Pollenallergie und Klimawandel: Experte erklärt Zusammenhänge

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Der Pollenflug startet immer früher und die Zahl der Allergiker steigt. Welche Rolle der Klimawandel dabei spielt, erklärt ein Experte. Etwa jeder Vierte ist in Deutschland von Heuschnupfen betroffen, Tendenz steigend. Auch die Dauer des Pollenflugs nimmt zu. Was das mit dem Klimawandel zu tun hat und wie Betroffene reagieren sollten, erklärt der Allergieexperte Professor Torsten Zuberbier. t-online: Professor Zuberbier, gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Pollenallergien? Torsten Zuberbier: Ja. Denn der Klimawandel spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung von Allergien. Gerade bei uns im nördlichen Europa führt die Veränderung des Klimas dazu, dass der Pollenflug einen längeren Zeitraum ausmacht – das heißt, er beginnt früher und endet später. Gleichzeitig bietet die Veränderung des Klimas gute Wachstumsbedingungen für die Pflanzen, die dann mehr Pollen produzieren. Stadt oder Land – macht der Wohnort für Pollenallergiker einen Unterschied? In städtischen Gebieten findet man oft mehr Pollenallergiker als in wirklich ländlichen Lebensräumen. Ein wichtiger Grund hierfür ist die hohe Belastung in der Stadt mit Feinstaub und Luftreizstoffen wie Ozon. Dadurch werden die Schleimhäute zusätzlich gereizt. Rußpartikel lagern sich auf den Pollen ab und dadurch reagiert das Immunsystem stärker auf sie. Gibt es Regionen in Deutschland, in denen die Pollenbelastung durch den Klimawandel besonders schlimm ist? Nein. Und besonders gering? Ebenfalls nicht. Der Klimawandel hat überall den gleichen Effekt. Allerdings gibt es natürlich Gegenden, in denen sehr wenig Pollenflug ist, wie zum Beispiel auf einer Hallig in der Nordsee . Das ist allerdings keine Hilfe für Millionen Betroffene. Durch den Klimawandel nehmen extreme Wetterlagen wie Hitzeperioden oder Starkregen zu. Wie wirkt sich das auf die Pollenbelastung aus? Extreme Hitzeperioden führen hier zu weniger Pollenbelastung. Gleichzeitig kann jedoch der Ozonwert in der Luft ansteigen und die Atemwege reizen. Kommt es nun gerade am Anfang zu Starkregen, können die Pollen platzen, sodass kleine Allergenmoleküle in der Luft sind. Dann kann das sogenannte Thunderstorm- oder Gewitter-Asthma öfter auftreten. Halten Sie den Alarmismus, der teilweise in Medienberichten zum Thema Pollenallergie und Klimawandel anklingt, für gerechtfertigt? Alarmstimmung ist sicherlich übertrieben, aber es ist doch sehr berechtigt, intensiv darauf hinzuweisen. Leider wird in Deutschland immer noch die Allergie allgemein als Volkskrankheit unterschätzt und trivialisiert. Nur zehn Prozent der Betroffenen werden korrekt behandelt. Wie macht sich das im Alltag bemerkbar? Das Leistungsvermögen sinkt. Wir sehen das insbesondere in der Schule bei Kindern, dazu gibt es gute Untersuchungen. Während der Pollensaison steigt bei Schülern mit einer unbehandelten Allergie die Wahrscheinlichkeit um 40 Prozent, mindestens eine ganze Note abzurutschen. Lassen sich Allergien vorbeugen und in den Griff bekommen? Die allerwichtigste Maßnahme ist, die Beschwerden rechtzeitig ernst zu nehmen, baldmöglichst gut abklären zu lassen und mit der Behandlung zu beginnen. So lässt sich in der Regel auch ein Etagenwechsel verhindern, also dass sich zu einem allergischen Schnupfen zusätzlich allergisches Asthma entwickelt. Und natürlich hilft das nicht nur, die Lebensqualität zu verbessern, sondern auch Konzentration und Arbeitsvermögen. Herr Zuberbier, vielen Dank für das Gespräch!
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