Wird Tanken jetzt wieder günstiger? Nur ein Stück weit, sagt Ökonom Carsten Brzeski. Im Interview erklärt er, warum die Waffenruhe im Iran dafür zu brüchig ist und weshalb Europa noch länger unter hohen Energiepreisen leiden könnte. Nach der verkündeten Waffenruhe hoffen viele Autofahrer auf sinkende Spritpreise. Doch der Ökonom Carsten Brzeski warnt vor verfrühter Entwarnung. Zwar könnte es an den Tankstellen kurzfristig etwas günstiger werden, sagt er t-online. Doch die Waffenruhe sei brüchig, die Straße von Hormus bleibe ein Risikofaktor – und eine neue Eskalation sei jederzeit möglich. Brzeski, Chefvolkswirt der Direktbank ING, skizziert für die kommenden Monate drei denkbare Entwicklungen: vom vorsichtigen Best-Case mit sinkenden Ölpreisen bis zum Worst-Case einer erneuten Eskalation mit massivem Inflationsschub und Rezessionsgefahr. Selbst in seinem Basisszenario rechnet er zunächst mit weiter hohen Energiepreisen und einer Inflationswelle bis ins erste Quartal 2027. Was eine neue Eskalation für Europa bedeuten würde und weshalb er kein neues "Ukraine-Szenario" sieht, erklärt Brzeski im Interview. Spritpreise: Klingbeil legt gegen Merz nach Straße von Hormus blockiert: In der Meerenge stoppen Irans Schnellboote die Schiffe t-online: Herr Brzeski, Sie hatten nach der Waffenruhe gesagt, dass die Preise an der Tankstelle am Wochenende sinken könnten. Nun ist diese Waffenruhe aber sehr brüchig. Wie sehen Sie die Lage jetzt? Carsten Brzeski: Man darf seine Meinung ja nicht allzu oft ändern. Insofern bleibe ich erst einmal dabei. Ich schaue dabei vor allem auf das physische Öl, das Dated Brent. Das ist Rohöl, das bereits einen konkreten Liefertermin hat. Und dessen Preis ist nach Verkündung der Waffenruhe auch ein Stück weit gesunken. Zuletzt von ursprünglich 140 Dollar pro Barrel auf 120 Dollar. An den Tankstellen sollte es jetzt eine kleine Erleichterung geben, ausgehend von den Niveaus, von denen wir kommen. Also kein kompletter Rückgang, aber etwas Entlastung? Genau. Wir landen aber nicht bei den Spritpreisen vor dem Iran-Krieg. Dafür ist die Waffenruhe viel zu brüchig. Es gibt nach wie vor ein viel zu hohes Risiko weiterer Eskalationen. Und man darf auch nicht vergessen: Da fahren ja weiterhin keine Schiffe durch die Straße von Hormus. Es ist also nicht so, dass sich alles sofort wieder normalisiert. Die Reedereien schicken ihre Schiffe nicht automatisch sofort wieder los, nur weil die akute Lage sich etwas beruhigt hat. Mit anderen Worten? Ja, die Tankpreise gehen leicht zurück. Aber eben auch deshalb, weil wir zu Beginn der Woche durch die Eskalation extrem hohe Preise gesehen haben. Vieles ist auch noch unklar. Zum Beispiel eine mögliche Gebühr, die Iran womöglich für die Nutzung der Straße von Hormus verlangen will und die wiederum von den USA und anderen Staaten abgelehnt wird. Das auch. Und daran sieht man: Man weiß mittlerweile oft gar nicht mehr, welchen Informationen man glauben soll und welchen nicht. In Kriegen bleibt ja die Wahrheit immer als erstes auf der Strecke. Wenn wir noch einmal auf die Preise schauen, ist da enorm viel Unsicherheit. Erklären Sie bitte. Wir haben geopolitische Unsicherheit. Wie stabil ist diese Waffenruhe überhaupt? Führen die Gespräche zu etwas? Und neben dieser politischen, geopolitischen Unsicherheit kommt dann das nächste Problem hinzu: Was machen eigentlich die Reedereien? Was machen die Versicherer? Sagen die Versicherer dann, egal was da herauskommt: "Ja, alles super, wir senken die Prämien wieder", womit der Transport wieder billiger würde? Oder sagen die Versicherer und die Reedereien: "Das ist uns alles noch zu unsicher. Wir wissen nicht, ob da noch Minen in der Straße von Hormus liegen. Wir wissen nicht, ob es dort einzelne Akteure gibt, die doch noch Raketen abschießen." Lassen Sie uns auf die kommenden Wochen und Monate schauen. Was erwarten Sie in Ihrem Basisszenario, das Sie berechnet haben? In unserem Basisszenario, das fast schon ein mildes Szenario ist, gehen wir davon aus, dass es noch einmal zu einer Eskalation kommen wird. Wir erwarten, dass es in den nächsten vier bis sechs Wochen mehr Klarheit geben wird und eine Art neues politisches Gleichgewicht gefunden wird. Aktuelle Entwicklungen: Newsblog zum Krieg in Nahost Es könnte erst noch einmal eskalieren, aber am Ende