Ostsee-Buckelwal Timmy: Wal wird zum Symbol für Misstrauen gegen Politik

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Ein Wal strandet an der deutschen Küste – und in den sozialen Medien drehen viele durch. Nicht wenige nutzen das Tier für Verschwörungstheorien. Im Zentrum: Wissenschaft und Politik. Vor ziemlich genau neun Jahren wurde Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident . Erster Mann im Staat, das ist er seit dem 19. März 2017. 2017. Man ist versucht zu sagen: Damals war die Welt noch in Ordnung. Kein Corona, kein Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine . Trump frisch im Amt und das Ausmaß seines Wahnsinns noch nicht entfaltet. Elon Musk noch weitestgehend unauffällig. Die Mauer, die Israel zu Gaza und damit den Terroristen der Hamas gebaut hatte, verhinderte Schlimmstes. Ich könnte so weitermachen, aber Sie werden meinen Punkt längst erkannt haben. In Steinmeiers Amtszeiten fallen globale Krisen. Ich kann es noch anders ausdrücken: Die Welt wurde in den vergangenen Jahren schwer erschüttert. Immer wieder hieß es von unterschiedlicher Seite, der überparteiliche Bundespräsident möge doch die Strahlkraft seines Amtes nutzen, einer aufgewühlten Gesellschaft Orientierung zu geben. Lange aber kam aus Sicht vieler von Steinmeiers Seite zu wenig. Nun aber, auf den letzten Metern, gibt er Gas. Erst warnte Steinmeier vor der AfD und sprach sich für ein Verbotsverfahren aus, dann nannte er den Angriff der USA und Israels auf den Iran völkerrechtswidrig. Und jetzt wagt der Bundespräsident sich an das womöglich heißeste Eisen dieser Tage: an den Buckelwal Timmy. Oder auch "Hope", wie ihn diejenigen nennen, die wirklich entfesselt sind. Und zwar im Sinne, dass sie keinerlei Bodenhaftung mehr besitzen, sondern sich womöglich schon vor längerer Zeit ins Reich der Schwurbelei verabschiedet haben. "Walretter" Robert Marc Lehmann: Aufgetaucht, Wasser aufgewirbelt, abgetaucht Expertin erklärt: So läuft der Sterbeprozess bei Buckelwal Timmy ab Social-Media-Nutzer werden zu Walexperten Zum Beispiel in Zeiten der Pandemie. Nein, was haben wir da nicht alles gesehen, gehört, gelesen! Nichts schien unmöglich. Die größten Fantastereien, die wildesten Verschwörungserzählungen, die gewagtesten intellektuellen und esoterischen Verrenkungen wurden uns dank Social Media garniert. Das Virus? Eine Erfindung von Big Pharma in Zusammenarbeit mit denen da oben, so eine Behauptung. Um uns alle mit etwas zu impfen, das uns gefügig macht. (Gefügig für was genau, weiß ich nicht mehr. Sehen Sie, bei mir hat's auch gewirkt!) Wissenschaftler? Virologen? Idioten. Oder gekauft. Oder beides, so behaupteten weite Teile in den Timelines auf X und anderen Plattformen. Mögliche Mittel gegen das Virus? Handauflegen, guter Glaube, selbst gepanschte Mixturen und, ganz wichtig: auf keinen Fall auf die Anti-Corona-Demos gehen! Denn da krochen aus den Gullydeckeln die Stoffe, die uns gefügig machen sollen. Um so die ganz Ausgebufften, die sich nicht impfen ließen, auch noch zu kriegen. So ein Stuss war weiter verbreitet, als man denken sollte, und wurde gefühlt stärker bejubelt als ein deutscher WM-Titel. Die größten Spinner feierten die größten Erfolge ihres Lebens. Ein Muster, das sich nun im Falle des Wals wiederholt. Der ist nämlich gar nicht so krank, wie die Experten sagen. Sagen zumindest viele Leute auf Instagram. Es ist faszinierend und zumindest für mich auch ein Stück weit überraschend, wie viel Ahnung dort über Wale verbreitet ist. Ein Hang zur Esoterik oder zur Religion scheint, zumindest suggeriert mir das Instagram, Hand in Hand zu gehen mit ausgewiesener Expertise für Meeresbewohner im Allgemeinen und Buckelwale im Besonderen. Frauen in bunten, fließenden Gewändern versorgen ihre Instagram-Follower mit Gesängen der Aborigines, die