Krankenkassen-Krise: Kassenchefin will Grundgesetz ändern

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Die Ausgaben der Krankenkassen steigen, die Bundesregierung sucht händeringend nach Einsparmöglichkeiten. Kassenvorständin Galle glaubt hingegen: Ohne einen grundlegenden Wandel lässt sich das System nicht stabilisieren. Die Finanzlage der gesetzlichen Krankenkasse ist schlecht. Für das kommende Jahr erwarten die Kassen ein Minus von zwölf Milliarden Euro. Am Montag stellt eine Expertenkommission für das Bundesgesundheitsministerium Reformvorschläge vor. Schon im Vorfeld wurde über diverse Sparvorschläge diskutiert, etwa die Abschaffung der Familienversicherung oder die Streichung freiwilliger Leistungen. Andrea Galle, Vorständin der Betriebskrankenkasse mkk, will einen anderen Weg gehen. Das Gesundheitssystem dürfe nicht mehr allein als Reparaturbetrieb verstanden werden. Was das konkret heißt, erklärt sie im Gespräch mit t-online. t-online: Frau Galle, Sie betonen, wie wichtig Prävention für den Erhalt der eigenen Gesundheit ist. Wo liegt für die Menschen der größte Hebel? Andrea Galle: Selbst zu kochen. Natürlich gibt es zahlreiche Präventionshebel: Bewegung, Ernährung oder auch Sucht. Und egal, an welchem man ansetzt: Es ist nie verkehrt. Aber Ernährung ist der zentrale Faktor. Mindestens 50 Prozent der häufigsten chronischen Erkrankungen lassen sich durch Ernährung beeinflussen oder hinauszögern. Warum nimmt Prävention für Sie so eine große Rolle ein? Wenn wir auf einen durchschnittlichen Tag schauen, sterben in Deutschland statistisch über 1.000 Menschen an vermeidbaren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hinzu kommen rund 375 Todesfälle durch vermeidbaren Diabetes Typ 2. Gleichzeitig sehen wir einen deutlichen Anstieg chronischer, lebensstilbedingter Erkrankungen. Fast jeder Zweite gibt an, sich nicht wirklich gesund zu fühlen. Das belastet auch das Gesundheitssystem massiv. Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz für mehr Entlastung? Wir stehen vor einem strukturellen Problem: Entweder wir erhöhen Kapazitäten – was angesichts fehlender Fachkräfte und finanzieller Mittel kaum möglich ist – oder wir reduzieren die Krankheitslast. Letzteres bedeutet, viel früher anzusetzen und Menschen dabei zu unterstützen, gesund zu leben, bevor sie überhaupt im "Reparaturbetrieb" Gesundheitswesen ankommen. Sie fordern, Gesundheit im Grundgesetz zu verankern, und haben eine entsprechende Bundestagspetition gestartet. Was würde sich dadurch verändern? Gesundheit muss als Querschnittsaufgabe verstanden werden. Heute liegt die Verantwortung stark im Gesundheitsministerium – dabei befinden sich viele entscheidende Einflussfaktoren außerhalb des klassischen Gesundheitswesens: in Schulen, Kitas, Stadtplanung oder Ernährung. Eine Verankerung im Grundgesetz würde alle Ressorts verpflichten, ihren Beitrag zu leisten. Dann müsste bei neuen Gesetzen auch geprüft werden, welche Auswirkungen sie auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Es geht darum, Gesundheit systematisch mitzudenken. Im Grundgesetz findet sich unter Artikel 2 bereits das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Ist das nicht ausreichend? Das Grundgesetz ist ein starkes Fundament, entstanden unter dem Eindruck der Weltkriege. Damals stand der Schutz vor körperlicher Gewalt im Vordergrund. Heute ist unser Gesundheitsverständnis umfassender: Es geht auch um psychisches Wohlbefinden und vor allem um den Erhalt von Gesundheit. Genau dieser präventive Aspekt ist bislang nicht ausreichend abgebildet. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat jüngst eine Präventionsstrategie angekündigt. Warum reicht Ihnen die nicht aus? Eine Präventionsstrategie ist wichtig, greift aber oft zu kurz. Sie richtet sich vor allem an klassische Akteure wie Krankenkassen oder den öffentlichen Gesundheitsdienst. Das ist richtig, aber nicht ausreichend. Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern: kostenfreies, gesundes Schulessen, verlässlicher Sportunterricht, bessere Alltagsbedingungen für gesunde Entscheidungen. Prävention darf nicht nur im Gesundheitswesen stattfinden, sondern muss den Alltag der Menschen erreichen. Lässt sich beziffern, wie viel das Gesundheitssystem durch mehr Prävention sparen könnte? Konkrete Berechnungen haben wir nicht angestellt, aber klar ist: Jede vermiedene Erkrankung entlastet das System. Vor allem gewinnen Menschen gesunde Lebensjahre. Wir stehen vor einer erheblichen Herausforderung: In Deutschland leben aktuell rund 8,9 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 2 . Prognosen gehen davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren etwa zwei Millionen hinzukommen könnten. Da müssen wir dringend die Abbiegespur finden. Was mir darüber hinaus besonders Sorgen bereitet, ist die Generation der Babyboomer. Inwiefern? Diese Generation, zu der ich auch gehöre, erreicht bald ein Alter, in dem chronische Erkrankungen zunehmen. Noch sind unsere ganzen Befindlichkeiten im Gesundheitssystem gar nicht angekommen. Darum ist es so wichtig, möglichst schnell mit der Prävention zu beginnen, um diese Krankheitslast zumindest erst mal aufzuhalten. Und das lässt sich dann monetär auch messen. Studien zeigen: Jeder in Prävention investierte Euro bringt mindestens vier Euro zurück. Wenn wir es schaffen, die Zahl der Krankheitstage durch eine bessere Grundgesundheit zu senken, hätte das einen echten Effekt aufs Bruttoinlandsprodukt. Die Krankenkassen bieten selbst viele Präventionskurse an. Eine Studie Ihrer Kasse zeigt jedoch: Kaum einer nutzt sie. Haben die Menschen überhaupt Lust auf Prävention? Die Nutzung ist tatsächlich zu gering: Nur zehn Prozent der Versicherten nehmen an klassischen Präventionskursen teil – das ist wirklich niederschmetternd. Ein Problem ist sicherlich die Zugänglichkeit. Angebote sind oftmals schwer auffindbar oder passen nicht zum Alltag. Zudem fehlt es an Anreizen. Prävention sollte stärker belohnt werden – und zwar unmittelbar. Schlägt sich die Zurückhaltung auch auf Vorsorgeuntersuchungen nieder? Ja, auch bei Vorsorgeuntersuchungen sehen wir Nachholbedarf. Seit der Corona-Pandemie werden viele Angebote wesentlich seltener genutzt. Wir haben mal in unseren Bestand geschaut: 30 Prozent der Frauen waren die vergangenen fünf Jahre nicht bei der Krebsvorsorge. Hier könnten Einladungsverfahren und einfache Terminvergabe helfen. Ein Beispiel ist das Mammografie-Screening , bei dem feste Termine die Teilnahmequote deutlich erhöhen. Könnten personalisierte Angebote helfen, die Menschen stärker für Ihre Angebote zu gewinnen? Absolut. Derzeit sind unsere Möglichkeiten jedoch stark eingeschränkt. Das Gesundheitsdatenschutzgesetz erlaubt Krankenkassen nur in fünf Fällen die Nutzung persönlicher Gesundheitsdaten. Prävention gehört nicht dazu. Das ist aus unserer Sicht ein strukturelles Problem. Wir arbeiten mit einem "Verbotsprinzip": Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist untersagt. In einer sich schnell entwickelnden Welt bremst das die Innovation aus. Sinnvoller wäre ein umgekehrter Ansatz: grundsätzlich erlauben und gezielt einschränken, wo es nötig ist. Am Montag wird die von Frau Warken einberufene Gesundheitskommission Vorschläge zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenkassen vorlegen. Welche Rolle wird Prävention hierbei spielen? Ich hoffe, dass auch die Kommission das Thema aufgreifen wird. Wir sind überzeugt, dass sich ohne einen strukturellen Wandel die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen nicht nachhaltig bremsen lassen wird. Einmalige Einsparungen helfen vielleicht kurzfristig, doch die Dynamik bei den Ausgaben geht dann ja weiter. Nur durch eine stärkere Ausrichtung auf den Gesundheitserhalt lässt sich die Krankheitslast dauerhaft senken und das System stabilisieren.
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