stünde ein stabilerer Frieden. Exakt. Und damit würde über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen die Straße von Hormus langsam wieder aufgehen. Aber wir würden noch nicht wieder zu der Durchfahrfrequenz zurückkehren, die wir vor dem Krieg hatten. Mit einer Normalisierung rechnen wir erst im vierten Quartal. Und was heißt das für den Ölpreis ? Es sind noch nicht viele Energieproduktionskapazitäten zerstört worden, aber eben doch ein paar. Das bedeutet in unserem Basisszenario, dass wir zum Jahresende immer noch einen Ölpreis von knapp unter 90 Dollar pro Barrel Dated Brent hätten. Der Ölpreis liegt dann noch fast 50 Prozent über dem am Jahresanfang. Daher werden und können die Mineralölkonzerne die Spritpreise gar nicht wieder aufs Vorkriegsniveau senken. Tankpreise könnten dauerhaft hoch bleiben, wenn auch niedriger als in den vergangenen Tagen. Wie sieht Ihr optimistisches und Ihr pessimistisches Szenario aus? Das optimistischste Szenario, das Best-Case-Szenario, wäre eines, in dem alles glattläuft. Also im Grunde das, was die Aktienmärkte gerade ein kleines bisschen spielen. Es kommt zu Verhandlungen, womöglich dauern die statt zwei dann vier Wochen, aber es gibt keine weitere Eskalation. Die Straße von Hormus wird wieder reibungslos geöffnet, es gibt keine weiteren Sicherheitsbedenken. Dann lägen wir zum Jahresende bei 80 Dollar pro Barrel. Selbst hier wären Spritpreise noch erhöht. Gebühr für Straße von Hormus: Meloni warnt vor unabsehbaren Folgen "Alles wird noch viel schlimmer werden": Keine Spur von Regimewechsel im Iran Und das pessimistische Szenario? Im Worst-Case-Szenario scheitern die Friedensbemühungen und es kommt erneut zu einer Eskalation. Dann ist es wahrscheinlich, dass Donald Trump seine Androhungen vom Osterwochenende wahr macht und wir noch eine Gegenreaktion Irans sehen. Das könnte dann dazu führen, dass Produktionskapazitäten im Nahen Osten tatsächlich stark zerstört werden. Mit welchen Folgen? Dann hätten wir im Grunde bis zum Jahresende eine anhaltende Spannungslage. In diesem Szenario lägen wir zum Jahresende bei 120 Dollar pro Barrel. In der Spitze könnten wir sogar bei 150 oder 160 Dollar pro Barrel landen und zum Jahresende wieder ein klein wenig zurückkommen. Die Spritpreise könnten dann weiter explodieren. Es ist ein wenig zynisch, da wir über Krieg sprechen: Aber ich sehe kein Ukraine-Szenario. Wie meinen Sie das? Diese Situation ist eher eine Art Hop-oder-top-Szenario. Entweder gibt es ein Abkommen und man öffnet die Straße von Hormus wieder. Oder es gibt eine komplette Eskalation, die nicht ewig dauern wird. Dann wird dort aber auch so viel zerstört, dass dieser Zustand nicht über vier Jahre anhält. In diesem Szenario wäre die Lage also, so bitter das klingt, zeitlich begrenzt. Deshalb würde zum Jahresende auch wieder etwas Entspannung hereinkommen. Auch weil sich die Schifffahrt dann im Zweifelsfall auf andere Seewege einstellen würde? Das ist ein sehr guter Punkt, der häufig vergessen wird. Natürlich kann man dann andere Seewege nehmen. Wenn dort alles eskaliert, werden diese Wege teurer. Das eigentliche Problem ist: In der Region werden knapp 30 Prozent der weltweiten Gasproduktion erzeugt. Und wir gehen davon aus, dass davon ungefähr die Hälfte zunächst ausfallen oder zerstört werden könnte. Selbst im Basisszenario. Damit fehlt am Weltmarkt schlicht Angebot. Und wenn ich zugleich längere Routen habe, bleiben die Preise tendenziell hoch. Lassen Sie uns noch über die Folgen für Inflation und Konjunktur sprechen – in Deutschland und ausgehend vom Basisszenario. Genau. In dem Szenario gehen wir für Europa und auch für Deutschland davon aus, dass die Inflation im Sommer in der Spitze auf knapp vier Prozent steigen wird. Im Jahresdurchschnitt läge sie dann ungefähr bei 3,5 Prozent. Wir hätten also eine Inflationswelle, die sich bis ins erste Quartal 2027 hineinziehen würde und danach wieder abebbt. Wie würde sich diese Welle aufbauen? Am Anfang hätten wir sie über die hohen Ölpreise. Dann kommen die steigenden Transportkosten. Das schlägt sich etwa auch in Erzeugerpreisen nieder, zum Beispiel bei Düngemitteln, aber natürlich bei allem, was mit höheren Transportkosten verbunden ist. Wir gehen zudem davon aus, dass wir wieder leichte Verzögerungen in den Lieferketten bekommen. Es könnte