Geopolitische Krisen weltweit – und Gold fällt, statt zu steigen. Ein Experte erklärt, warum das kein Widerspruch sein muss und welche Schlüsse Anleger jetzt daraus ziehen sollten. Kaum fällt der Goldpreis stärker als erwartet, kommen Zweifel auf: Ist das nur eine Spekulationsblase oder der Beginn eines längeren Absturzes? Und hat Gold seine Rolle als Krisenschutz verloren? Finanzstratege, Buchautor und Edelmetallhändler Ronny Wagner erklärt im Gespräch mit t-online, warum der Preisrückgang im März Anleger verunsichert, ob sich daraus Chancen ergeben – und warum Goldkäufer einen entscheidenden Punkt übersehen. t-online: Herr Wagner, hat Sie der starke Kursrückgang bei Gold überrascht? Ronny Wagner: Ja, tatsächlich. Das hat mich verwundert, dass der Goldpreis so stark nachgegeben hat – gerade weil man aus der Vergangenheit im Kopf hat: Krisen wirken sich tendenziell positiv auf den Goldpreis aus. In solchen Phasen profitiert Gold normalerweise. Wie erklären Sie sich dann den Rückgang von knapp 20 Prozent? Dass es dieses Mal anders lief, hat vor allem damit zu tun, dass Investoren plötzlich sehr viel Liquidität nachgefragt haben. Es gab also einen Liquiditätsschock? Ja. Das ist ein typischer Reflex in einer geopolitischen Krise mit ungewissem Ausgang. Viele Investoren gehen dann in die Leitwährung US-Dollar , verkaufen also Gold und halten Cash. Diese Liquidität wird etwa gebraucht, um Positionen an den Terminmärkten abzusichern, also Margin Calls zu bedienen. Gleichzeitig haben nach dem Kriegsbeginn im Iran auch andere Anlageklassen wie Aktien oder Fonds gelitten. In solchen Phasen gehören Gewinnmitnahmen ebenfalls dazu. Wenn Investoren Gelder abziehen, wird Gold oft zuerst verkauft, weil es ein gut handelbarer realer Vermögenswert ist. All das spricht aber nicht gegen Gold an sich – es ist vielmehr ein klassischer Liquiditätsschock. War die vergangene Rally eine Scheinrally – und müssen Anleger lernen, dass auch Gold keine Einbahnstraße ist? Die Kursanstiege der letzten Jahre haben auch Spekulanten in den Markt gezogen. Die ziehen sich bei Rückgängen schnell wieder zurück. Viele Menschen sehen Gold aber gar nicht als Investment, sondern als Absicherung gegen ein fragiles Finanzsystem. Es geht ihnen nicht um Rendite , sondern um Schutz. Deshalb waren viele überrascht, dass Gold sich plötzlich anders verhält als früher. Ich glaube aber, dass jetzt wieder die Anleger die Oberhand gewinnen, die Gold als Absicherung halten. War am Ende nicht jeder ein Spekulant, der zu Höchstkursen eingestiegen ist? Das würde ich so nicht sagen. Wer physisches Gold kauft, tut das meist aus einem Sicherheitsgedanken heraus – aus Sorge um den Zustand des Finanzsystems. Daneben gibt es Anleger, die über Finanzprodukte wie ETCs in Rohstoffe investieren. Diese reagieren naturgemäß stärker auf Kursbewegungen. Sie kommen bei steigenden Preisen in den Markt und gehen bei Korrekturen schneller wieder raus. Das hat man zuletzt gut gesehen: Während der Preis gefallen ist, haben physische Goldbesitzer in der Regel nicht verkauft. Steigende Preise durch den Iran-Konflikt könnten die Inflation erhöhen. Wird Gold weiter unter Druck stehen? Ich sehe nicht, dass Gold in einer längeren Korrekturphase feststeckt. Es wird sich wieder