Deutschland steht vor einem radikalen Umbruch, warnt KI-Experte und Bundeswehr-Reservist Eldar Sultanow. Jeder Bürger wird zum potenziellen Ziel. Der moderne Krieg hat neue Waffen: Daten, Drohnen, Desinformation. Und an vorderster Front kämpft die Künstliche Intelligenz. Unsichtbar. Schnell. Ohne Pause. So schreibt es Eldar Sultanow in seinem Buch "Vom Schlachtfeld bis zum Serverraum". Darin beschreibt der Autor die moderne Kriegsführung, die mithilfe von KI längst kein Science-Fiction-Horrorszenario mehr ist, sondern brutale Realität. Sultanow kennt beide Welten: Als IT-Stratege entwickelt er KI-Systeme, gleichzeitig trainiert er als Reservist der Bundeswehr. Seiner Ansicht nach sind Gedichte schreibende Chatbots und autonome Killerdrohnen nur ein paar wenige Klicks voneinander entfernt. Im Gespräch mit t-online erklärt er, warum die Grenze zwischen Zivilisten und Soldaten verschwindet, weshalb Europa technologisch abgehängt wird und warum wir in spätestens zwei Jahren in einer neuen Kriegsrealität leben werden. t-online: Herr Sultanow, wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Künstliche Intelligenz, an deren Entwicklung Sie mitarbeiten, auf dem Schlachtfeld über Leben und Tod entscheiden könnte? Eldar Sultanow: 2022 war der Wendepunkt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar ging plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb weniger Monate war der Drohnenkrieg Realität. Ich wurde dann auch reaktiviert. Wir Reservisten haben alle einen Brief bekommen, darin stand sinngemäß die Frage: "Könnten Sie sich vorstellen, wieder für Deutschland zu dienen?" Da gab es nur "Ja" oder "Nein", kein "Vielleicht". Ich habe "Ja" angekreuzt. Was hat Sie überzeugt? Bei einer Werbeaufnahme für die Bundeswehr habe ich zum ersten Mal eine militärische Drohne in Aktion gesehen. Da wurde mir klar: Das Ganze hier ist verdammt noch mal real. Es ist nicht irgendwas, das nur in der Presse steht und einen nicht betrifft. Es betrifft uns direkt. Und zwar seit 2022 mit einer Geschwindigkeit, die exponentiell ist – erst recht durch die Effizienz und Effektivität von Künstlicher Intelligenz. Viele Menschen denken bei KI erst mal an ChatGPT und Bildgeneratoren. Wie groß ist der Unterschied zwischen der KI im Alltag und der KI im Krieg? Die Techniken und mathematischen Methoden sind erschreckend gleich. Mit der Schnelligkeit, mit der KI im Alltag inzwischen regelrecht Berge versetzt, mit genau derselben Effizienz wirkt sie im Krieg. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Die militärischen Systeme nutzen dieselben Fähigkeiten, nur eben für andere Zwecke. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wo KI heute schon innerhalb von Millisekunden über Leben und Tod entscheidet? Nehmen Sie den Spurhalteassistenten im Auto. Diese Bilderkennungstechnologie gibt es schon seit Jahren, lange vor ChatGPT. Die Kamera erkennt die Fahrbahnmarkierung, korrigiert die Richtung – das ist alles KI und hat mich auch schon vor einem potenziellen Unfall bewahrt. Jetzt stellen Sie sich diese Bilderkennungsfähigkeiten in einer Drohne vor: Sie erkennt einen Soldaten, berechnet seine Laufgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde in Richtung Osten und fliegt genau dorthin, um ihn zu töten. Das ist praktisch eins zu eins dieselbe Technologie – oder sogar noch besser, weil diese militärischen Systeme extra dafür trainiert werden. Ist das Zeitfenster, in dem ein Mensch überhaupt noch sinnvoll eingreifen kann, nicht längst viel zu kurz geworden? Wird der Mensch zum bloßen Abnicker? Viele wollen das nicht hören, aber ja: Das Zeitfenster ist kurz. Im operativen Bereich passiert mittlerweile sehr viel autonom. Das muss auch so sein, ich kann ja nicht jeden einzelnen Schritt bestätigen, den die KI gerade macht. Im Film "Syriana" mit George Clooney gibt es eine beeindruckende Szene: Ein Agent sitzt in einem Container, steuert eine Drohne, gibt die Koordinaten ein, drückt auf den Knopf – und auf dem Bildschirm sieht man nur noch "Boom". Dann dreht er sich um und sagt: "Erledigt." Das zeigt diese soziale Lobotomie perfekt. Was meinen Sie damit? Früher auf dem Schlachtfeld – nehmen wir die Schlacht im Teutoburger Wald oder ein römisches Schlachtfeld – da standen sich zwei Krieger von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die Sonne geht unter, und vielleicht fragt der eine: "Hast du Kinder?" Der andere sagt "Ja" – und dann gehen beide nach Hause. Diese menschliche Entscheidung gibt es heute nicht mehr. Selbst durchs Zielfernrohr sieht man wenigstens noch ein Gesicht. Aber bei der Drohne? Du drückst nur einen Knopf, und irgendwo passiert etwas. Du bist emotional gar nicht betroffen. Diese Distanz verändert