Dem Hormon Testosteron werden sehr spezielle Eigenschaften nachgesagt. Es spielt bei Männern und Frauen in vielen Bereichen eine große Rolle, nicht nur im Frühling. Es geht wieder los: Der Frühling naht, die Temperaturen steigen, es wird zeitiger hell, und Licht und Luft fühlen sich ganz anders an: Frühlingsgefühle erwachen. Endokrinologen, also auf das Hormonsystem spezialisierte Fachärzte, wissen natürlich, dass es sich dabei um eine optimale Choreografie aus Licht, Hormonen, Erinnerungen (Erfahrungen) mit einem Schuss Romantik handelt. Die gute Nachricht: Bei Männern gibt es zwar Hinweise auf saisonale Schwankungen des Testosterons, der gern kolportierte massive Frühlingsanstieg ist bisher jedoch nicht gesichert. In den Hoden geht das ganze Jahr über ordentlich die Post ab. Hier nämlich wird Testosteron, das ein Steroidhormon und ein aus Cholesterin gebildeter fettlöslicher Botenstoff ist, in den Leydig-Zellen in Eigenproduktion hergestellt. Das Gehirn – genauer: Hypothalamus und Hypophyse – übernimmt dabei die Steuerung. Frauen bilden Testosteron ebenfalls, allerdings in deutlich geringerer Menge, vor allem in der Nebennierenrinde und in den Eierstöcken. Auch bei Frauen fördert es sexuelles Verlangen Gemeinhin wird Testosteron meist augenzwinkernd nur mit männlicher Potenz in Verbindung gebracht: vom sexuellen Verlangen über die Erektionsfähigkeit, ein hohes persönliches Geschlechtsverkehrsaufkommen bis hin zur ultimativen Trefferdichte der Spermien, also der Fortpflanzungseffektivität. Testosteron ist in der Tat das wichtigste männliche Sexualhormon. Es unterstützt sexuelles Verlangen, Erektionsfähigkeit und die Spermienbildung; für eine Erektion sind allerdings auch Nerven, Gefäße, Psyche und andere Hormonsignale wichtige Helfer. Auch bei Frauen fördert es das sexuelle Verlangen. Darüber hinaus folgt das Testosteron aber noch einer Menge anderer Bestimmungen. Bei Männern wie Frauen ist es eine Art Allround-Regler, der die Herstellung von Proteinen sowie den Erhalt und den Aufbau von Muskelmasse unterstützt und damit beim Erhalt einer günstigeren Muskel-Fett-Verteilung hilft. Im Knochenmark unterstützt es die Bildung roter Blutkörperchen, wodurch der Sauerstofftransport erleichtert wird. Das Hormon spielt einen entscheidenden Part beim Erhalt unserer Knochendichte und stärkt den Schutz vor Osteoporose. Außerdem steuert es den Eiweiß- und Zuckerstoffwechsel. Ist der Testosteronspiegel zu niedrig, geht das häufiger mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes einher. Wichtige Rolle in der Pubertät In der Pubertät macht sich das Hormon bei der Entwicklung der männlichen Geschlechtsmerkmale bemerkbar, es lässt den Bart sprießen, die Stimmlage nach unten rutschen und kurbelt die Spermienproduktion an. Dieser Aufgabe soll es ab da lebenslang nachkommen. Es weckt das sexuelle Verlangen. Bei Mädchen in der Pubertät dient es unter anderem auch als Vorstufe für die Östrogenbildung. Überdies ist Testosteron generell an der Erhaltung unserer Lebensqualität beteiligt, denn es wirkt direkt auf unser Zentralnervensystem. Gesichert ist vor allem, dass ein Testosteronmangel mit Antriebsschwäche, gedrückter Stimmung, verminderter Vitalität und Konzentrationsproblemen einhergehen kann; mögliche Effekte auf Gedächtnis und räumliche Orientierung werden diskutiert. Der gesunde Testosteronspiegel trägt zu Wohlbefinden, Motivation und sexueller Gesundheit bei. Die Einstufung als reines Kampf- oder Aggressionshormon geht dagegen am Kern der Sache vorbei. Lebenswandel beeinflusst Absinken des Haushalts Natürlich gibt es Lebensphasen und -abschnitte, in denen unser Testosteronhaushalt dieser ganzen Multifunktionalität nicht mehr hinterherkommt. Signale dafür sind nicht nur das Nachlassen unserer sexuellen Lust, sondern oft auch seltener werdende Morgenerektionen. Auch sich zu konzentrieren, fällt schwerer. Allgemein kommt es zu Antriebslosigkeit, sogar die Tür zu einer Depression kann sich öffnen. Wer davon verschont wird, kann trotzdem mit Erscheinungen von Müdigkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen oder Hitzewallungen zu kämpfen haben. Als wäre das nicht genug, schwindet auch unsere Muskelmasse, und ehe man sich versieht, nimmt ungebeten Körperfett ihre Stelle ein. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel mit dem Alter oft langsam; grob gesprochen um etwa ein Prozent pro Jahr ab etwa dem 30. Lebensjahr, wobei Übergewicht, Diabetes, Schlafmangel, Schlafapnoe , chronischer Stress, Alkohol, bestimmte Medikamente und andere Erkrankungen häufig stärker ins Gewicht fallen als das Alter allein. Tritt ein chronischer, nicht erkannter Testosteronmangel ein, wird das mit einem ungünstigeren Herz-Kreislauf-Risikoprofil in Verbindung gebracht. Ob niedrige Werte Herzinfarkte oder Demenz direkt verursachen, ist nicht eindeutig belegt. Chronischer Stress und Schlafmangel können die hormonelle Achse zusätzlich dämpfen; das Stresshormon Cortisol und Testosteron beeinflussen sich wechselseitig. Vorsicht bei Testosteronpräparaten Der Arzt misst den Testosteronspiegel, indem er zwischen sieben und zehn Uhr vormittags von der möglichst nüchternen Person Blut abnimmt (Zeit der körpereigenen Spitzenproduktion). Für eine sichere Diagnose braucht es mindestens zwei Messungen an verschiedenen Tagen – und Beschwerden, die dazu passen. Je nach Befund werden zusätzlich weitere Hormone bestimmt. Vor Beginn einer Therapie gehören außerdem je nach Alter und Risiko ein Blutbild beziehungsweise die Messung der Blutdicke und eine Untersuchung der Prostata dazu. Wird dann eine Unterversorgung erkannt, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, etwa Gele, Pflaster oder Injektionen. Aber bitte keine Testosteronpräparate ohne ärztliche Aufsicht einnehmen: Unsachgemäße übermäßige Anwendung kann die körpereigene Produktion zum Stillstand bringen, die Hodenfunktion und Fruchtbarkeit beeinträchtigen und so zu Unfruchtbarkeit führen sowie Nebenwirkungen wie eine Blutverdickung begünstigen. Fitnessstudios haben diese Gruppe für sich entdeckt Der Patient kann trotzdem tatkräftig daran mitwirken, einen Mangel zu beheben. Weil Übergewicht eine der Hauptursachen ist, kann er sein Körpergewicht reduzieren. Eine dem Alter des Patienten angemessene regelmäßige sportliche Betätigung oder Bewegung hilft nicht nur, Pfunde zu verlieren, sie kann auch den Stoffwechsel verbessern und dadurch verursacht niedrige Werte häufig günstig beeinflussen. Übrigens haben die Fitnessstudios längst begriffen, wie viel Geld mit Übergewichtigen, Alten oder übergewichtigen Alten zu verdienen ist: Hier wird niemand mehr belächelt, wenn er die Pforten durchschreitet. Krafttraining in kurzen und intensiven Einheiten, Grundübungen wie Kniebeugen machen einiges aus. Im Lebensstil ist auch ausreichend Schlaf angebracht. Weil ein großer Teil der täglichen Testosteronfreisetzung an den Schlaf gekoppelt ist, sollten wir unserem Körper sieben bis acht Stunden dafür gönnen. Austern stecken voller Zink In der Ernährung ist vor allem auf eine insgesamt ausgewogene, eiweiß- und mikronährstoffreiche Kost und auf Zink zu achten. Wir beziehen es aus Hülsenfrüchten, Haferflocken und Vollkornkost, Nüssen, Kürbis- und Sonnenblumenkernen, die auch Magnesium enthalten. Bei tierischen Produkten stehen Eier, Fleisch, Käse, Meeresfrüchte und Fisch obenan. Absolute Nummer eins – leider nicht immer verfügbar – sollen Austern sein, weil sie zu den zinkreichsten Lebensmitteln überhaupt gehören. Zink wiederum ist wichtig für viele Enzyme, die Hormonbildung und die normale Fortpflanzungsfunktion. Das ebenfalls zur Testosteronherstellung benötigte Magnesium kommt in Spinat, Mangold oder Grünkohl zu uns, beim Obst besonders durch Bananen und Trockenfrüchte (Feigen, Aprikosen). Gesunde Fette, also vor allem ungesättigte Fettsäuren, beziehen wir aus pflanzlichen Ölen, Nüssen, Kernen und Samen, Avocados, Oliven, fettem Fisch und aus Eiern. Jedoch muss klar sein: Kein einzelnes Lebensmittel ersetzt Schlaf, Bewegung, Gewichtsregulation und die Abklärung eines echten Mangels. Haarausfall kann eine Nebenwirkung sein Auch Frauen profitieren gelegentlich von kleinen Testosterongaben in der Postmenopause, insbesondere bei Lustverlust. Problematisch können die Nebenwirkungen sein: Haarausfall , Akne, stärkere männliche Gesichts- und Körperbehaarung sowie fettige Haut mit großen Poren. Daher gibt es bisher keine pauschale Empfehlung. Hören Sie – nicht nur im Frühling – auf Ihren Körper und kommen Sie gesund durch die Zeit!