man am Wasser ("geht auch zu Hause") singen soll. Die Gesänge erreichen dann den Wal. Wie genau, wird nicht ausgeführt, aber wird schon helfen. Andere wiederum beten sehr intensiv für "Hope", wieder andere gehen in den Wald. Der Ton wird rauer Und dann gibt es noch die Frau, die Anfang der Woche wahrhaftig von einer Fähre aus ins Wasser sprang und zum Wal schwimmen wollte. Das Video kursiert ebenfalls im Netz. Die arme Seele (ich meine die Frau) erreichte den Wal allerdings nicht, sondern wurde von der Polizei aus dem Wasser gefischt. Dort berichtete sie nach ihrer verhinderten Rettungsaktion, die womöglich unter dem Motto "Liebe kann ein Bagger sein" gestanden hatte, der Wal habe sich gefreut. Und als sei das nicht schon wahnsinnig genug, setzte sie noch nach, ihr sei erzählt worden, dass benachbarte Kühe Mitleid mit dem Wal hätten. Es klingt wie Dr. Doolittle, Mecklenburg-Vorpommern-Version. Nur: Das sind ja erstens alles Menschen, die wählen dürfen. Und zweitens: Auch dieses Mal spielt Aggression eine nicht zu unterschätzende Rolle. In der Hölle namens Social Media ist die Hölle los. Wer es wagt, die Experten in ihrer Kompetenz höher einzuschätzen als die breite Masse, hat schnell Ärger am Hals. Sarah Connor kann ein Lied davon singen: Die Sängerin engagiert sich seit Jahren für den Schutz von Meeressäugern, gründete eine Stiftung zum Schutz iberischer Orcas, begleitete Expeditionen in die Arktis und brachte 2025 eine Dokumentation über das Leben der Tiere heraus. Nun hat sie sich auf Instagram zu Timmy geäußert und mit Bezug auf Fachleute geschrieben, man könne wohl nichts mehr für den Wal tun . Die Folge? Sie ahnen es: ein Shitstorm. Darunter geht es anscheinend nicht mehr, wir leben in überhitzten Zeiten. Auch im Falle des armen Buckelwals geht es längst um viel mehr als nur um das ja durchaus bemitleidenswerte Tier. So wie schon beim Kampfhund Chico, der seinen Besitzer und dessen Mutter totgebissen hatte und anschließend eingeschläfert wurde. Den seine Anhänger als "Chico Guevara" feierten, also als Freiheitskämpfer. Gegen das Schweinesystem. Die Waldebatte wird zum Klassenkampf Diese Erzählung, dieses "Wir hier unten gegen die da oben" ist auch jetzt die große Erzählung hinter der vom riesigen Wal. Der nämlich angeblich instrumentalisiert wird, und zwar wieder von Wissenschaft und Politik. Die Einschätzung, wonach der Wal nicht mehr zu retten sei, sei eine Lüge. In Auftrag gegeben vom mecklenburgischen Landwirtschaftsminister Till Backhaus. Denn der will nur eins: das Walskelett. Als Touristenattraktion. Um damit Geld zu machen. Wieder wird der kleine Mann unterdrückt und betrogen. Glauben Sie mir, diesen Unsinn glauben und verbreiten bestürzend viele. Laut Backhaus haben zig Menschen Anzeige gegen ihn erstattet. Wieder geht es um Unmündigkeit. Wieder geht es darum, dass in einer Zeit der Krisen und dem daraus entstandenen Gefühl der Ohnmacht der Wunsch bei vielen groß ist, das Zepter in die Hand zu nehmen. Deshalb springen Leute ins Wasser, deshalb springen Leute denen ins Gesicht, die die Grausamkeit der Welt und der Natur besser aushalten als andere. Frank-Walter Steinmeier wird sich am Donnerstag auf einer ohnehin schon geplanten Reise nach Stralsund auch mit den Experten vom dortigen Ozeaneum treffen. Und mit ihnen über den Wal sprechen. Wir können stark davon ausgehen, dass auch Steinmeier hören wird, dass die Chancen für Timmy oder Hope oder Chico oder Guevara schlecht stehen. Wir können getrost davon ausgehen, dass Steinmeier die Fachleute des Naturkundemuseums ernst nehmen wird. Wir können nur für ihn hoffen, dass Timmy nicht während seines Besuchs vor Ort stirbt. Denn was dann bei manchen im Netz und im Kopf los ist, das will man sich gar nicht ausmalen.
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