Gesetzliche Rente nur noch Basisabsicherung: Was Friedrich Merz damit meint

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Die gesetzliche Rente allein wird nicht reichen, sagt Kanzler Merz. Das ist nicht neu, und doch fehlten bislang ertragreiche Alternativen. Das soll sich zwar bald ändern, doch ein Problem dürfte ungelöst bleiben. Ein guter Gast bringt gute Laune mit und einen gewissen Willen zur Harmonie. Das weiß offenbar auch der Bundeskanzler und recycelte am Montagabend beim Jubiläumsempfang des Bankenverbands Teile einer Rede, mit denen er schon beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse offene Türen eingerannt hatte . "Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter", sagte Friedrich Merz . Zusätzlich seien "kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersversorgung" erforderlich, und zwar "in weit größerem Umfang, als wir sie gegenwärtig weitgehend auf der Basis von Freiwilligkeit haben." SPD attackiert Merz: "Größte Rentenkürzung in der Geschichte unseres Landes" Was mehr Kapitaldeckung bei der Rente bedeutet "Kapitalgedeckte Elemente" – das ist Musik in den Ohren jedes Bankers und Börsianers. Denn damit ist gemeint, dass Versicherte oder Sparer Geld am Kapitalmarkt anlegen, etwa in Aktien und ETFs , um später Leistungen wie zum Beispiel Renten aus dem so gebildeten individuellen Vermögen zu finanzieren. Mit anderen Worten: Es ist das Gegenteil des Umlageverfahrens bei der gesetzlichen Rente , bei dem Leistungen aus laufenden Beiträgen anderer bezahlt werden. Bankern und Börsenhändlern gefällt das, denn mehr Kapitaldeckung bedeutet mehr Geld für ihre Arbeitgeber. Und wenn man es richtig anstellt, auch für die Versicherten und Sparer. Trotzdem dürfte Merz' Bekräftigung, dass die private Altersvorsorge und die betriebliche Altersversorgung künftig eine größere Rolle spielen werden als bisher, manch einen aufgeschreckt haben. Was soll es genau bedeuten, dass die gesetzliche Rente nicht mehr ausreichen werde, "auf Dauer den Lebensstandard zu sichern"? Rentenlücke: So viel Geld fehlt den Deutschen pro Monat Schritt für Schritt: So holen Sie das meiste aus Ihrer Rente raus Hart formuliert könnte man sagen: Wer sich über diese Aussagen von Merz erschreckt, hat die vergangenen 25 Jahre wohl verschlafen. Schon seit 2001, mit Verabschiedung der Riester-Rente, gilt, dass die gesetzliche Rentenversicherung nur die Basisversorgung für den Ruhestand gewährleistet. Ergänzend müssen die Bürger betrieblich und privat vorsorgen, um den Lebensstandard im Alter halten zu können. So sieht es das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge vor. Die Einführung der Riester-Rente war Teil einer umfassenden Rentenreform , bei der das Rentenniveau der gesetzlichen Rentenversicherung gesenkt wurde, um die Beitragssätze stabil zu halten. Diese gerieten schon damals unter Druck, weil immer weniger Beitragszahler für immer mehr Rentner aufkommen mussten. Die Riester-Rente sollte die Versorgungslücke schließen, die durch die Senkung des Rentenniveaus entstanden ist. Der Deal lautete: Die Bürger sorgen zusätzlich privat vor, dafür belohnt sie der Staat mit Zuschüssen und Steuervorteilen. Rente sich, wer kann. Inzwischen wissen wir jedoch: Das hat für die meisten Sparer nicht funktioniert. Die Riester-Rente erwies sich als zu teuer, zu kompliziert und zu renditeschwach. Zwar wuchs die Zahl der Riester-Verträge nach der Einführung schnell und erreichte Ende 2017 mit mehr als 16,6 Millionen ihren Höchststand. Seit 2018 ist die Entwicklung jedoch rückläufig. Ende 2024 gab es laut Regierungsangaben noch knapp 15 Millionen Verträge, bis zu ein Viertel davon wird aber nicht mehr aktiv bespart. Von vielen Riester-Verträgen profitierten in der Folge nicht die Sparer, sondern die Anbieter. Berechnungen des Geldratgebers "Finanztip" zufolge erreichen die Verträge oft nur Renditen von etwa einem Prozent bis zum 85. Lebensjahr . Damit lässt sich also nicht einmal die Inflation ausgleichen. Reformen bei privater und betrieblicher Vorsorge Die Bundesregierung hat daher vor Kurzem eine Reform der Riester-Rente auf den Weg gebracht. Stimmt nach dem Bundestag auch der Bundesrat zu, können Sparer ab 2027 ihr Geld erstmals auch selbst am Kapitalmarkt anlegen und dafür staatliche Förderung erhalten. Die Details zu den Änderungen bei der privaten Altersvorsorge lesen Sie hier. Auch eine Reform der Betriebsrente ist bereits in Kraft getreten. Sie soll es vor allem kleineren Unternehmen und Beschäftigten mit geringen Einkommen erleichtern, betrieblich vorzusorgen. Damit hat die Bundesregierung bereits Tatsachen geschaffen, noch bevor die Rentenkommission ihre Vorschläge für Reformen vorlegen konnte. Bis Ende Juni soll das Gremium unter anderem "eine neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau über alle drei Rentensäulen prüfen", heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD . Sie soll also definieren, wie viel jede Säule zur Versorgung im Alter beitragen soll. Dass die Koalition schon vorgeprescht ist, passt zu den Aussagen von Kanzler Merz bei der Deutschen Börse und jetzt erneut beim Bankenverband. Die Rentenkommission möge die drei Säulen bitte im Verhältnis zueinander neu gewichten, aber in jedem Fall so, dass die private und die betriebliche Säule mehr Lasten tragen. Neue Kenngröße als sozialpolitische Zielmarke? Spannend wird, ob das Gremium die neue Kenngröße nur als Rechenergebnis versteht, dem es bestimmte Annahmen zugrunde legt – etwa beim Rentenniveau, das den "Standardrentner" als Beschäftigten definiert, der 45 Jahre lang immer zum Durchschnittsverdienst arbeitet –, oder ob es das neue Gesamtversorgungsniveau als sozialpolitische Zielmarke versteht. Sprich: Wie viel Geld soll am Ende eigentlich für die Bürger über alle drei Säulen herausspringen, damit sie im Alter gut leben können? Und wie kann man das am besten erreichen? So jedenfalls will auch die Deutsche Rentenversicherung selbst das Gesamtversorgungsniveau verstanden wissen. "Wir brauchen ein Leitbild für die Zukunft der Rente", sagte die alternierende Vorsitzende des Bundesvorstands der Deutschen Rentenversicherung Bund, Anja Piel, schon im vergangenen November auf einer Veranstaltung vor Journalisten, und wies auch darauf hin, dass dieses politische Ziel über "sich ergänzende Systeme" erreicht werden sollte. Die eigentliche Schwierigkeit wird jedoch wie bisher darin bestehen, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung schlicht kein Geld zur Verfügung hat, um zusätzlich vorzusorgen. Sollte die gesetzliche Rente künftig noch weniger abwerfen als ohnehin schon, trifft es diese Menschen besonders hart.
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