Ostsee-Wal: Autor hinterfragt Rettungs-Reflex von Buckelwal "Timmy"

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Der sterbende Buckelwal in der Ostsee liefert das mediale Spektakel dieses Frühlings. Was sich hier abspielt, hat mit Tierliebe nichts zu tun. Es zeugt von einem pervertierten Verhältnis zur Natur und emotionaler Selbstbefriedigung. Neulich, es war noch Winter und warm und nicht Frühling und kalt, habe ich mit meiner Frau die Fahrradsaison eröffnet. Wir fuhren von Köpenick Richtung Strausberg , viel Gegend, viel Wasser, viel Wald. Immer, wenn die kleinen Nebenstraßen sich durch urwaldartige Sumpfgebiete schlängelten, waren deren Gräben gesäumt von grünen Plastikbändern, um Frösche, Lurche und Kröten bei ihrer Laichwanderung nicht unter die Räder kommen zu lassen. "Wart mal kurz, bitte" sagte ich an einer dieser Passagen, als wir halten konnten. Ich drehte auf der Straße um und stieß nach der zweiten Biegung auf den dunklen Fleck auf dem Teer, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Mit dem Rad in der einen Hand (das wie die Kelle eines Schülerlotsen die herankommenden Autos aufhielt) stand ich Spalier und schubste noch ein wenig mit dem Fuß, bis das Tier in drei, vier Sprüngen die andere Straßenseite erreicht hatte, den unwiderstehlichen Duft des Wassers in der Nase, in dem es einmal aus dem Dottersack geschlüpft war und als Kaulquappe seine Kindheit verbracht hatte. Ich meine, es war ein Wasserfrosch, weil das Tier eher Sprünge machte. Eine Kröte kriecht. Aber so kurz nach dem Überwintern in der feuchten Walderde sind die beiden, Frosch und Kröte, noch schwer zu unterscheiden. Beide graubraun. Beim Laichen ist das dann anders. Frösche laichen in Batzen, Kröten in Schnüren. Ob aber nun Frosch oder Kröte. Ich bin sehr selig zu meiner Frau zurückgeradelt und hatte mit der Aktion auch noch einen weiteren Fahrradfahrer, der des Weges kam, glücklich gemacht. Die Schimpansin auf dem Arm Tiere sind meine große Liebe und Leidenschaft. Als kleiner Junge stand für mich fest, dass ich Ornithologe werden würde. Mit meinem ersten Kassettenrekorder um den Hals strich ich durch die Streuobstwiesen nahe meinem Elternhaus und nahm Vogelstimmen auf und Zählungen vor, die in ein Buch eingetragen wurden. Das erste brütende Hausrotschwänzchen in der unfertigen Garage unseres Nachbarn zog mich in seinen Bann. Für eine Übungsreportage an der Journalistenschule hatte ich mir in Hellabrunn im Beisein einer Tierpflegerin Zutritt zum Affengehege verschafft. Die Pflegerin hatte eine Schimpansin auserkoren, die sich sehr schnell von ihr zu mir auf den Arm schwang. Das Tier mit diesen klugen Augen hielt sich an meinem Hals fest und untersuchte meine Finger, akribisch und konzentriert, einen nach dem anderen. Ein gutes Zeichen, ein Zeichen von Zuneigung, sagte die Pflegerin, sie mache Körperpflege mit mir. An einem Finger entdeckte die Schimpansin einen kleinen Hautfetzen, der abstand. Sie führte meine Fingerkuppe zu ihrem Mund und biss mit hoher Präzision das Stückchen Haut ab. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. In der Reportage stammele ich an der Stelle nur noch ins Mikrofon. Heute fahre ich jedes Jahr im Herbst für eine Nacht in ein Hotel am Rangsdorfer See, um abends den Anflug der Kraniche zu ihrem Schlafplatz in nicht enden wollenden Schwaden mitzuerleben. Magisch ist das. Als einmal auf der schottischen Insel Skye beim Steilküstenfischen auf Makrelen ein Minkwal keine 20 Meter vor mir im Wasser auftauchte und blies (er war wie ich hinter den Makrelen her), da meinte ich, die Zeit bleibt stehen, und erstarrte vor Ergriffenheit zu einer jener Basaltsäulen, auf denen ich stand. Keine Sau interessierte sich dafür Deshalb habe ich auch schon die ersten Meldungen von einem Buckelwal im Hafenbecken von Wismar interessiert zur Kenntnis genommen. Das war noch lange vor der Kröte oder dem Frosch bei Köpenick. Keine Sau interessierte sich damals dafür. Der Buckelwal in der Ostsee – das war, in altem Zeitungsdeutsch gesagt: ein Einspalter im Vermischten. Mir war damals schon klar: Das wird mit höchster Wahrscheinlichkeit tödlich für das Tier enden. Ein Buckelwal in der Ostsee, das ist, als wenn unsereins