Mario Adorf stand vor seinem Tod in Gesprächen über einen Film zu einem bewegenden Erlebnis aus seiner Jugend. Hinter dem Projekt steht ein Produzent, der ihm vielleicht das schönste Geschenk zum 95. Geburtstag gemacht hat. Mario Adorf als 14-jähriger Eifeler Junge, der in Hitlers letztem Aufgebot zwei Feinde vor einem möglichen Lynchmob bewahrt: Mit dieser Anekdote und einer Verfilmung für eine Dokumentation befasste sich der Schauspieler in den Monaten vor seinem Tod. Das berichtete der Regisseur und Filmproduzent Michael Simon de Normier, der Mario Adorf sehr schätzte und verehrte, t-online. "Wir standen dazu in Kontakt. Und in der Geschichte steckt so viel Gutes." Erste mögliche Szenen des Films gibt es bereits. Im Mittelpunkt steht ein Geschehen am 14. Februar 1945 im Norden von Rheinland-Pfalz und um zwei abgestürzte amerikanische Soldaten, denen Adorf als 14-Jähriger geholfen hatte. Der junge Mario war in der Hitlerjugend, auch wenn er Hitler und Goebbels vor Freunden parodierte. Er war auch 1944 in einem Wehrertüchtigungslehrgang der "NS-Führerschule Erich Niejahr". Anfang 1945 wurde er für den "Volkssturm" verpflichtet, als das untergehende Nazideutschland seine letzten Reserven mobilisierte. In Adorfs 2004 veröffentlichtem autobiografischen Buch "Himmel und Erde: Unordentliche Erinnerungen" ist diese wenig bekannte Geschichte zu lesen: In seiner Funktion als Melder war Adorf mit dem Fahrrad im Wald nahe seiner Heimat Mayen unterwegs, als er plötzlich einen Fallschirm in den Bäumen entdeckte. Er freute sich schon insgeheim auf die mögliche Begeisterung seiner Mutter über die Seide. Auf dem Rückflug von Dresden von der Flak abgeschossen Dann erst sah er am Fuße des Baumes zwei am Boden sitzende Männer in braunen Lederjacken mit Pelzkragen: US-Soldaten, Angehörige einer B17-Besatzung der 306th Bomb Group. Feinde auf dem Rückweg von einem verheerenden Angriff auf Dresden . Mit dem Fallschirm waren sie aus der von der deutschen Flak schwer beschädigten Maschine abgesprungen. Um 14.21 Uhr war die letzte Funknachricht vom Piloten gekommen, dass er Probleme habe. Sein letzter Wunsch: So soll Mario Adorf beerdigt werden Mario Adorf: Sie stand ihm bis zuletzt zur Seite Als die beiden jungen Männer im Wald vor dem "Volkssturm"-Jungen saßen, spürte er nichts von dem Hass, den er manchmal bei Bombengeschwadern am Himmel empfunden hatte. Er habe nur "eine große Neugierde auf diese Erscheinungen von einem anderen Stern" empfunden, heißt es im Buch. Adorf wusste aber auch, dass Wut und Vergeltungswille bei anderen tief saßen. Dazu war Mayen als Verkehrsknoten regelmäßiges Ziel der Bomben, die Bewohner sahen im Bunker Opfer der Angriffe verbluten. Adorf hatte auch von den Berichten gehört, dass Bauern mit Mistgabeln auf abgeschossene Piloten losgingen und sie lynchten. Mit einigen Brocken Englisch verständigte er sich mit den beiden. Sie müssten sicher in den Westerwald kommen, in ein Lager für gefangen genommene Offiziere. 60 Kilometer entfernt. Einer war erheblich am Bein verletzt, der andere hatte ihm eine Schiene angelegt. An ein Ankommen dort ohne Hilfe war nicht zu denken, und die Männer hatten auch Angst, was ihnen unterwegs passieren könnte. Adorf versprach Hilfe. Adorf besorgte Suppe für die Soldaten im Wald Der Junge verriet sie nicht, als er von seinem Einsatz zurückkam. Darüber reden wollte er nur mit seinem Unteroffizier, einem anständigen Kerl, dem er vertraute. Doch den fand er nicht. Adorf erbat sich unter einem Vorwand einen Topf Suppe, den er in der Nacht den wartenden Männern brachte. Sie aßen dankbar, er bekam den ersten Kaugummi seines Lebens. "Ich konnte mich kaum von den beiden trennen, so spannend und geheimnisvoll war das ganze Abenteuer", schrieb Adorf. Bei der Rückkehr traf er dann den Unteroffizier und erzählte davon, dass die Amerikaner nach Montabaur gebracht