Iran-Krieg: Timo Wollmershäuser über wirtschaftliche Folgen für Deutschland

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Das deutsche Wirtschaftswachstum leidet unter den Folgen des Iran-Kriegs, zugleich steigt die Inflation. Welche Folgen kommen noch auf Deutschland zu? Der Krieg im Iran bringt mittlerweile immer deutlichere wirtschaftliche Folgen auch in Deutschland mit sich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) warnte am Montag, eine Eskalation der Situation im Nahen Osten könnte für die Wirtschaft ähnliche Folgen haben wie die Covid-Pandemie oder der Ukraine-Krieg. Auch die Zahlen zeigen Herausforderungen auf. So sprang die in dieser Woche veröffentlichte Inflationsrate von 1,9 auf 2,7 Prozent. Die Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsinstitute halbierte ihre Berechnungen auf 0,6 Prozentpunkte für das laufende Jahr, wesentlich beeinflusst durch den Iran-Krieg. Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut stellte das Gutachten am Mittwoch vor. Im t-online-Interview betont er, dass sich die Aussichten noch weiter verschlechtern können, bis hin zu einer erneuten Rezession. Die Politik könne allerdings wenig tun, um die Folgen abzuschwächen. Herr Wollmershäuser, der Bundeskanzler warnt, der Iran-Krieg könnte ähnliche wirtschaftliche Auswirkungen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg haben. Stimmen Sie dem zu? Timo Wollmershäuser: Das Risiko besteht. In unserer jetzigen Prognose sind die Auswirkungen noch vergleichsweise begrenzt. Wir schätzen jeweils 0,3 Prozentpunkte weniger Wachstum in diesem und im nächsten Jahr. Das ist schon erheblich, aber noch weit von den Folgen des Ukraine-Kriegs oder der Corona-Pandemie entfernt. Aber am Ende hängen die Kosten davon ab, wie der Konflikt sich weiterentwickelt. Wohin geht die verlorene Wirtschaftsleistung konkret? Das Geld fließt ins Ausland. Wir müssen eine höhere Öl- und Gasrechnung bezahlen. Denn wir benötigen nach wie vor die in etwa gleiche Menge an Energie, importieren sie aber zu deutlich höheren Preisen. Dieser Verlust an Wirtschaftsleistung beläuft sich in diesem Jahr auf knapp 30 Milliarden Euro. Und die Rechnung zahlen am Ende die Verbraucher. In Ihrer Prognose gehen Sie davon aus, dass die Straße von Hormus noch in diesem Quartal wieder passiert werden kann und die Energiepreise zurückgehen. Was passiert, wenn der Krieg doch länger dauert? Dann sind wir ganz schnell bei anderen Dimensionen. Es kann sein, dass einfach nur die Energiepreise höher sind, aber es kann auch zu Knappheiten wie während des Ukraine-Kriegs kommen. Es ist vorstellbar, dass es an Gas oder Rohöl mangeln könnte. Dann haben wir neben den Preiseffekten auch unmittelbare Produktionseffekte. Das beobachten wir bereits in Asien. Dort werden wichtige Vorprodukte hergestellt, die wir auch für die Produktion in Deutschland brauchen. Es kann also wieder zu Lieferkettenproblemen kommen. Und am Ende gibt es auch noch die Finanzmärkte, die bereits jetzt reagieren. Bislang kann die deutsche Wirtschaft das gut verkraften. Aber bei deutlich stärkeren Abstürzen könnte zusätzlich eine Finanzkrise drohen. Ist eine grundsätzliche Wirtschaftskrise also denkbar? Das Risiko für noch deutlich stärkere Folgen ist hoch. Eine Weltwirtschaftskrise kann nicht ausgeschlossen werden. Das bedeutet, Deutschland droht in diesem Szenario eine erneute Rezession? Bei einem länger anhaltenden Krieg wird eine Rezession wahrscheinlicher. Wir haben noch ein prognostiziertes Wachstum von 0,6 Prozent. Mit den gerade erwähnten Risiken liegen wir ganz schnell wieder bei null Prozent oder vielleicht sogar bei einem Rückgang der Wirtschaftsleistung. Die Bürger sehen die Auswirkungen bisher vor allem an der Tankstelle. Wo werden die Folgen der Krise zukünftig noch zu sehen sein? Die höheren Spritpreise treffen im Grunde jeden, der in diesem Land etwas produziert. Und die Unternehmen werden die gestiegenen Diesel- und Benzinpreise an ihre Kunden weitergeben. Das heißt, wir werden das an allen möglichen Stellen sehen. Die Inflation wird sich allmählich durch die gesamte Bandbreite der Dienstleistungen und Waren fressen. Was ist mit den Strom- und Gaspreisen? Hier spüren die Verbraucherinnen und Verbraucher noch keine Auswirkungen, obwohl die Preise für Strom und Gas an den Märkten schon massiv gestiegen sind. Zu den ersten Anpassungen wird es in ein paar Monaten kommen. Die Strom- und Gasversorger decken sich jetzt schon an den Terminmärkten mit Lieferungen für das nächste Jahr ein und müssen aktuell bereits die höheren Preise bezahlen. Da auch die Preise für das nächste Jahr deutlich höher als vor Ausbruch des Kriegs sind, wird die Inflation in diesem und im nächsten Jahr bei knapp unter drei Prozent liegen. Ohne den Krieg lägen wir bei zwei Prozent. Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs lag die Inflation teilweise bei 6,9 Prozent. Ist auch das wieder denkbar? Wenn der Krieg weiter eskaliert, werden die Spritpreise weiter steigen. Dann wird die Inflation noch einmal deutlich zulegen. Was kann die Politik tun, um die Folgen für die Verbraucher abzufedern? Wir können dieses Problem durch unsere Wirtschaftspolitik nicht aus der Welt schaffen. Die Knappheit ist da und wir haben fast keine Möglichkeiten, ihr etwas entgegenzusetzen. Das ist sehr undankbar. Der Staat kann nur die Lasten verteilen, etwa indem er mit Steuermitteln ärmere Haushalte unterstützt. So könnten die Regelsätze der Grundsicherung unmittelbar an die Verbraucherpreise gekoppelt werden. Das ist deutlich günstiger als breit angelegte Maßnahmen wie die Absenkung der Mehrwertsteuer oder ein Tankrabatt, von denen alle Menschen profitieren, ob sie es nun brauchen oder nicht. Denn ein Großteil der Bevölkerung kann mit den gestiegenen Energiekosten umgehen. Aber mehr als der Staat ist jetzt die Gesellschaft gefragt. Inwiefern? Wir müssen als Gesellschaft auf diesen Schock reagieren, indem wir sparen. Wir müssen unser Verhalten anpassen und versuchen, den Energieverbrauch zu senken. Das heißt zum Beispiel langsamer fahren oder grundsätzlich häufiger auf das Auto verzichten. Herr Wollmershäuser, vielen Dank für das Gespräch!
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