stabilisieren. Gleichzeitig ist nicht erkennbar, warum der Ölpreis auf Dauer deutlich sinken sollte, selbst wenn es kurzfristig Entspannungssignale gibt. Es ist eher wahrscheinlich, dass wir in eine Phase steigender Inflation laufen. Die durchschnittlichen rund zwei Prozent seit der Einführung des Euro könnten der Vergangenheit angehören. Höhere Inflationsraten würden aus meiner Sicht auch die Nachfrage nach Gold – gerade bei privaten Investoren – wieder erhöhen. Würden Zentralbanken bei steigender Inflation nicht die Zinsen erhöhen – zulasten von Gold? Das ist das Triffin-Dilemma ( Anm. d. R. siehe Kasten ). Die zentrale Frage ist: Wie weit kann man Zinsen überhaupt anheben, ohne die bestehenden Schulden untragbar zu machen? Ich glaube nicht an einen dauerhaft starken Zinsanstieg. Kurzfristige Schritte sind möglich, aber die Währungshüter werden schnell an Grenzen stoßen. Einen beliebig hohen Anstieg der Leitzinsen wird es aus meiner Sicht nicht geben – selbst wenn die Inflation deutlich steigt. Was spricht langfristig für Gold? Ich rate Anlegern, nicht auf jede Nachricht zu reagieren oder ihr Portfolio ständig umzuschichten. Entscheidend ist der langfristige Blick. Die Aufwärtstrends der vergangenen 25 Jahre sind weiterhin intakt. Keines der grundlegenden Probleme ist gelöst: die Rolle des Dollars als Weltleitwährung, steigende Staatsverschuldung, die Nachfrage der Zentralbanken und ein insgesamt fragiles Finanzsystem. Das ist genau das Umfeld, in dem Gold traditionell gefragt ist. Wie realistisch sind Preisprognosen wie 8.000 Dollar bis 2030? Prognosen sollte man mit großer Vorsicht betrachten. Wenn man sich anschaut, wer in den vergangenen Jahren richtig gelegen hat, wird schnell klar: Treffer und Fehleinschätzungen wechseln sich ab. Ich empfehle Anlegern, sich davon nicht leiten zu lassen. Wichtiger ist es, das Geldsystem zu verstehen und langfristige Entwicklungen im Blick zu behalten. Prognosen wirken oft überzeugend, aber das Fundament dahinter ist häufig fragil. Gold nach dem Kursrutsch: Prognose einer US-Bank erregt Aufsehen Wie hoch sollte der Goldanteil im Depot sein? Aus meiner Sicht gibt es drei zentrale Bausteine: etwa 30 Prozent physisches Gold und Silber als Basis, also Anlagen außerhalb des Finanzsystems. Dazu eine hohe Liquiditätsquote – auch in verschiedenen Währungen wie Schweizer Franken oder norwegischer Krone. Und schließlich 10 bis 20 Prozent in Aktien. Dabei sollte man nicht nur auf Technologie setzen, sondern auch auf Rohstoffe und Energie, denn diese bilden die Grundlage vieler Geschäftsmodelle. Sie sagen, der Denkfehler liegt im Timing – was meinen Sie damit? Wenn man Gold wie eine Aktie betrachtet, spielt Timing natürlich eine große Rolle. Aber genau das ist aus meiner Sicht der falsche Ansatz. Wer auf den perfekten Einstieg wartet, denkt wie ein Spekulant und verpasst oft die eigentliche Gelegenheit. Gold ist kein kurzfristiger Trade, sondern eine Absicherung gegen genau die Phasen, die wir gerade erleben. Deshalb geht es nicht um ‚alles oder nichts‘, sondern um ein schrittweises Aufbauen. Die Erfahrung zeigt: Klarheit kommt meist erst dann, wenn die Preise schon wieder gestiegen sind. Wenn Gold also günstiger zu haben ist, kann das durchaus eine Chance sein.