Rente: Was Deutschland von Schweden lernen kann | Prämienrente erklärt

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Schweden gilt als Vorbild bei der Altersvorsorge. Ein Blick auf die sogenannte Prämienrente zeigt, was Deutschland daraus lernen könnte. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre standen Deutschland und Schweden vor dem gleichen Problem: Die Rentensysteme galten als zu teuer und nicht ausreichend auf den demografischen Wandel vorbereitet. Beide Länder reagierten und reformierten ihre Altersvorsorge fast gleichzeitig. Schweden verabschiedete im Jahr 1998 die sogenannte Prämienrente. Deutschland zog 2001 mit der Riester-Rente nach. Ziel war es in beiden Fällen, mehr Kapitaldeckung ins System zu bringen und die gesetzliche Rente zu entlasten. Heute, gut zwei Jahrzehnte später, fällt die Bilanz unterschiedlich aus: Während Schweden international als Vorbild gilt, steckt die private Altersvorsorge in Deutschland seit Jahren in der Krise. Deutschland hat sich neu entschieden Das soll sich nun ändern: Die Bundesregierung ist dabei, die private Altersvorsorge grundlegend umzubauen . Der Bundestag hat bereits eine Reform beschlossen, die das Riester-System ablösen soll. Der Bundesrat muss noch zustimmen, doch die Richtung ist klar: Die neue Vorsorge soll einfacher, günstiger und renditestärker werden. Kernstück ist ein neues Altersvorsorgedepot , in dem Sparer ihr Geld breit gestreut am Kapitalmarkt anlegen können. Garantien sind nicht mehr verpflichtend. Das erhöht die Renditechancen, bringt aber auch mehr Schwankungen . Zusätzlich soll jeder Anbieter ein Standardprodukt im Sortiment haben. Dieses ist vor allem für Einsteiger gedacht, die sich nicht zutrauen, selbst ein Depot mit Fonds oder ETFs zu bestücken. Das Standardprodukt soll eine Mischung aus sicheren und chancenorientierten Anlagen beinhalten und darf maximal ein Prozent Kosten pro Jahr verursachen. Neu ist auch: Es soll nicht nur von privaten Anbietern wie Banken, Neobrokern und Versicherungen angeboten werden können, sondern auch von einem öffentlich-rechtlichen Träger. Wer genau das Geld anlegt und wo Bürger dieses Depot eröffnen können, ist allerdings noch offen. Was Schweden grundsätzlich anders macht Doch auch wenn Deutschland mit der Riester-Reform nun einen Schritt auf das schwedische System zugeht, zeigt ein genauer Blick: Die Systeme unterscheiden sich weiterhin deutlich. So ist die kapitalgedeckte Vorsorge in Schweden kein freiwilliger Zusatz, sondern Teil der gesetzlichen Rente. Alle Erwerbstätigen zahlen verpflichtend ein. Das System besteht aus zwei Bausteinen: einer umlagefinanzierten Einkommensrente und der kapitalgedeckten Prämienrente. Zusammen machen sie 18,5 Prozent des Einkommens aus – 2,5 Prozent davon fließen direkt in die Kapitalanlage. Damit diese 2,5 Prozent vom Rentenbeitrag für die umlagefinanzierte Rente abgezwackt werden konnten, ohne dass gleichzeitig der Beitragssatz steigen musste, lagerte Schweden zwei Leistungen aus der gesetzlichen Rente aus: Die Absicherung des Erwerbsminderungsrisikos und die Hinterbliebenenrenten wurden ab Ende der 90er-Jahre steuerfinanziert. Die Fehler der Riester-Rente In Deutschland behielt man diese Aufgaben mit der Einführung von Riester in der gesetzlichen Rentenversicherung und überließ es allein den Bürgern, eine zusätzliche private Altersvorsorge aufzubauen. Vorgesehen war, dass jeder gesetzlich Rentenversicherte vier Prozent seines Bruttoeinkommens in die Riester-Rente steckt, um die damals ebenfalls beschlossene Absenkung des Rentenniveaus aufzufangen. Die Riester-Rente sollte die Verluste in der gesetzlichen Rente also eigentlich komplett wettmachen. Das hat jedoch nicht funktioniert. Schuld waren insbesondere die hohen Kosten und die geringen Renditen der Riester-Produkte, die unter anderem die Vorgabe hatten, mindestens die eingezahlten Beiträge plus staatliche Zulagen bis zum Renteneintritt zu garantieren. Schweden hingegen