Hohe Spritpreise: Top-Ökonom rechnet mit Dieselpreis von drei Euro

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Die Bundesregierung hat Entlastungen für Autofahrer beschlossen. Ökonom Marcel Fratzscher fordert weitere Maßnahmen – und hat einen überraschenden Vorschlag, wo das Geld dafür herkommen könnte. Steigende Lebensmittelpreise, teurer Sprit, wachsende Unsicherheit: Die Deutschen spüren die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs inzwischen ganz konkret im Alltag. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher , sieht darin erst den Anfang. Im Gespräch mit t-online warnt er vor weiter steigenden Lebensmittelpreisen infolge geopolitischer Spannungen, möglichen Versorgungsproblemen bei Energie und sogar Einschränkungen im Flugverkehr . Zugleich kritisiert er die Bundesregierung für den Tankrabatt scharf und spricht von einer "Mogelpackung" bei den Entlastungen. Warum er Deutschland für zu optimistisch hält, welche sozialen Folgen er befürchtet und weshalb er sogar den Verkauf deutscher Goldreserven ins Spiel bringt, erklärt er im Interview. Carsten Maschmeyer im Interview: "Herr Merz, hören Sie auf, an Ihr Ego zu denken" Top-Ökonom Fratzscher über Maschmeyer-Idee: "Kommt genau richtig" t-online: Herr Fratzscher, ärgern Sie sich manchmal im Supermarkt, weil ein Produkt deutlich teurer geworden ist? Marcel Fratzscher: Ehrlich gesagt selten, weil es immer mal Dinge gibt, die zeitweise teuer sind, etwa frisches Gemüse. Ärgern würde ich es auch nicht nennen. Ich habe das Privileg, gut zu verdienen. Aber klar: In den vergangenen fünf Jahren sind die Preise in Supermärkten im Durchschnitt um knapp ein Drittel gestiegen, manche Produkte deutlich stärker. Grund sind die gestiegenen Energiepreise, die sich in der Herstellung der Lebensmittel niederschlagen. Befürchten Sie einen weiteren Preisanstieg in den kommenden Wochen und Monaten? Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Gerade durch den Iran-Konflikt werden die Preise für Lebensmittel weiter steigen – mit Zeitverzögerung. Wieso? Es geht ja nicht nur um Öl und Gas, sondern auch um Dünger, der durch die Straße von Hormus transportiert wird. Wenn Felder nicht ausreichend gedüngt werden können, zeigt sich das erst Monate später bei den Ernten – und dann bei den Preisen. Wir werden gerade bei Lebensmitteln noch Steigerungen sehen. Und wenn dann noch die Mehrwertsteuer erhöht wird – was nicht auszuschließen ist –, ist das ein doppelter Schock. Die Menschen werden sich daran gewöhnen müssen, dass Lebensmittel in den kommenden Jahren deutlich schneller teurer werden als andere Produkte. Sie haben die Straße von Hormus angesprochen. Die Blockade könnte noch Monate anhalten. Wie teuer kann es werden? Schwer zu sagen. Die Preissprünge aus dem Jahr 2022 sind ein guter Vergleichswert. Damals sind die Lebensmittelpreise in einem Jahr um etwa 20 Prozent gestiegen. Die Krise betrifft viele Lieferketten gleichzeitig. Das kennen wir aus der Pandemie – plötzlich fehlt ein Rohstoff oder ein Produkt. Deshalb wäre ich vorsichtig. Wir müssen uns in den nächsten ein bis zwei Jahren immer wieder auf Unterbrechungen einstellen – und damit auf Preissprünge. Könnte sich also ein Preisszenario wie 2022 wiederholen? Ja. Die Lebensmittelpreise könnten um mehr als 20 Prozent steigen, das halte ich für realistisch. Die Internationale Energieagentur sagt: Dieser Energieschock ist größer als 2022 – vielleicht sogar größer als in den Siebzigerjahren. Damals gab es eine massive Rezession. Das wird hoffentlich diesmal nicht so kommen, da die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern heute geringer ist als damals und auch weil Zentralbanken und andere Institutionen