werden müssten. Zusammen fuhren sie in den Wald, fanden die beiden und luden sie als offizielle Gefangene auf den Wagen des Soldaten, der sie nach Montabaur fuhr. Die Schilderung in Adorfs Buch ließ den Filmproduzenten Michael Simon de Normier nicht mehr los. Nach eigenen Angaben recherchierte er gemeinsam mit zwei Historikern Details und machte die Absturzstelle ausfindig. Zudem spürte er Angehörige der Soldaten auf. "30 Menschen, die Nachkommen, existieren vielleicht nur deshalb, weil Mario Adorf so gehandelt hat." Geplant war ein Treffen mit einem Enkel von Waffenoffizier Frederick Piepenbrink, einem der beiden abgestürzten Soldaten. "Er hätte sehr gerne mit Adorf gesprochen und Adorf mit dem Enkel." Der Schauspieler habe das auch noch in seine Erinnerungen einarbeiten wollen, habe er ihm am Telefon erzählt. Treffen mit Daniel Brühl in Cannes war im Gespräch Sie hätten gehofft, dass es dazu noch kommt, sagt de Normier. "Es war ja nicht absehbar, ob er nicht vielleicht noch zehn Jahre hat." Einen Termin gab es noch nicht. Ausgetauscht hätten sie sich per Mail, auch über weitere Pläne mit einem möglichen Treffen und eine Ehrung in Cannes durch Daniel Brühl . Der in Saint-Tropez und Paris lebende Adorf habe sich das vorstellen können, aber vorsichtig gebeten, nicht zu viel Aufhebens zu machen. "Er wollte es nie zu festlich und zu stattlich." So äußerte sich Adorf auch, als Michael Simon de Nornier 2019 vor der Berlinale ein Gala-Dinner zu Ehren des Weltstars initiiert und eröffnet hatte. Daniel Brühl deshalb, weil man bei ihm berechtigt sagen könne, dass er in der Nachfolge Adorfs stehe. "Mario Adorf war aber der Letzte seiner Art. Einer der ganz Großen, auf den sich ein ganzer Sprachraum als seinen Allergrößten einigen konnte. Die Nachricht von seinem Tod hat mich in die Knie gehen lassen", so de Normier. Vor 20 Jahren hätten sie sich kennengelernt, "ich habe ihm beigebracht, wie man eine SMS schreibt", erinnert sich de Normier. Es blieb immer beim respektvollen "Sie" zwischen den Männern, die sich mit "lieber Mario" und "lieber Michael" ansprachen. Zum 95. Geburtstag von Adorf im vergangenen Jahr überlegte sich de Normier eine besondere Überraschung. Er ließ seine Kontakte spielen: Diverse prominente Zeitgenossen schickten selbst aufgenommene Glückwunschbotschaften für einen kurzen Film, den er dem Schauspieler zukommen ließ. "Als er ihn gesehen und mich angerufen hat, war das einer der wenigen Momente, wo ich ihn sentimental erlebt habe. Es hat ihn bewegt." "Leider hatte ich Mario seit Wochen nicht angerufen" Telefonieren gestaltete sich aber schwierig, Adorf hörte nicht mehr gut. "Ich habe auch seit einigen Wochen bei ihm nicht mehr angerufen, das tut mir jetzt leid." Nach der Nachricht von Adorfs Tod telefonierte er jedoch mit seinem Produzentenkollegen Eberhard Junkersdorf, vielleicht Adorfs engster Freund. Auch der sei der Meinung gewesen, dass die Anekdote aus dem Wald bedeutsam sei. Dazu passe auch, dass Adorf für die Rehabilitierung von Bruno Lüdke gekämpft habe. Den vermeintlichen Serienmörder Lüdke hatte Adorf 1957 in "Nachts, wenn der Teufel kam" eindrucksvoll gespielt – und das später bedauert. Recherchen hatten ergeben, dass die Geständnisse des 1944 bei Menschenversuchen gestorbenen Lüdke falsch waren und der geistig eingeschränkte Mann Opfer der NS-Ideologie wurde. Adorf schrieb sogar an den Bundespräsidenten, zum Gedenken an Lüdke wurde ein Stolperstein verlegt. De Normier sagt: "Auch diese Seite des Menschen Mario sollte lebendig bleiben, der in finsteren Tagen statt Hass auf Feinde Neugierde auf die Menschen in sich fand. Ein leuchtendes Vorbild." Ob das aber noch in einem Film über Adorf und die US-Soldaten mündet, ist jetzt offen. "Das wird nun auch von den Piepenbrinks abhängen." Sie können den Weltstar nicht mehr treffen, dem ihr Großvater viel zu verdanken hatte.