verzichtete auf diese Garantien, was es möglich machte, stärker in Aktien anzulegen und eine größere Rendite zu erwirtschaften. Allerdings müssen die Schweden dafür mit den stärkeren Kursschwankungen klarkommen. Auch in der Rentenphase bleibt dieses Prinzip teilweise erhalten: Die Auszahlungen können je nach Kapitalmarktentwicklung variieren. Mehrheit vertraut dem staatlichen Standardfonds AP7 Wie funktioniert die schwedische Prämienrente nun im Detail? Grundsätzlich läuft dort alles über die staatliche Rentenbehörde. Sie übernimmt den Einzug der Beiträge, die Kontoführung, die Auswahl und Kontrolle der Fonds und später auch die Auszahlung der lebenslangen Rente. Sparer wählen aus einer begrenzten Liste qualitätsgeprüfter Fonds – aktuell sind es rund 400. Wer sich nicht entscheidet, landet automatisch im staatlichen Standardfonds AP7 Såfa. Dieser kombiniert einen Aktien- und einen Rentenfonds , wie es auch beim neuen deutschen Standardprodukt der Fall sein wird. Die Mischung kann individuell an das eigene Sicherheitsbedürfnis angepasst werden. Anleger können auch ein Lebenszyklusmodell wählen, bei dem zunächst bis zum Alter von 55 Jahren 100 Prozent des Altersvorsorgevermögens in Aktien fließen. Anschließend schmilzt dieser Anteil sukzessive ab und verlagert sich in den sicherheitsorientierten Rentenfonds. Sechs der elf Millionen Bürger in Schweden stecken ihr Geld derzeit in den AP7. Warum die Kosten so niedrig sind Die zentrale Organisation über die Rentenbehörde hat einen entscheidenden Vorteil: Skaleneffekte. Die Behörde bündelt die Beiträge von Millionen Menschen und tritt gegenüber Fondsanbietern als Großinvestor auf. Diese Marktmacht ermöglicht sehr niedrige Gebühren. Im Schnitt liegen die Kosten der Prämienrente bei rund 0,17 Prozent pro Jahr. Das staatliche Standardprodukt AP7 kommt sogar auf nur 0,05 Prozent. Zum Vergleich: Für das geplante deutsche Standardprodukt ist ein Kostendeckel von bis zu einem Prozent vorgesehen. Was das für die spätere Rente bedeutet Die niedrigen Kosten wirken sich direkt auf das Endvermögen aus. Ein Beispiel der Deutschen Rentenversicherung Bund macht es deutlich: Wer 40 Jahre lang monatlich 100 Euro spart und dabei fünf Prozent Rendite erzielt, kommt bei Kosten von 0,05 Prozent auf ein Endkapital von rund 145.800 Euro. Wird der Kostendeckel von einem Prozent beim deutschen Standardprodukt hingegen voll ausgereizt, wären es hingegen nur etwa 118.600 Euro. Das ist ein Unterschied von mehr als 27.000 Euro. Wichtig zu wissen: Sparer können selbst Sorge dafür tragen, die Kosten ihrer Altersvorsorge gering zu halten. Es steht jedem frei, ein Depot eigenständig mit günstigen ETFs zu bestücken. Von den t-online-Lesern traut sich das ein knappes Drittel (32,5 Prozent) zu. Auch dürfte es beim Standardprodukt Angebote geben, die von sich aus unter dem gesetzlichen Kostendeckel bleiben. Deutschland setzt stärker auf Wahlfreiheit Mit der anstehenden Riester-Reform geht Deutschland einen Mittelweg zwischen schwedischer Prämienrente und dem bisherigen Riester-Modell. Sparer können künftig wählen zwischen: einem selbst gesteuerten Altersvorsorgedepot, einem Standardprodukt aus öffentlicher Hand, einem Standardprodukt eines privaten Anbieters sowie Garantieprodukten, die entweder 80 oder 100 Prozent der gezahlten Beiträge plus Zulagen bei der Auszahlung garantieren. Sie können aber auch weiterhin komplett auf diese zusätzliche Art der Altersvorsorge verzichten. Damit bietet das deutsche System mehr Flexibilität als das schwedische, verlangt aber auch mehr Eigenverantwortung. Verbraucherschützer fürchten, dass das grundlegende Problem der Riester-Rente nicht behoben wird : Wer sich nicht auskenne und Beratung benötige, könnte wie bisher Gefahr laufen, von Vermögensberatern oder Versicherungsmaklern in teure Produkte gedrängt zu werden, und am Ende mit mehreren Zehntausend Euro weniger Rente dastehen.
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