besser vorbereitet sind. Dennoch unterschätzen wir die Risiken. Im Moment dominiert das Prinzip Hoffnung: Es wird schon gutgehen. Das sieht man auch an den Finanzmärkten. Der Börsenboom passt eigentlich nicht zur Weltlage. Auch bei Öl und Gas gehen die Märkte davon aus, dass die Preise bald wieder sinken. Meine Sorge ist: Wir sind zu optimistisch – und weder Unternehmen noch Politik sind vorbereitet. In den vergangenen Tagen gab es vermehrt Warnungen wegen Kerosinknappheit. Wie ernst sollten wir das nehmen? Sehr ernst. Klar, wir sollten keine Panik schieben. Deshalb verstehe ich auch die Bundeswirtschaftsministerin, wenn sie versucht, die Gemüter zu beruhigen. Aber auch wenn sie jetzt Versorgungssicherheit verspricht, kann in den nächsten Wochen und Monaten eine Menge passieren, sodass sich das Bild sehr schnell verändert. Wir können nicht ausschließen, dass es zu Knappheiten kommt. Wir sind auf Importe von Kerosin angewiesen. Im Notfall werden die Fluggesellschaften keine Alternative haben, als gewisse Flüge zu streichen. Möglich wäre auch, dass der Staat alle innerdeutschen Flüge streicht. Ist der Sommer- oder Herbsturlaub also in Gefahr? Für manche Deutschen ist der Sommerurlaub in Gefahr, ja. Denn wenn sie wenig Einkommen haben, müssen sie jetzt schon mehr für Lebensmittel und fürs Tanken zahlen. Das Reisen wird teurer. Und das heißt dann für manche eben auch: Das ist jetzt zu viel. Ich warne aber: Als Gesellschaft ist es in Krisenzeiten wichtig, die Bedürfnisse der schwächsten Mitglieder nicht aus den Augen zu verlieren. Sonst kippt das Gleichgewicht. Besonders an der Zapfsäule zeigt sich derzeit die Wut der Deutschen. Machen sich Firmen in dem Krisenmodus die Taschen voll? Einige ja. Das Geld verschwindet nicht – es bekommt jemand. Größter Nutznießer ist Putin. Das muss man auch so offen sagen. Russlands Hauptexporte sind Öl und Gas. Aber Mineralölkonzerne in Deutschland machen sich ebenso die Taschen voll. Das ist häufig so in Krisensituationen. Erklären Sie das bitte. Erstens gibt es in der Branche keinen vollen Wettbewerb. Zweitens können Unternehmen in Krisen sehr leicht sagen: Komm, wir erhöhen die Preise deutlich stärker, die Konsumenten bekommen das nicht mit. Dann legen Mineralölkonzerne eine Schippe drauf. Abgesehen von der moralischen Komponente: Müsste man diese Konzerne nicht zerschlagen? Das ist schwierig, weil es gewisse Märkte gibt, in denen natürliche Monopole oder Oligopole entstehen. Es gibt fünf oder sechs große Mineralölkonzerne in Deutschland. Diese vereinen die Marktmacht auf sich. Zu sagen, wir bräuchten jetzt zwanzig, ist schwierig, weil auch Skaleneffekte damit verbunden sind. Die Konzerne profitieren davon, dass ihre Kosten pro Einheit sinken, je mehr sie produzieren und verkaufen. Grund dafür sind hohe Anfangsinvestitionen, etwa für Förderanlagen. Große Konzerne können ihre Kosten besser verteilen als kleine Anbieter. Korrekt. Von der ökonomischen Effizienz her ergibt es also Sinn, dass es nicht so viele Firmen gibt. Der bessere Ansatz wäre zu sagen: Wir kontrollieren, dass es keine Preisabsprachen gibt – auch keine impliziten. Und idealerweise würden wir Übergewinne besteuern. In der Praxis ist es aber wahnsinnig schwer zu definieren, was eigentlich Übergewinne sind. Also müssen wir uns wohl zunächst damit abfinden, dass Mineralölkonzerne womöglich an der Krise mitverdienen. Wo landen wir denn beim Tankpreis Ende des Jahres? Unsere Prognosen beruhen auf Annahmen und Szenarien. Wenn der Krieg wirklich zu Ende ist, also die Waffenruhe verlängert und die Straße wieder geöffnet wird, ist es recht realistisch, dass die Spritpreise wieder unter zwei Euro fallen. Das wäre aber sehr optimistisch. Genau. Es kann