Zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren fliegen wieder Menschen zum Mond. Was sie auf ihrer Reise mental erwartet, erzählt die Raumfahrtpsychologin Amelie Therre im Gespräch mit t-online. Erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert fliegen wieder Astronauten in die Nähe des Mondes . Die Reise dorthin haben die Raumfahrer unzählige Male auf der Erde erprobt, trotzdem ist der Flug eine körperliche und mentale Herausforderung. Wie die Astronauten mit dem Stress umgehen, weiß die Raumfahrtpsychologin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Amelie Therre. t-online: Frau Therre, können Sie sich vorstellen, zehn Tage lang mit drei anderen Menschen in einer engen Kapsel mehrere Hunderttausend Kilometer durchs All zu fliegen? Amelie Therre: Mir fehlt das Training dafür. Wenn ich aber von den Experten bei der Esa über einen langen Zeitraum dafür ausgebildet würde, dann würde ich das machen. Deutscher ISS-Astronaut: "Bevor wir starten, machen wir unser Testament" Gestrandete ISS-Astronauten: Der Schock kommt nach der Landung Wovor hätten Sie bei einem solchen Flug den größten Respekt? Natürlich davor, sich so weit von der Erde zu entfernen. Erstmals seit vielen Jahrzehnten verlassen Astronauten wieder den Low Earth Orbit. Es geht also deutlich über die Umlaufbahn der Internationalen Raumstation ISS hinaus. Damit verbunden ist auch der Einsatz neuer technischer Systeme, die unter realen Bedingungen getestet werden. Ziel ist es unter anderem, herauszufinden, wie belastbar diese sind und welche Herausforderungen im praktischen Einsatz auftreten. Das bringt zwangsläufig eine hohe Verantwortung und Belastung mit sich. Nicht zu vergessen die soziale Isolation und das Leben in einem stark begrenzten Raum. Genau. Auch wenn diese Mission mit rund zehn Tagen vergleichsweise kurz ist, bedeutet es dennoch, über einen längeren Zeitraum sehr eng mit anderen Menschen zusammenzuleben. Man muss auf vieles verzichten, wie auf Privatsphäre und auf den gewohnten sozialen Kontakt. Auch das kann eine erhebliche Herausforderung sein. Gibt es bei so einer kurzen, aber intensiven Mission typische Stressphasen, etwa beim Start, der Mondumrundung oder auf dem Rückweg zur Erde? Die Phasen der Mission sind mit verschiedenen Risiken verbunden. Start und Landung sind zum Beispiel kritische Phasen, die Stressreaktionen auslösen können. Wie lässt sich im Auswahlverfahren erkennen, wer physisch für solche Missionen geeignet ist? Grundsätzlich kann man sagen, dass ohnehin nur Menschen als Astronauten ausgewählt werden, die körperlich und mental prinzipiell geeignet sind. Ein Teil der psychischen und körperlichen Belastbarkeit entsteht jedoch erst durch das intensive Training. Die Astronauten werden auf eine Vielzahl möglicher Szenarien vorbereitet. Was wird da trainiert? Das Ziel ist es, die Astronauten so umfassend vorzubereiten, dass sie in der Lage sind, alle Herausforderungen nicht nur zu bewältigen, sondern auch sicher und souverän damit umzugehen. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich generell sagen: Je mehr Routine in einem Verfahren vorhanden ist und je häufiger bestimmte Abläufe trainiert wurden, desto sicherer funktionieren sie im Ernstfall. Was passiert mit der Psyche, wenn während einer Mission etwas schiefläuft und klar ist, dass schnelle Hilfe von der Erde nicht möglich ist? Grundsätzlich lässt sich sagen, dass psychischer Stress fast immer mit körperlichem Stress einhergeht. In solchen Situationen ist es wichtig, zunächst Ruhe zu bewahren. Das gilt übrigens nicht nur für Astronauten, sondern bei allen Formen von akuten Belastungssituationen. Und auf einer Mondmission? Je besser Menschen auf mögliche Krisensituationen vorbereitet sind und je häufiger sie gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen, desto eher gelingt es ihnen, auch im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Das lässt sich gut mit einer Reanimation vergleichen. Wer den Ablauf oft trainiert hat und die einzelnen Schritte sicher beherrscht, kann auch unter hohem Stress einen kühlen Kopf bewahren und das Vorgehen Schritt für Schritt umsetzen. Was ist im Zusammenspiel der Crew in einer solchen Extremsituation wichtig? Eine Crew sollte aus Personen bestehen, die sich miteinander wohlfühlen, einander vertrauen und klar definierte Rollen haben. Entscheidend ist, dass jede Aufgabe eindeutig zugeordnet ist und allen klar ist, wer wofür verantwortlich ist. Das schafft Sicherheit und Orientierung, besonders unter Stress. Ist das gemeinsame Ziel entscheidend? Absolut. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Astronauten um hochprofessionelle Personen handelt, die über viele Monate, wenn nicht sogar Jahre, auf ihre Mission vorbereitet werden. Sie haben ein gemeinsames Ziel und ein starkes Interesse daran, auf höchstem Niveau zusammenzuarbeiten und die Mission erfolgreich abzuschließen. Im vergangenen Jahr fand am DLR die Isolationsstudie Solis8 statt. Die Teilnehmenden verzichteten dabei acht Tage lang auf Tageslicht und Kontakt zur Außenwelt. Das ist vergleichbar mit der zehntägigen Mondreise. Was waren die überraschendsten Erkenntnisse aus dieser Studie? Solis8 war in erster Linie eine Machbarkeitsstudie. Der Fokus lag weniger auf wissenschaftlichen Ergebnissen als vielmehr darauf, Rückmeldungen der Teilnehmenden zu erhalten: zu den Abläufen, zur Struktur der Tage, zur Gestaltung der Anlage und zur Organisation insgesamt. Diese Informationen nutzen wir jetzt für die Vorbereitung der 100-Tage-Studie Solis100. Solche Analogstudien führen wir am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt regelmäßig durch – von Bettruhestudien mit stärker medizinischem Fokus bis hin zu Isolationsstudien wie Solis8 und Solis100, die besonders psychologische Belastungen in den Blick nehmen. Einige Teilnehmende von Solis 8 berichteten, dass sie bereits nach zwei Tagen kaum noch über die Außenwelt nachgedacht haben. Ist das ein erwartbares Phänomen? Was aus vielen anderen Untersuchungen bekannt ist – etwa aus Antarktisstudien, bei denen Menschen über lange Zeit stark isoliert sind –, ist ein ähnlicher Effekt: Die wahrgenommene Welt wird kleiner. Dieses Phänomen wird auch in anderen Studien immer wieder beschrieben. Ist das gewollt? Das ist im Grunde ein positiver Effekt. Für uns und auch aus psychologischer Sicht kann man das als eine Form des Coping-Mechanismus verstehen. Wenn man sich ständig mit dem beschäftigt, was draußen passiert, wird es deutlich schwieriger, eine solche Situation durchzuhalten. Stattdessen hilft es, die Realität der Situation anzunehmen und sich bewusst zu machen, dass man sich auf die Studie eingelassen hat und das Leben in den kommenden Tagen in Isolation stattfindet. Diese innere Haltung unterstützt dabei, die Herausforderung anzunehmen und konsequent durchzuziehen. Was lässt sich aus solchen Studien für Extremsituationen auf der Erde lernen, etwa für Menschen in Isolation oder in Krisen nach Katastrophen? Wir haben alle während der Corona-Pandemie zumindest ansatzweise erfahren, was Isolation bedeuten kann. Allerdings handelt es sich bei Isolationsstudien um eine sehr spezifische Umgebung. Selbst während der Pandemie hatte man in der Regel Zugang zum Internet oder die Möglichkeit, zu telefonieren. Deshalb ist es schwierig, allgemeingültige Aussagen abzuleiten. Vielmehr können wir aus jeder Studie einzelne Erkenntnisse gewinnen und daraus Hypothesen entwickeln. Inwieweit diese Ergebnisse auf die allgemeine Bevölkerung übertragbar sind, muss dann geprüft werden.