton lobte sogar das Fahrgefühl der neuen Boliden. "Das ist die beste Art des Rennfahrens. Und die Formel 1 war seit langem nicht mehr die beste Form des Motorsports", sagte er. Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff sagte angesichts der vielen Überholmanöver: "Die Formel 1 verändert sich und entwickelt sich zum puren Rennsport." Änderungen wären technisch komplex Ob speziell Mercedes umfassenden Regeländerungen zustimmen und damit unter Umständen den eigenen Vorteil aufgeben würde, scheint mehr als fraglich. Regeländerungen gegen den Widerstand einzelner Teams durchzusetzen, wäre gleichwohl schwierig. Doch auch ohne die Gegenwehr einzelner Teams wäre ein radikaler Kurswechsel wohl nur schwer zu verwirklichen. Denkbare Änderungen, wie etwa bei der Energiemenge, die Runde für Runde geladen werden darf, oder die Erhöhung des Verbrenneranteils wären technisch komplex und somit wohl nur mittelfristig frühestens zur kommenden Saison umsetzbar. Wahrscheinlicher wären kleinere Änderungen etwa am Qualifying-Modus, um wenigstens dort wieder Fahrten bei Vollgas zu ermöglichen. Ob das die Fahrer befriedet, ist fraglich, Sicherheitsbedenken wären damit wohl kaum ausgeräumt. Die Herausforderung für Formel 1, Fia und Teams ist also riesig. Die einmonatige Pause bietet immerhin überraschend viel Zeit, um die Köpfe für Beratungen zusammenzustecken. Ob die Formel 1 tatsächlich schon beim nächsten Rennen in Miami am 3. Mai ein ganz neues Gesicht zeigt, bleibt abzuwarten.
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