alles. Trotzdem wird die Technologie weiterentwickelt, gerade China , Russland und die USA rüsten massiv auf. Was passiert, wenn Deutschland und Europa hier nicht mithalten? Es gibt eigentlich nur diesen Scheideweg: Entweder wir erlangen die Fähigkeiten, die die Amerikaner haben – das dauert schätzungsweise fünf bis zehn Jahre –, oder wir müssen darauf hoffen, dass es mit den Amerikanern noch einigermaßen gut läuft. Die USA haben Fähigkeiten, die unseren europäischen noch weit überlegen sind. Amerika war immer unser Partner, das muss man klar sagen. Im Großen und Ganzen sitzen wir im selben Boot, was die westlichen Werte angeht – auch wenn Trump sich ins Autoritäre gewandelt hat, was hoffentlich nur eine Momentaufnahme ist. Das klingt nach einem Aber … Wir haben aktuell nicht genug eigene militärische Fähigkeiten, um Russland und China auf Augenhöhe abzuschrecken. Und wenn wir nicht den großen Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks auf unserer Seite haben, dann werden wir unsere Werte nicht mehr verteidigen können. Es ist ein Krieg der Wertesysteme. Entweder wir sind stark genug und haben eine ernst zu nehmende Abschreckung – oder wir geraten unter die Räder. Wie können wir gegenüber anderen Ländern aufholen, die technisch weiter sind als wir? Das Problem sind nicht unsere technischen Fähigkeiten. Die Automobilindustrie macht vor, wie gut wir mit KI in der Bilderkennung arbeiten können – dort gehören wir zur Weltspitze. Die Bremse sitzt woanders: bei der Frage, wie wir Schutzinteressen und unsere eigene Sicherheit austarieren. Natur- und Datenschutz sind wichtig, aber sie dürfen uns nicht handlungsunfähig machen oder wichtige militärische Projekte blockieren. Immer wenn irgendwas umgesetzt werden muss, stoßen wir auf Widerstände, und dann heißt es: "Können wir nicht machen." Andere Länder setzen militärische Interessen über zivile Bedenken, wir sind da noch zögerlich. Wenn Sie sagen, dass rechtliche und ethische Vorgaben militärische Innovationen erschweren: Ist der Digital Services Act für Sie dann Teil genau dieses Problems? Das würde ich nicht als Widerspruch sehen. Die ethischen Leitplanken sagen: Wenn du KI in so einem Bereich einsetzt, solltest du sicherstellen können, dass du nicht die Falschen triffst. Und ist es nicht in unserem Sinne, eine KI zu entwickeln, die das auch kann? Stellen Sie sich vor, wir verteidigen ein Nato-Land und schicken Drohnen rein – und dann: "Oh, Krankenhaus getroffen." Systemgegner filmen es, packen es in die sozialen Medien. Erstens hätten wir die Drohne gerne dort explodieren lassen, wo sie hätte explodieren sollen. Zweitens wollen wir nicht mit so einem Reputationsschaden davonkommen. Und drittens wollen wir es auch ethisch nicht. Die Systeme müssen hochpräzise sein – das ist unser Anspruch. Was wäre die Lösung, um mithalten zu können? Wenn der Westen es schafft, abschreckend genug zu sein, dass selbst potenzielle Aggressoren sagen "Mit den westlichen Drohnen wollen wir uns nicht anlegen" –, dann sichern wir ein Stück weit Frieden. Es ist eine komplett andere Kalkulation für einen Angreifer, wenn er weiß, dass sich jemand ernsthaft verteidigt. Länder wie Russland kalkulieren nun mal so. Es wird Krieg geben – oder Unterwerfung. Das klingt alles sehr düster. Gibt es denn überhaupt noch Hoffnung? Ja, durchaus. Aber die Hoffnung liegt nicht im Wegschauen, sondern im Handeln. Wir müssen zeigen, dass wir verteidigungsfähig sind. Dass eine Aggression gegen Europa oder Deutschland militärisch keinen Sinn ergibt, weil wir uns wehren können: Abschreckung durch Fähigkeit. Wenn wir das schaffen – in den nächsten fünf bis zehn Jahren –, dann können wir unsere Werte und unsere Freiheit erhalten. Aber dafür müssen wir jetzt investieren, rekrutieren, entwickeln. Die Zeit läuft uns davon. Was würden Sie jedem Einzelnen raten? Sich bewusst machen, dass wir bereits mittendrin sind. Das ist keine ferne Zukunft mehr. Die Technologie ist da, der Krieg ist hybrid, und die Grenzen verschwimmen. Aber das bedeutet auch: Jeder kann einen Beitrag leisten – sei es durch Aufklärung, durch technisches Know-how oder durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen eine wehrhafte Demokratie, auch im digitalen Raum. Und wir brauchen Menschen, die verstehen, dass Freiheit immer verteidigt werden muss. Herr Sultanow, vielen Dank für das Gespräch. Am 27. Januar erscheint "Vom Schlachtfeld bis zum Serverraum: KI im Krieg – Wie wir uns für die neue Art der Kriegsführung aufstellen müssen" von Eldar Sultanow . In dem Buch geht es darum, dass der digitale Krieg längst Realität ist – und wie Europa sich angesichts der neuen Entwicklungen aufstellen muss. Das Buch hat 257 Seiten und erscheint im Plassen Verlag.