Simon Eder ist mit weitem Abstand der beste Biathlet Österreichs. Dabei ist er bereits 42 Jahre alt. Die beeindruckende Leistung hat aber auch eine Kehrseite. Aus Antholz berichtet Benjamin Zurmühl Als Simon Eder sein Debüt im Biathlon-Weltcup feierte, hießen seine Konkurrenten Sven Fischer, Raphaël Poirée oder Ole Einar Bjørndalen. Das war im Januar 2003. Beenden konnte der damals 19-Jährige das Rennen nicht – Eder bekam Fieber . Die Motivation des Österreichers, sich im Weltcup zu beweisen, war groß. Zu groß. Eder trainierte zu viel, stürzte in ein mentales Loch. Die ersten Jahre seiner Profikarriere zählt er daher nicht wirklich dazu. Für ihn selbst ging es erst 2006 so richtig los. Heute, 20 Jahre später, ist Eder immer noch in den Biathlon-Arenen des Weltcups unterwegs – und geht am Dienstag auch bei den Olympischen Spielen im Einzel der Männer (ab 13:30 Uhr im Liveticker bei t-online) an den Start. Am Sonntag war er bereits mit der Mixed-Staffel im Einsatz, holte den siebten Platz. Mit 42 Jahren ist es das letzte Mal Olympia für ihn. "Das ist schon komisch. Seitdem ich ein fünf Jahre alter Knirps war, habe ich gewusst, dass ich etwas im Sport machen wollte", erzählt Eder im Interview mit t-online. "Durch meinen Vater war das auch vorgezeichnet, weil er bei sechs Winterspielen war. Das war mein großer Traum. Und ich wollte auch eine lange Karriere haben, mit 40 Jahren noch Biathlet sein." Alfred Eder, Simons Vater, war ebenfalls Biathlet. Von den Spielen in Innsbruck 1976 bis zu denen in Lillehammer 1994 war er immer dabei. Auch er war mit mehr als 40 Jahren noch Profisportler. Simon Eders langer Atem kommt also nicht von ungefähr. "Ohne es niedergeschrieben zu haben, habe ich gewusst, dass ich bis 2022 Sport machen will. Und jetzt ist das schon die vierte Bonusrunde, die ich mache. Und sie fühlt sich total schön und befreiend an", sagt er. Dabei half ihm auch die gemeinsame Zeit mit Ole Einar Bjørndalen. Auch der Norweger war noch im hohen Sportleralter aktiv, wurde mit 40 Jahren Olympiasieger im Sprint. "Ich habe Ole Einar immer auf die Finger geschaut, wie er es gemacht hat." Erfolge trotz der "Seuchenjahre" Dabei sah es zwischenzeitlich nicht danach aus, als würde Eder seine Ziele erreichen und eine solch lange Karriere haben können. Nicht nur die schwierige Anfangsphase seiner Profikarriere spielte dabei eine Rolle. Eder selbst spricht von "Seuchenjahren". "Ich erinnere mich an das Problem mit verseuchtem Trinkwasser in Schweden, wo praktisch das ganze Team Österreich mehrere Monate außer Gefecht gesetzt war. Ich erinnere mich auch daran, Probleme mit Herzrhythmusstörungen gehabt zu haben. Aber am Ende war es einfach immer mein Traum, Biathlet zu sein." Winterspiele in Italien : Zeitplan, TV-Übertragung, Sportarten bei Olympia 2026 Olympia-Zeitplan : Alle Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele im Überblick Wo steht Deutschland? Der Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele 2026 Trotz seines hohen Sportleralters mit 42 Jahren ist Eder aber alles andere als abgeschlagen im Weltcup. Der Österreicher ist immer noch Teil der Weltspitze. In der Gesamtwertung steht er auf Rang 28, im Einzel in Ruhpolding wurde er Elfter, in der Verfolgung im französischen Annecy sogar Neunter. "Ich kenne natürlich die Datenlage und weiß, dass das Testosteronlevel und der