genauso gut sein, dass der Krieg weitergeht, dass es weitere Lieferengpässe gibt. Der Luxus ist, dass der Winter vorbei ist. Die Gasspeicher sind zwar relativ leer, aber wir haben noch etwas Puffer. Man muss nicht sofort die Gasspeicher wieder füllen. Auch die strategischen Ölreserven, die zum Teil freigegeben wurden, helfen gerade noch. Aber wenn der nächste Winter kommt, kommt der Druck wieder. Das heißt? Dann wird die Nachfrage nach fossilen Energieträgern fürs Heizen deutlich zunehmen. Deshalb kann es sehr gut sein, dass die Preise weiter steigen. Ein Dieselpreis in Richtung von drei Euro kann realistisch werden. Auch wenn sich das heute kaum jemand vorstellen mag. Vorstoß aus der Union: Neue Idee für die große Steuerreform Grünen-Chef greift Reiche an: "Das ist eine Gefahr für Deutschland" Sie haben eben einen Vergleich zur Ölkrise in den 1970er-Jahren gezogen. Damals gab es Fahrverbote und autofreie Sonntage. Wäre so etwas heute auch ein Mittel, wenn sich die Krise weiter zuspitzt? Absolut. Wir brauchen autofreie Sonntage und ein Tempolimit – auch jetzt schon, nicht erst, wenn es sich weiter zuspitzt. Das klingt sehr kontrovers. Aber was viele nicht verstehen: Wir haben im Augenblick weltweit zehn bis fünfzehn Prozent weniger Öl und Gas. Das heißt, wir können auch nur entsprechend weniger nutzen. Es ist eine Frage der Verteilung: Wer schränkt sich stärker ein, wer weniger stark? Genau das ist die Perversität am Tankrabatt. Krasse Worte. Aber es ist wahr: Preise spiegeln Knappheiten wider. Und wenn es eine Knappheit gibt, steigen die Preise so lange, bis Angebot und Nachfrage wieder zusammenpassen. Wir müssen also den Verbrauch reduzieren, der nicht absolut essenziell ist. Dann komme ich wieder auf ein Tempolimit. Für viele Deutsche ist das ein rotes Tuch. Doch es sind keine trivialen Summen an Treibstoff, die wir einsparen können. Der Tankrabatt macht jedoch das komplette Gegenteil. Tankrabatt ab 1. Mai: Warum der sofortige Preissturz an der Zapfsäule ausbleiben könnte Schokolade immer teurer: Bekannte Marke floppt – günstigere Tafel ist Testsieger Und zwar? Durch den Tankrabatt reduzieren die Deutschen ihr Autofahren nicht ausreichend, obwohl das dringend nötig wäre. Das heißt in der Folge, dass andere mehr sparen müssen. In anderen Bereichen, etwa bei Lebensmitteln, werden die Preise durch den Tankrabatt stärker steigen. Denn die Energie, die für Dünger und Verarbeitung gebraucht wird, ist dann teurer. Mit dem Tankrabatt tut man daher nichts Gutes. Alle anderen zahlen den Preis dafür – in Form von höheren Energiekosten und höheren Lebensmittelpreisen. Mithilfe von Tempolimit und autofreien Sonntagen würden die Preise nicht so stark explodieren. Dass das kommt, ist recht unwahrscheinlich. Stattdessen hat sich die schwarz-rote Koalition auf eine Entlastungsprämie geeignet. Firmen können 1.000 Euro steuer- und abgabenfrei auszahlen. Halten Sie das auch für falsch? Ja, das Paket der Bundesregierung ist insgesamt eine Mogelpackung. Wieso? Die Bundesregierung sagt, sie habe das Geld nicht, also sollen die Unternehmen doch mal 1.000 Euro auszahlen. Allerdings wissen wir aus dem Jahr 2022, wo es etwas Ähnliches schon einmal gab, dass 85 Prozent der Beschäftigten mit Tarifvertrag eine Prämie bekommen haben. Von denen ohne Tarifvertrag waren es nur etwas mehr als 20 Prozent. Das heißt: Wir schaffen eine riesige soziale Unwucht. Weil Beschäftigte ohne Tarifvertrag meist im Niedriglohnsektor arbeiten. Korrekt, etwa im Dienstleistungssektor, im Einzelhandel . Rentnerinnen und Rentner, Studierende und Auszubildende gehen ebenfalls leer aus. Das ist also eigentlich eine Umverteilung von Arm zu Reich. Und das Gleiche gilt für den Tankrabatt. Die