Neue Gaskraftwerke werden gebraucht: Studie gibt Reiche recht

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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lässt 12 Gigawatt an neuen Kraftwerken bauen, vor allem Gaskraftwerke. Dafür erntet sie viel Kritik. Doch eine neue Studie gibt ihr recht. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Ausschreibungen kommen: 12 Gigawatt (GW) an neuer Kraftwerksleistung sollen her, um ab 2031 die Stromversorgung in Deutschland sicherzustellen und den Ausstieg aus der Kohle zu ermöglichen. Für 10 Gigawatt soll die Ausschreibung nach Informationen aus dem Wirtschaftsministerium so ausgestaltet werden, dass sie praktisch nur für Gaskraftwerke erfüllbar wäre . Diese Gaskraftwerke sollen dann in der Zukunft auf klimafreundlichen Wasserstoff umgerüstet werden. Der Plan stößt schon seit Monaten auf Kritik, vor allem von Umweltverbänden. Sie werfen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vor, der Gaslobby einen Gefallen tun zu wollen und dadurch die Stromkosten für alle Verbraucher in die Höhe zu treiben. Tatsächlich ist ab 2031 zur Finanzierung der neuen Gaskraftwerke eine neue Umlage auf den Strompreis geplant. Doch wie eine neue Studie des Science Media Center (SMC) nun zeigt, hat Reiche in der Sache mit den Gaskraftwerken recht: Demnach wird die nun geplante Menge an Kraftwerken "mindestens notwendig sein", um die Stromversorgung ab 2031 zu sichern. Werden diese Kraftwerke nicht gebaut, dann müsste der Kohleausstieg verschoben werden, so das Fazit der Forscher. Neue Gaskraftwerke auch im optimistischen Szenario notwendig In dem Report wird davon ausgegangen, dass Deutschland bis 2031 die Ausbauziele für Wind- und Solarenergie erreicht und diese 80 Prozent des Stromverbrauchs abdecken können. Windenergie würde dann 215 GW an Stromleistung liefern, Photovoltaik 115 GW. 2030 sollen mehrere Kohlekraftwerke, vor allem in Nordrhein-Westfalen , vom Netz gehen. Deren Leistung in Höhe von 56,3 GW steht für die Berechnung also nicht mehr zur Verfügung und muss anderweitig gedeckt werden. Das SMC hat nun zwei Szenarien berechnet: ein mittleres und ein optimistisches Szenario. Und in beiden Fällen kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die geplante Leistung an Gaskraftwerken richtig ist. Auch im optimistischen Szenario schreiben sie: "Die Rechnung geht nur gerade eben so auf." Im mittleren Szenario geht das SMC von Folgendem aus: Erneuerbare Energien haben eine Leistung von 330 GW im Jahr beziehungsweise erzeugen 533,7 Terawattstunden (TWh), davon würden aber nur 437,7 TWh genutzt. 20,8 TWh des ungenutzten Stroms könnte in Speicher fließen, deren Leistung wird auf 27,8 GW geschätzt. Übrige Kohlekraftwerke liefern noch 46,4 TWh an Strom, das entspricht einer Leistung von 5,3 GW. Der Nettostromverbrauch wird angelehnt an die Berechnungen des Energiewende-Monitorings der Bundeswirtschaftsministerin auf 597,5 TWh gesetzt. Die Spitzenlast wird auf höchstens 70 bis 80 GW geschätzt, diese Menge muss das Stromsystem jederzeit mindestens bereitstellen können. An 277 Stunden im Jahr braucht es neue Kraftwerke An den allermeisten Tagen im Jahr könnten die erneuerbaren Energien zusammen mit Speichern den Bedarf im Jahr 2031 decken. Es gäbe aber einzelne Stunden und Tage im Jahr, in denen durch die Dunkelflaute kein Strom aus Wind und Solar kommt. Das SMC geht davon aus, dass dies an 277 Stunden (von insgesamt 8.760 Stunden) im Jahr eintreten würde. Wenn an diesen Tagen auch noch die Spitzenlast von 70 bis 80 GW erreicht würde, dann bräuchte es Reservekraftwerke mit einer Leistung von bis zu 21,9 GW, um noch immer sicher Strom liefern zu können. Nach dem Plan der Regierung werden bis 2031 die ersten neuen Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 12 GW ans Netz gehen. Klappt das planmäßig, dann würde die Anzahl der Stunden im Jahr, für die es keine gesicherte Energiequelle mehr gibt, auf 64 sinken. Für den Fall, dass diese Stunden in Zeiten mit hoher Last anfallen würden, fehlten aber immer noch 10,9 GW, die auch mit den neuen Gaskraftwerken nicht gedeckt werden können. Im mittleren Szenario würden die Pläne von Wirtschaftsministerin Reiche also nicht ausreichen, es bräuchte noch mehr gesicherte Leistung. Das könnte durch noch mehr Gaskraftwerke kommen, oder aber auch durch mehr Batteriespeicher, mehr Pumpspeicher und andere Hebel zur besseren Verteilung des Stromverbrauchs. Um diese Lücke zu schließen, soll es später deshalb auch andere Ausschreibungen geben, die von allen Technologien erfüllt werden können. Im besten Fall werden Wind, Solar und Batterien stark ausgebaut Das SMC hat auch berechnet, wie die Lage aussehen würde, wenn neben den Gaskraftwerken auch andere Bereiche stärker ausgebaut würden. In diesem optimistischen Szenario werden noch mehr Wind- und Solarenergieanlagen zugebaut, außerdem werden deutlich mehr Batterien errichtet (30 GW Wind auf See, 150 GW Batterien, Erzeugung aus Wind und Solar erhöht sich um den Faktor 1,2). Zudem werden Flexibilitäten mehr genutzt, das heißt: Private Solaranlagen und Heimspeicher werden netzdienlicher eingesetzt und speisen Strom vermehrt zu Zeiten ein, in denen er auch gebraucht wird. Zusätzlich werden Elektroautos als Speicher eingesetzt. Zusammen ergeben diese Flexibilitäten 50 GW an Leistung. In diesem Szenario würde es Jahre mit guten Wind- und Sonnenbedingungen geben, in denen gar keine Lücke besteht, die Kraftwerke also nicht zum Einsatz kämen, so das SMC. Aber in schlechteren Ertragsjahren fehlen immer noch sieben GW. Das liegt zwar unter dem nun geplanten Wert von 12 GW; aus Sicht der Forscher ist diese größere Menge aber mehr als gerechtfertigt, da man immer mehr Leistung installieren sollte, als unmittelbar benötigt wird. Im Ergebnis betonen die SMC-Forscher, dass der Bau der jetzt geplanten Kraftwerke "sinnvoll" sei. Diese neuen Gaskraftwerke werden aber nicht ausreichen, auch das wird aus der Studie deutlich. Zusätzlich wird es weitere Leistung brauchen – entweder durch mehr Batterien, neue Nutzungsmöglichkeiten für Biomasse oder auch durch Flexibilitäten im Stromsystem. "Wird keine Lösung gefunden, könnte es aber auch nötig sein, den Kohleausstieg um wenige Jahre zu verschieben", heißt es abschließend.
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