Maximalpuls sinken. Das kannst du nicht aufhalten. Aber ich versuche, mithilfe meiner Erfahrung das ein oder andere auszugleichen, um das Level zu halten. Das ist mir gut gelungen", erklärt er im Gespräch mit t-online. Doch so beeindruckend die Leistungen von Simon Eder auch sind, kaschieren können sie die Probleme im österreichischen Biathlon nur bedingt. Denn die übrigen ÖSV-Profis sind im Gesamtweltcup weit abgeschlagen. Dominic Unterweger ist auf Rang 87 zu finden, Fabian Müllauer auf Rang 94. "Ich kann nur sagen, dass sich die Athleten gut vorbereiten und man denen nicht viel vorwerfen kann", stellt Eder klar. Gleichzeitig weiß er auch, dass das österreichische Herren-Biathlon schon bessere Zeiten erlebt hat. 2010 und 2014 holte Eder an der Seite von Daniel Mesotitsch, Christoph Sumann und Dominik Landertinger jeweils Olympia-Silber in der Staffel. Julian Eberhard gewann 2019 noch WM-Bronze im Einzel, Dominik Landertinger tat es ihm ein Jahr später gleich. Von Erfolgen wie diesen ist der ÖSV aber aktuell weit entfernt. "Vielleicht könnte man ein bisschen häufiger die Meinung der Athleten einholen. Ich bin schon einige Zeit dabei und habe über 500 Rennen bestritten. Ich bin die letzten drei, vier Jahre vor dem Wechsel in der sportlichen Leitung nicht viel gefragt worden, was wir in Österreich verbessern können. Dabei habe ich da eine relativ klare Meinung zu", betont Eder. Wie genau seine Meinung aussieht, das will der 42-Jährige jedoch nicht verraten. "Ich werde den Ball flach halten und mich auf das Sportliche konzentrieren. Das ist das Beste und intern sind wir bereits im Austausch." Das ist er mit dem neuen Sportlichen Leiter für den Biathlonsport im ÖSV – seinem ehemaligen Teamkollegen Christoph Sumann. Bei seiner Vorstellung im April 2025 erklärte Sumann: "Ich möchte gemeinsam mit meinem Team und natürlich den Athletinnen und Athleten die Zukunft des österreichischen Biathlonsports bestmöglich gestalten und formen." Dass die Ergebnisse in Sumanns erster Saison noch nicht stark verbessert sind, findet Eder wenig überraschend: "Die Zeit ist vielleicht noch zu kurz, sodass er noch nicht viel ändern konnte." Macht Simon Eder doch weiter? Ohnehin dauert es oft mehrere Saisons, bis neue Prozesse und strukturelle Veränderungen auch in den Ergebnissen zu sehen sind. Daran selbst irgendwann als Trainer oder Funktionär beim ÖSV mitzuwirken, das wäre für Eder denkbar. "Ich kann mir das grundsätzlich schon vorstellen, müsste aber erst einmal die Trainerausbildung machen", sagt er. Dafür müsste er aber wissen, wie genau seine Zukunft aussieht. Denn auch wenn halb Biathlon-Österreich vermutet, dass er nach dieser Saison aufhört, ist sich Eder da selbst gar nicht mal so sicher. Ob seine Frau daran glaubt, das weiß auch der Routinier selbst nicht. "Vielleicht schon. Seit zwei Jahren sagt sie aber: Jetzt ist es auch schon wurscht, ob du aufhörst oder noch ein Jahr dranhängst." Klar ist für Simon Eder nur, dass es sein letztes Mal Olympia ist. Ob er bei den Spielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo ein paar Tränen vergießt, das weiß er noch nicht. "Das merkst du erst im Moment, wie es dich packt. Aber ich lasse mir eine Hintertür offen, ob ich mit meiner Karriere nicht vielleicht doch weitermache. Wenn ich diese Hintertür nicht hätte, würde ich wahrscheinlich weinen", erklärt er.