Microsoft-Managerin: Das ist nicht nur Zukunft, das ist längst Gegenwart

latest news headlines 2 tage vor
Flipboard
Die Angst vor KI ist unbegründet, sagt Microsoft-Managerin Agnes Heftberger. Im Interview mit t-online erzählt sie, was Beschäftigte jetzt tun sollten. Wirtschaft, Arbeitswelt und Privatleben: Künstliche Intelligenz dringt in alle Bereiche ein. Während Unternehmen wie Microsoft , Google, Meta und Apple in dieser Technologie eine historische Chance sehen, begegnen Bewohner westlicher Industrieländer ihr zurückhaltend. Besonders in Deutschland überwiegt laut aktuellen Umfragen die Skepsis. Für Microsoft-Managerin Agnes Heftberger ist dies unbegründet. Im Interview erklärt sie, warum sich Arbeitnehmer mit dem Thema auseinandersetzen sollten und weshalb Künstliche Intelligenz in Unternehmen zur Chefsache gemacht werden muss. Zudem spricht sie darüber, wie Deutschland und Europa trotz strenger KI-Regulierungen im internationalen Wettbewerb mithalten können. t-online: Frau Heftberger, wann haben Sie das erste Mal Künstliche Intelligenz genutzt? Agnes Heftberger: Ich bin mir nicht ganz sicher. Maschinelles Lernen gibt es ja schon seit vielen Jahren und vermutlich bin ich der Technologie schon früher begegnet. Etwa wenn ich bei einem Telekommunikationsunternehmen anrief und dort ein Chatbot antwortete. Aber als ChatGPT vor drei Jahren auf den Markt kam, war ich vermutlich eine der Personen, die sehr schnell und intensiv damit experimentiert haben. Welche Experimente waren das? Ich liebe Geschichten und meine Kinder auch. Ich habe ChatGPT ein paar Stichworte gegeben und die Anweisung, daraus eine Gute-Nacht-Geschichte zu machen. Das hat so gut geklappt, dass ich KI von da an regelmäßig dafür genutzt habe. Und dann? Als ich vor eineinhalb Jahren zu Microsoft wechselte, wurde KI auch beruflich zu meinem ständigen Begleiter. Wenn man bei Microsoft einsteigt, gibt es sogenannte Onboarding Buddys, also Kolleginnen und Kollegen, die einem alles über Microsoft und die Unternehmenskultur beibringen. Zusätzlich hatte ich noch Microsofts KI-Assistenten Copilot als Onboarding Buddy und diesen nutzte ich tatsächlich am meisten. Warum? Weil er mir auch noch um 10 Uhr abends in einem Berliner Hotel Rede und Antwort stehen konnte. Das waren jetzt einige positive Beispiele. Mal anders gefragt: Welche Aufgabe würden Sie einer KI niemals anvertrauen? Es ist wichtig, bei jeder Aufgabe, die man einer KI stellt, kritisch mitzudenken. Copilot weist immer darauf hin, dass die Ergebnisse fehlerhaft sein können. Daher sollte man diese immer prüfen und die Quellen anschauen, die die KI genutzt hat, bevor man weitermacht. Sie würden also der KI jede Aufgabe anvertrauen? Ja. Denn ich bin davon überzeugt, dass egal in welchem Bereich unseres Lebens die Kombination Mensch, also menschliche Ambition, Kreativität, Empathie zusammen mit KI Großartiges leisten kann. Selbst in sensiblen Bereichen wie der Medizin gibt es hervorragende Einsatzmöglichkeiten für KI. Haben Sie ein Beispiel? Ein KI-Assistent namens Dragon Copilot unterstützt Ärztinnen und Ärzte bei der Dokumentation und Mitschrift während des Patientengesprächs. Dadurch haben medizinische Fachkräfte mehr Zeit für die Behandlung. Wenn wir die Technologie richtig einsetzen und den Menschen in den Mittelpunkt stellen, kann KI alle Lebensbereiche grundlegend verändern. Sie sprechen in Interviews regelmäßig von der KI als Jahrhundertchance. Was meinen Sie damit? KI ist eine Querschnittstechnologie. Historisch gesehen kann man sie mit Entwicklungen wie der Elektrizität, der Dampfmaschine oder dem Buchdruck vergleichen. Also mit Technologien, die nicht nur eine einzelne Aufgabe erfüllten, sondern ganze Prozesse, Interaktionen und den Zugang zu Wissen grundlegend veränderten. KI hat