also sein, dass aus Asien zeitweise weniger Produkte kommen oder dass es in den Lieferketten wieder etwas ruckelt. Auch das treibt die Preise. Und dann würde ich bis ins erste Quartal hinein zusätzlich sehen, dass gestiegene Energiepreise bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen – also etwa bei Heiz- und Energiekosten, weil Preiserhöhungen oft zum Jahresanfang weitergegeben werden. Danach wäre diese Welle aber auch vorbei. Warum wäre der Effekt nicht noch stärker? Weil wir im Vergleich zu den Folgen des Ukraine-Kriegs 2022 in einer anderen Ausgangslage sind. 2022 kamen wir aus dem Corona-Lockdown. Vor allem im Dienstleistungsbereich, also in Gastronomie, Freizeit oder generell überall dort, wo die Leute wieder rauswollten, konnten Unternehmen im Grunde fast jeden Preis durchsetzen. Diese Situation haben wir heute nicht. Die finanzielle Lage vieler Menschen ist bereits angespannt. Die Kaufkraft leidet. Und damit ist die Möglichkeit für Unternehmen, gestiegene Kosten weiterzureichen, deutlich geringer als 2022. Hinzu kommt eine weitere Annahme in unserem Szenario. Und zwar? Dass es diesmal nicht so viele staatliche oder fiskalische Maßnahmen geben wird, um die hohen Energiepreise abzufedern. 2022 hatten wir mehr als 500 Einzelmaßnahmen europäischer Regierungen – Preisdeckel, Steuersenkungen und ähnliche Instrumente, um die hohen Kosten abzufangen. Das hat aber natürlich damals auch dazu geführt, dass die Inflationsspirale zusätzlich befeuert wurde. Denn wenn der Staat den Preisschock stark abfedert, bleibt mehr Kaufkraft im Markt. Dadurch lassen sich höhere Preise eher durchsetzen – und Zweitrundeneffekte werden wahrscheinlicher. Genau das sehen wir diesmal eher nicht. Deshalb wäre der Anstieg im Vergleich zu 2022 eher milder. Und wenn sich diese Annahme als falsch erweist? Dann kämen wir auch im Basisszenario bei der Inflation höher raus. Wenn wir uns bei der Fiskalpolitik irren, wären eher fünf oder sechs Prozent denkbar. Wie sieht es im Worst-Case-Szenario aus? Im negativen Szenario sehen wir 2026 deutlich höhere Inflationsraten – wahrscheinlich ebenfalls bis ins erste Quartal 2027 hinein. Wir erwarten Preisanstiege von sechs bis acht Prozent in der Spitze. Danach würde die Inflation wieder zurückgehen, weil die Wirtschaft deutlich stärker leiden würde. Führen Sie das aus. Im Basisszenario hätten wir Belastungen in der Industrie. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir eine Situation wie 2022 erleben und Unternehmen sagen: Wegen der hohen Energiekosten fahren wir die Produktion zeitweise herunter, weil es sich nicht mehr rechnet. Demgegenüber stehen aber weiterhin Sondervermögen , Infrastruktur-Ausgaben und Verteidigungsausgaben. Deshalb würden wir beim Wirtschaftswachstum in Deutschland wohl ungefähr bei 0,6 oder 0,7 Prozent landen. Für Europa wäre das ähnlich. Und im schlimmsten Szenario? Im Worst-Case-Szenario würden wir über eine leichte Rezession sprechen. Hinzu kommt noch etwas, das vom Krieg unabhängig ist: Die Daten für Januar und Februar aus der deutschen Wirtschaft waren ohnehin schon durchwachsen. Es spricht also einiges dafür, dass Deutschland auch ohne den Krieg im Iran im ersten Quartal wieder geschrumpft sein könnte. Wenn dann noch unser Worst-Case-Szenario dazukommt, kann es passieren, dass wir mindestens drei Quartale hintereinander ein leichtes Schrumpfen sehen. Dann wäre die deutsche Konjunktur für das Gesamtjahr im Minus. Wie könnte die Europäische Zentralbank auf die Inflation reagieren? Im Basisszenario würde es bei der EZB eine Zinserhöhung geben. Die müsste nicht zwingend kommen, aber aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr 2022 hat die EZB Angst, wieder eine Inflationswelle nicht früh genug zu stoppen. Deshalb würde sie im Juni vermutlich eine symbolische Zinserhöhung machen. Im Best-Case-Szenario müsste sie gar nichts tun. Und im schlechteren? Im Worst-Case-Szenario würde die EZB zunächst mit zwei bis drei Zinserhöhungen auf die steigende Inflation reagieren – einfach aus Sorge vor dieser großen Inflationswelle. Anfang 2027 würde sie wieder mit Leitzinssenkungen reagieren, weil der Einbruch beim Wachstum und die schwächere Wirtschaft in den Vordergrund rücken würde. Sonst würde sie das Wachstum zusätzlich abwürgen. Herr Brzeski, vielen Dank für das Gespräch!