mit drei gesalzenen Regenwürmern als Proviant und ohne Wasser die Wüste Gobi durchwandern wollte. Dafür sind wir nicht gemacht. Und die Ostsee ist nicht für einen Buckelwal gemacht. Zu wenig Fisch, zu wenig Salz, zu viel seichtes Wasser. Das kann nicht lange gut gehen. Kapitän Daniel Günther als oberster Retter Noch mit Interesse, aber weiter zunehmend skeptisch verfolgte ich die Nachrichten darüber, wie versucht wurde, das Tier schwimmend von Netzen und Tauen zu befreien, in die es sich verheddert hatte. Es sah aus wie eine riesengroße schwimmende Roulade. Schließlich strandete der Wal das erste Mal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Stand, und von da an kippte es bei mir. Sind denn alle verrückt geworden? Schrumpft das Hirn beim Anblick des Leidens dieses Tieres? Eine Großbaustelle von Baggern schaufelte eine Rinne für den Wal, vorher hatten Seenotkreuzer Wellen gemacht, die das Säugetier freischaukeln sollten. Ein Taucher und Meeresbiologe war als Walstreichler eingesetzt und umschwamm das Tier dabei. Manchmal kam ein zweiter dazu. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ließ es sich nicht nehmen, persönlich anzureisen und zu verkünden: Wenn der Wal einmal frei ist, wird er die etwa tausend Kilometer zur Nordsee eskortiert werden. Es klang, als würde sich Daniel Günther dafür am liebsten persönlich die Kapitänsmütze aufsetzen. Da kann er lange streicheln Es war alles nicht zu fassen. Dieses Tier ist doch nicht aus Versehen auf eine Sandbank geschwommen! Es wurde entkräftet dorthin gespült. Ebenso wie auf die nächste und übernächste Sandbank, nachdem er von der vor Timmendorf schließlich freigekommen war. Dem Tier wurde in seinem langsamen und unausweichlichen Sterben unermesslicher zusätzlicher Stress zugefügt. Da kann der Taucher streicheln, solange er will. Ganz direkt und unverblümt gesagt: Wenn denn der Mensch schon eingreift, was emotional verständlich, aber in diesen Fällen fast immer vergeblich ist, wäre schon hier die treffende Frage nicht gewesen: Wie kriegen wir den frei? Sondern: Wie erlösen wir dieses Tier möglichst schonend von seinen Qualen? Die Natur ist erbarmungslos. Das müssen wir akzeptieren. Sie ist deshalb nicht minder schön und faszinierend und als Lebensraum schützenswert. Aber in ihr ist der Tod alltäglich. Der Tod und das Sterben gehören zu ihr wie zu unserem Leben auch. Grausam wirkt das oft auf uns. Aber von diesem Gefühl müssen wir uns freimachen. Schon mal gesehen, wie eine Boa Constrictor ihr Beutetier langsam erwürgt? Man will nicht tauschen. Kein schöner Tod. Aber er dient dem Überleben der Riesenschlange. Oder der Komodowaran. Im Maul dieser Riesenechse maucheln die Bakterien und Keime nur so vor sich hin. Vermutlich hat so ein Waran schlimmen Mundgeruch. Regelrechten Mauldampf. Aber das hat seinen Sinn. Er muss seine Beute mit einem Biss nur leicht verletzen, dann entzündet sich die Wunde des Opfers im Laufe der Zeit bis zur Sepsis. Der Waran muss seinem Beutetier nur langsam folgen. Über Tage geht das oft, bevor die Beute qualvoll verendet. Und der Waran fressen kann. Wollen wir da auch eingreifen? Die Silbermöwen auf dem Rücken des Buckelwals waren mir schon auf der ersten Sandbank aufgefallen. Sie hieben mit ihren starken Schnäbeln auf dessen Buckel ein. Nicht, um die Seepocken dort zu picken. Sondern um Stücke aus der Schwarte zu reißen. Sie haben angefangen, den Wal noch lebend dem Kreislauf der Natur zuzuführen. Jetzt dümpelt der Wal, schon mehr Kadaver als Lebewesen, weiter in der Ostsee herum. Bis er seine letzte Sandbank erreicht haben wird. Und bis zum letzten Atemzug werden Walexperten feststellen, dass der Buckelwal – Timmy heißt er inzwischen unvermeidlicherweise – nicht mehr sehr viel schnauft und auch kaum noch Geräusche von sich gibt. Immer weniger. Was Sie nicht sagen! Mit Tierliebe hat das alles nichts zu tun. Es ist Sensationslust, Selbstliebe, Ergötzen am und Ergriffenheit vom eigenen Mitgefühl. Nichts weiter. Auf Kosten einer Kreatur, die statt dieses wochenlangen Spektakels erlöst gehört. Oder in Ruhe sterben dürfen sollte. Bis die Möwen und Kolkraben den Kreislauf der Natur vollenden.
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