Eckbälle galten lange als Mittel zum Zweck. Nun sind sie zur gefährlichen Waffe im modernen Fußball geworden. Was dahintersteckt. Abstiegskrimi in Köln am vergangenen Sonntag. In der 65. Minute bringt Alessio Castro-Montes einen Eckball in den Strafraum von Werder Bremen . Dort ergibt sich plötzlich ein komplettes Mismatch: Köln-Verteidiger Cenk Özkacar (1,90 m) steigt gegen Romano Schmid (1,68 m) zum Kopfball hoch. Der Ball trifft den Pfosten, Ragnar Ache stochert nach und besorgt das 2:0 für die Heimmannschaft gegen den Abstiegsrivalen. Im Anschluss rennt Özkacar zu Kölns Trainer René Wagner. Die geplante Eckballvariante funktioniert. Denn an der Fünfmeterraumgrenze bindet Özkacar sowohl Senne Lynen als auch Schmid, am Ende versucht Lynen noch zum zweiten Kölner Verteidiger Jahmai Simpson-Pusey zu gelangen, weil er wohl glaubt, der Eckball würde dorthin gehen. In jedem Fall stiftet man genügend Konfusion. Dieses Tor ist nur eines von vielen Beispielen in dieser Saison. Der europäische Spitzenfußball hat die Eckbälle wieder für sich entdeckt, eine regelrechte Eckball-Revolution wurde bereits vor einer Weile von Teams wie dem aktuellen englischen Tabellenführer FC Arsenal ausgelöst. In der Premier League zum Beispiel fiel in dieser Saison nahezu jedes fünfte Tor nach einem Eckstoß. In der Bundesliga wurden bis jetzt 22 Prozent der Tore per Standardsituation erzielt. Kreuzen, Blocken, Innenschnitt An sich liegen die Gründe für diesen Erfolg auf der Hand: Teams besitzen heute Techniktrainer, die sich auf Elemente des Spiels spezialisieren und etwa Eckballvarianten nicht nur konzipieren, sondern mit dem Team regelmäßig einstudieren. Arsenals-Techniktrainer Nicolas Jover ist mittlerweile über die Zirkel von Fußball-Nerds hinaus bekannt. Eckbälle sind komplett repetitiv. Anders als bei Freistößen, wo sich der Ort der Ausführung ständig ändert, kann man Ecken ganz einfach im Training üben. Zugleich befindet sich das angreifende Team stets im Vorteil. Die verteidigende Mannschaft kann sich zuvor anhand von Videomaterial vorbereiten, muss trotzdem spekulieren, wie genau die gegnerische Mannschaft bei einer Ecke anlaufen wird. Viele Bundesligisten spielen entweder reine Manndeckung oder eine Mischung aus Mann- und Zonenverteidigung. Oftmals ist es so, dass ein Spieler als Verteidiger an der vorderen Fünfmeterraum-Kante platziert ist, ein weiterer vielleicht am Elfmeterpunkt oder am zweiten Pfosten und der Rest verteidigt Mann-gegen-Mann. Die angreifenden Teams versuchen derweil mehrere Dinge. Sie kreuzen beim Anlaufen oder rennen aus einem Pulk heraus, um die Verteidiger zu verwirren. Außerdem werden Spieler genutzt, um den Laufweg von Verteidigern zu blockieren. Blocken ist schließlich erlaubt. Wenn ein Spieler also stehen bleibt, der Gegenspieler losläuft und nicht an diesem vorbeikommt, ist das regelkonform. Regelwidrig ist es nur, wenn sich Spieler A bereits im Laufen oder Sprinten befindet und dann Spieler B in seinen Weg tritt. Die Qualität der Eckbälle, genauer gesagt die Ausführung der Flanke, hat sich zugleich merklich verbessert. Fans des FC Bayern erinnern sich vielleicht noch an das Aufstöhnen, wenn Joshua Kimmich vor Jahren eine Ecke einfach in den Strafraum brachte, aber nichts dabei herauskam. Mittlerweile wird von den Ausführenden verlangt, dass sie den vorher festgelegten Zielkorridor, etwa die Zone am zweiten Pfosten, mit ihrer Hereingabe ansteuern können. Ansonsten nützen die vorherigen Läufe oder auch das Blocken durch die Angreifer nichts. Zudem hat sich herauskristallisiert, dass Ecken am effektivsten mit Schnitt nach innen getreten werden: der Linksfuß von der rechten Seite und der Rechtsfuß von der n Seite. Am Rande der Regelverstöße Ein weiteres Offensivelement bei Ecken hat sich der Männerfußball teilweise vom Frauenfußball abgeschaut. Im Fußball der Frauen ist es seit jeher an der Tagesordnung, dass der Fünfmeterraum zugestellt wird. Die Torhüterinnen sind im Schnitt etwas kleiner als ihre männlichen Kollegen und sollen daran gehindert werden, überhaupt an den Ball zu gelangen, wenn dieser hoch vor das Tor geflankt wird. Und diese Denkweise funktioniert auch im Männerbereich. Teams wie Arsenal stellen mit fünf oder sechs Spielern den gegnerischen Fünfmeterraum zu. In der Bundesliga wird der Torwart bereits seit 2012 im Fünfmeterraum bei der Bewertung von Zweikämpfen als normaler Spieler behandelt. Trotzdem ist nicht einfach alles erlaubt, und die Schiedsrichter sind sich darüber im Klaren, dass sich viele angreifende Teams bei Eckbällen am Rande der Regelverstöße bewegen. In der Bundesliga ermahnen die Unparteiischen zuweilen auch vor der Ausführung den einen oder anderen Spieler. Der Videoassistent (VAR) kann jedoch laut den festgelegten Regeln erst nach der Ausführung der Ecke eingreifen, nicht davor, wenn schon wichtige Läufe und Blocks stattfinden. Das heißt auch, dass Schiedsrichter ähnlich wie die Mannschaften vor den Partien in die Analyse gehen und sich auf bestimmte Tendenzen und Eckballvarianten vorbereiten. Alex Feuerherdt, Mediensprecher der DFB-Schiedsrichter, erklärte: "Du bereitest dich als Schiedsrichter mehr als vor Jahren darauf vor." Man beschäftige sich mit Laufwegen und bestimmten Mustern. Zugleich ist es aufgrund der angesprochenen Trends wichtig für die Offiziellen, einen Korridor festzulegen, was in Ordnung und was regeltechnisch nicht mehr erlaubt ist. Größe ist nicht mehr das einzig entscheidende Attribut Manch ein Konzept, das wir in diesen Tagen beobachten können, ist altbekannt. Selbst die Diskussion rund um die Gangart bei Ecken. Arsène Wenger kritisierte schon vor vielen Jahren als damaliger Arsenal-Trainer die "Rugby"-Spielweise von Stoke City bei Ecken. Mittlerweile agieren die Nord-Londoner selbst beinhart bei Standardsituationen. Was sicherlich heute anders als noch in den 2000ern oder 2010ern eine Rolle spielt, sind die statistischen Analysen der Teams. Zunehmend werden Luftzweikampf-Metriken genutzt, um zu ermitteln, wie hoch die Erfolgschancen eines jeden Spielers bei Kopfballduellen sind. Also reine Größe ist nicht mehr das einzig entscheidende Attribut, auch wenn es sicherlich hilft, wenn ein 1,90-Meter-Hühne wie Cenk Özkacar einfach über den kleineren Romano Schmid hinwegsteigen kann.