Klinik-Besuch: Viele Senioren bekommen riskante Medikamente laut Studie

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Ältere Menschen reagieren oft empfindlicher auf Medikamente. Eine Studie zeigt: Nach einem Besuch in der Notaufnahme bekommen viele Senioren Mittel verschrieben, die für sie eigentlich ungeeignet sind. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen treten bei älteren Menschen besonders häufig auf . Der Grund: Mit zunehmendem Alter verändert sich der Stoffwechsel, sodass der Körper Medikamente anders abbaut und empfindlicher auf Wirkstoffe reagiert. Gleichzeitig nehmen viele Senioren mehrere Präparate gleichzeitig ein – Mediziner sprechen hier von Polypharmazie. Dadurch steigt das Risiko für Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und falsche Dosierungen deutlich. Um solche Risiken zu verringern, haben Fachgesellschaften bereits Listen mit Wirkstoffen erstellt, die für ältere Menschen möglichst vermieden werden sollten. Diese sogenannten PIM-Listen (Potenziell ungeeignete Medikamente) enthalten Arzneimittel, bei denen Nutzen und Risiko im Alter besonders sorgfältig abgewogen werden müssen. Doch wie häufig solche problematischen Medikamente im Alltag tatsächlich verordnet werden, ist bisher nur begrenzt untersucht. Forscher der Yale University (USA) haben deshalb analysiert, wie oft ältere Patienten nach einem Besuch in der Notaufnahme solche Wirkstoffe verschrieben bekommen. Die Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift "Jama Internal Medicine". Studie wertet Millionen Notfallbehandlungen aus Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler Daten von fast neun Millionen Patienten aus US-Notaufnahmen aus. Das durchschnittliche Alter lag bei 76 Jahren, rund 57 Prozent der Betroffenen waren Frauen. Das Ergebnis: 6,5 Prozent der älteren Patienten erhielten bei ihrer Entlassung ein Medikament, das als potenziell ungeeignet gilt. Anders ausgedrückt: Etwa jeder fünfzehnte ältere Mensch bekam ein solches Präparat verschrieben. Paracetamol, ASS: Welche Schmerzmittel im Alter problematisch sind Überblick behalten: Diese Pillen gehören nicht in die Tablettenbox Bestimmte Medikamente besonders häufig betroffen Besonders häufig handelte es sich um Skelettmuskelrelaxanzien – also Medikamente, die verspannte Muskeln lockern – sowie um Antihistaminika der ersten Generation. Diese Wirkstoffe werden unter anderem gegen Allergien eingesetzt, können bei älteren Menschen jedoch stärkere Nebenwirkungen verursachen. Zu den am häufigsten verschriebenen Präparaten gehörten laut Studie: Methocarbamol und Cyclobenzaprin (gegen Muskelverspannungen und schmerzhafte Muskelkrämpfe ) sowie Meclizin (gegen Schwindel, Übelkeit und Reisekrankheit ). Ein bekanntes Problem auch in Deutschland Auch hierzulande warnen Experten seit Jahren davor, dass ältere Menschen häufig Medikamente erhalten, die für sie problematisch sein können. Orientierung bietet hier die sogenannte Priscus-Liste . Sie enthält 177 Wirkstoffe, die bei älteren und oft mehrfach erkrankten Patienten möglichst vermieden werden sollten. Der Grund: Mit zunehmendem Alter reagiert der Körper empfindlicher auf bestimmte Medikamente, zudem steigt das Risiko für Wechselwirkungen, weil viele Senioren mehrere Präparate gleichzeitig einnehmen. Eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, wie verbreitet das Problem ist. Demnach bekamen 2022 rund 8,3 Millionen ältere gesetzlich Versicherte in Deutschland mindestens einmal ein solches potenziell ungeeignetes Medikament verschrieben. Das entspricht mehr als jedem zweiten gesetzlich Versicherten in dieser Altersgruppe. Besonders problematisch sind solche Präparate, weil sie bei älteren Menschen häufiger Nebenwirkungen wie Schwindel, Verwirrtheit oder Stürze auslösen können. Gerade Stürze stellen im höheren Alter ein großes Gesundheitsrisiko dar und führen nicht selten zu Knochenbrüchen oder längeren Krankenhausaufenthalten. Experten betonen deshalb, wie wichtig eine sorgfältige Prüfung der Medikation ist – vor allem bei älteren Patienten mit mehreren Erkrankungen. Ärzte sollen möglichst prüfen, ob ein Medikament wirklich notwendig ist, ob die Dosierung angepasst werden muss oder ob es sicherere Alternativen gibt. Digitale Hilfen könnten Verschreibungen verbessern Fachleute sehen verschiedene Möglichkeiten, um riskante Verschreibungen zu reduzieren. In einem begleitenden Kommentar zur Studie verweisen Experten auf digitale Entscheidungshilfen für Ärzte. Solche Programme analysieren elektronische Patientenakten und warnen, wenn ein Medikament für ältere Menschen problematisch sein könnte. Gleichzeitig schlagen sie angepasste Dosierungen oder alternative Therapien vor. In Deutschland gibt es solche digitalen Entscheidungshilfen für Medikamente grundsätzlich schon, aber sie werden noch nicht flächendeckend und einheitlich eingesetzt.
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