das Potenzial, jedem von uns Fähigkeiten und Wissen zugänglich zu machen, das wir vorher nicht hatten. Wie zum Beispiel? Zum Beispiel kann sie mir eine Präsentation zu einem bestimmten Thema strukturieren und mir so viel Zeit sparen. Oder mir bei der Lösung von komplexen Problemen helfen, für die ich sonst Experten befragen müsste. Genau deshalb sehe ich in der KI eine Jahrhundertchance für uns als Individuen, für die Gesellschaft insgesamt und natürlich auch für Länder wie Deutschland oder Regionen wie Europa. Trotzdem haben viele Menschen Angst vor der Technologie, vor allem, dass sie ihnen Arbeitsplätze wegnimmt. Unbegründet? Ja. Denn ich glaube, es geht weniger darum, dass KI Menschen ihren Job wegnimmt, als darum zu verstehen, dass sich Jobrollen durch KI verändern werden. Deshalb sollten wir uns alle aktiv um KI-Kompetenzen bemühen und unsere Fähigkeiten erweitern. Was verstehen Sie konkret darunter? Qualifizierung und die Bereitschaft zu lernen. Wenn wir 40 Jahre zurückschauen, dann waren Programme wie Word, Excel oder PowerPoint ebenfalls noch nicht Teil des Alltags. Wir alle mussten erst lernen, wie man sie nutzt. Das Gleiche gilt jetzt bei KI. Diese Bereitschaft rettet den Beruf des Übersetzers oder Callcenter-Mitarbeiters aber auch nicht, wenn man einer Microsoft-Studie vom Sommer glaubt. Ihr zufolge sind diese Berufe besonders gefährdet, schon in recht naher Zukunft nicht mehr gebraucht zu werden. Sie müssen das gesamte Spektrum betrachten, wie sich der Arbeitsmarkt, aber auch Berufsbilder durch KI verändern. Bei Microsoft etwa setzen wir KI sehr stark in der Kundeninteraktion ein, vor allem im Servicebereich. Das heißt, Mitarbeitenden werden KI-gestützte Assistenten zur Seite gestellt. In Gesprächen mit ihnen wird dann deutlich, wie sich ihre Rollen verändern und entwickeln. Wie genau? Manche der Mitarbeitenden bezeichnen sich mittlerweile selbst als AI Engineer, sie entwickeln und optimieren ihr eigenes Berufsprofil also mithilfe der KI. Das zeigt, dass Jobprofile in nahezu allen Bereichen einem starken Wandel unterliegen. Neue Fähigkeiten, neue Anforderungen und neue Rollen entstehen. Und das gilt nicht nur für Microsoft. Diese Entwicklung sehe ich aktuell bei vielen Unternehmen und Kunden in ganz Deutschland. Der Erfolg von ChatGPT und Co. hat an den Börsen einen Hype ausgelöst. Manche Analysten befürchten, die KI-Blase könnte bald platzen. Sie offenbar nicht? Nein, die Gefahr sehe ich nicht. In den vergangenen Wochen und Monaten sind zahlreiche Studien erschienen, die zeigen, dass ein großer Teil der Deutschen bereits privat künstliche Intelligenz nutzt. KI durchdringt inzwischen eine Vielzahl von Unternehmensbereichen wie Forschung, Personal, Finanzen, Lieferketten bis hin zum Kundenservice. Das zeigt, dass KI tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. KI ist nicht nur Zukunft, sie ist längst Gegenwart. Europa sorgt sich wegen der eigenen Abhängigkeit von großen US-Tech-Unternehmen. Die politischen Entwicklungen in den USA haben diese Sorge noch vergrößert. Zu Recht? Für Europa spielen Aspekte wie die Kontrolle über die eigenen Daten, hohe Sicherheit und echte Wahlmöglichkeiten eine große Rolle, das ist sehr nachvollziehbar. Unser Anspruch bei Microsoft ist es, dafür ein breites Spektrum an Lösungen anzubieten, die genau diese Bedürfnisse unterstützen. Wir haben deshalb zum Beispiel eine Datengrenze rund um Europa geschaffen, sodass Daten in Europa gespeichert und verarbeitet werden können. Das nimmt vielen aber nicht die Sorge vor einer zu großen Abhängigkeit. Oder wie erklären Sie sich, dass Bundesländer wie Schleswig-Holstein ihre Microsoft-Lizenzen kündigen und auf Open-Source-Lösungen setzen? Wir leisten einen großen Beitrag für Open-Source-Modelle und -Anwendungen. Allein