Menschen, die wirklich wenig haben, sind meist diejenigen, die auch kein Auto haben. Was ist Ihr Gegenvorschlag? Eine Energiekostenpauschale. Jeder Erwachsene bekommt 300 Euro. Das wird aber bei der Einkommensteuer angerechnet. Das heißt, ein Spitzenverdiener mit 42 Prozent Spitzensteuersatz bekommt effektiv nur 58 Prozent davon, also ungefähr 160 Euro. Und jemand mit wenig Einkommen, der keine Einkommensteuer zahlt, bekommt die vollen 300 Euro. Das hat drei große Vorteile. Verbandschef der gesetzlichen Krankenkassen: "Das ist unser Grundproblem" Und zwar? Erstens: Es lässt sich sehr schnell umsetzen. Zweitens: Menschen mit wenig Einkommen werden stärker entlastet. Und drittens – vielleicht am wichtigsten – gibt es den Menschen Freiheit. Inwiefern? Wer auf dem Land lebt und das Auto braucht, nutzt die 300 Euro eben für den Sprit. Wer in der Stadt lebt, kein Auto hat oder darauf verzichten kann, nutzt das Geld für höhere Lebensmittelpreise. Die Sparanreize bleiben erhalten, weil der Preis weiterhin hoch ist. Eine solche Pauschale kostet zehn bis zwölf Milliarden Euro. Allerdings hat die Bundesregierung dieses Geld gar nicht. Wo soll das Geld denn herkommen? Ich befürchte, wir müssen es realistisch betrachten: Wenn der Krieg nicht auf absehbare Zeit vorbei ist, werden die Kosten explodieren. Dann wird auch die Wirtschaftsleistung weiter einbrechen, die Steuereinnahmen gehen weiter zurück. In einer solchen Situation sehe ich die Notwendigkeit, die Schuldenbremse erneut auszusetzen. Nur so verhindern wir Schlimmeres. Das lässt das Grundgesetz in Krisenzeiten zu. Ich denke, eine solche Notsituation ist derzeit zu rechtfertigen. Die Alternative wäre, Steuern zu erhöhen – und das ist wirtschaftlich in dieser Situation völlig kontraproduktiv. Die Bundesregierung scheint im Augenblick keine wirkliche Strategie zu haben. Ich hätte da aber noch einen unkonventionellen Vorschlag, um an Geld zu kommen. Wir sind gespannt. Deutschland sollte darüber nachdenken, einen Teil seiner Goldreserven zu verkaufen. Die Goldpreise sind auf Rekordniveau gestiegen. Wir sprechen über viele Milliarden Euro: In den USA lagern mehr als 1.200 Tonnen deutsches Gold , in Deutschland noch viel mehr. Die deutschen Goldreserven haben einen Wert von heute knapp 440 Milliarden Euro. Das ist ein riesiges Sparschwein für Krisen. Einen zumindest kleinen Teil davon sollten wir zur Bekämpfung dieser Krise und zur Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern und Unternehmen nutzen. Das ist in der Tat ein unkonventioneller Vorschlag. Glauben Sie ernsthaft, dass dies passieren wird? Es war bisher immer ein Tabu – weil die Deutschen eine Mentalität des Sparens haben – mit dem wir aber nun endlich brechen sollten. Doch es gibt noch ein praktisches Problem. Welches? Das Gold wird von der Bundesbank verwaltet. Selbst ein Bundeskanzler kann nicht einfach sagen: Ihr müsst jetzt das Gold verkaufen. Das heißt, die Regierung müsste einen Weg finden, das Gold zu veräußern. Ja. Dieses Geld kann sinnvoller investiert werden – etwa in Bildung oder Infrastruktur –, als im Safe der New Yorker Fed (US-Notenbank Federal Reserve, Anm. d. Red.) zu liegen. Das war übrigens auch vor 15 Jahren schon einmal eine Debatte in Europa. Andere Zentralbanken haben damals einen Teil ihres Golds verkauft. Vielleicht diskutieren wir jetzt ernsthaft darüber auch in Deutschland. Nach diesen Goldrekorden wäre jetzt ein wunderbarer Zeitpunkt, zumindest einen Teil zu verkaufen. Dann hätten wir auch die Sorge aus dem Weg geräumt, die mit Donald Trump verbunden ist. Sein Zugriff auf die Fed ist bedenklich. Herr Fratzscher, vielen Dank für das Gespräch!
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