im Microsoft-Universum arbeiten rund 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Open-Source-Fähigkeiten mit. Das ist ein Bereich, in dem wir aktiv und transparent kommunizieren und unser Engagement deutlich machen möchten. Trotzdem entscheiden sich Kommunen gegen Microsoft. Es ist ja auch nichts Negatives daran, wenn eine Kommune, ein Unternehmen oder eine Behörde Wahlmöglichkeiten hat. Wir sehen auch aktuell Beispiele von Regionen oder Städten, die nach vielen Jahren Open Source zu uns gewechselt sind. Denn was wir als Microsoft beeinflussen können, ist die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen. Mein Ziel ist es, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer für uns entscheiden, weil sie den Mehrwert erkennen. Europa setzt auf Regulierung von KI, andere Länder wie die USA und China auf Innovationstempo. Was ist sinnvoller, um im KI-Wettbewerb mitzuhalten? Sie werden von mir nicht hören, dass ich die EU-Regulierung verteufle. Denn wir als Microsoft und ich selbst befürworten ganz klar einen regulatorischen Rahmen für KI. Schon bevor es das europäische Gesetz für Künstliche Intelligenz gab, den AI-Act, hatten wir bei Microsoft eigene Richtlinien für den verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie. Ich würde sagen, unser interner Kodex ist in vielen Punkten sogar strenger als die EU-Regulierung. Und was würden Sie sich als Europäerin vom Standort Deutschland in Bezug auf Innovationen wünschen? Dass wir KI tatsächlich anwenden und in die Prozesse integrieren, in Produktportfolios, in Serviceportfolios. Nur dann entsteht ein positiver Effekt. Wenn wir das nicht tun – und es gibt genügend Studien dazu, die zeigen, dass wir im internationalen Vergleich eher im Mittelfeld liegen –, dann fallen wir zurück. Deshalb ist Geschwindigkeit hier ein entscheidender Faktor. Wie lässt sich diese Geschwindigkeit erhöhen? Jede Organisation, jedes Unternehmen muss für sich klären, was es braucht, um dieses Tempo aufzunehmen. Sind es Fähigkeiten? Kompetenzen? Andere Voraussetzungen? Wichtig ist auch die Frage, wie wir funktionierende Ökosysteme bauen, also Partnerschaften, die echten Mehrwert bieten und bei denen alle Beteiligten profitieren? Und wie vermeiden wir es, Dinge nachzubauen, die es anderswo auf der Welt längst gibt, ohne dass dadurch echte Innovation entsteht? Das klingt so, als würden Sie die Aufgaben eher bei den Unternehmen als bei der Politik sehen. Künstliche Intelligenz muss Chefsache sein. Egal, ob man eine Behörde oder ein Unternehmen leitet. Jede Führungskraft sollte sich mit der Frage beschäftigen, welchen Nutzen sie aus KI ziehen kann. Gerade in der Wirtschaft sehe ich hier viele Chancen und Aufgaben. Aber auch im öffentlichen Sektor kann und sollte KI eine Rolle spielen, und das tut sie zum Teil auch schon. Die Bundesagentur für Arbeit etwa, eine der größten Behörden in Deutschland, ist längst auf dem Weg. Dort gibt es gute Beispiele für den sinnvollen Einsatz von KI etwa bei der Prüfung von Dokumenten oder Arbeitsmarktanalysen. Sie sagten vor ein paar Monaten, dass Sie sich statt eines Digitalministeriums lieber ein KI-Ministerium gewünscht hätten. Warum? Das knüpft an meine vorherige Antwort an. Nur wenn Künstliche Intelligenz Chefsache ist, kommt Bewegung in das Thema. Dann ist klar, dass es Priorität hat. Mein Wunsch: Lasst uns nicht versuchen, die Digitalisierung der letzten zehn oder fünfzehn Jahre nachzuholen. Stattdessen sollten wir nach vorn schauen und die Chancen nutzen, die Künstliche Intelligenz jetzt bietet. Insofern finde ich es gut, dass es das Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung gibt. Denn Digitalisierung, in der Folge auch KI, sind entscheidende Hebel, die wir aktiv und positiv nutzen können.
Aus der Quelle lesen