Er gilt als einer der erfolgreichsten DDR-Sänger: Frank Schöbel. Im Interview spricht er über politische Versäumnisse – und private Fehler, die er bis heute bereut. Seit mehr als 60 Jahren macht Frank Schöbel Musik – und das mit großem Erfolg. Bis heute ist er der Künstler mit dem erfolgreichsten Album der DDR-Geschichte: Gemeinsam mit Aurora Lacasa, seiner damaligen Lebensgefährtin, und den beiden gemeinsamen Töchtern nahm er 1985 die LP "Weihnachten in Familie" auf und hält seitdem und für ewig den Rekord. Das Etikett "DDR-Star" bleibt an ihm haften. Frank Schöbel mag inzwischen nicht mehr damit hadern – und doch ist im Gespräch mit t-online zu spüren, dass er wenig Verständnis für dieses Ost-West-Denken und die bis heute herrschenden Unterschiede hat. t-online: Herr Schöbel, die deutsche Sprache ist für Sie als Musiker Ausdrucksform und Existenzgrundlage zugleich. Gibt es auch Vokabular, um welches Sie einen Bogen machen? Frank Schöbel: Da gibt es natürlich so einige Beispiele, aber dass wir inzwischen in einer Welt leben, in der wieder selbstverständlich von "Kriegstüchtigkeit" die Rede ist, irritiert mich. Wieso? Ich finde das sehr schwer zu ertragen. Von "Kriegstüchtigkeit" sprechen oft Menschen, die keinen Krieg erlebt haben – die nie im Luftschutzkeller saßen. Das ist für mich kaum nachvollziehbar. Aber ist es nicht auch eine Form des Realismus? Verteidigen ja, sich zum Krieg ertüchtigen: Nein. Auf Worte folgen Taten – und ich möchte nicht den Nährboden für eine neue Aggression liefern, die von deutschem Boden ausgehen könnte. Sie greifen solche Themen auch in Ihren Liedern auf. Sollte Musik politisch sein? Sie sollte zumindest zum Nachdenken anregen. Natürlich wollen die Menschen auch abschalten, sehnen sich nach Eskapismus. Aber beides gehört dazu. Manche Lieder sind zum Träumen da, andere eben, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Und diese heißt: Ein neues Wehrdienstgesetz ist da. Ich kann gut verstehen, wenn junge Leute dagegen protestieren. Das würde ich genauso tun an ihrer Stelle. Aber mit 83 Jahren betrifft mich das ja persönlich zum Glück nicht mehr. Oder doch, man weiß ja bei denen nie ... (lacht) Eines Ihrer persönlichsten Lieder ist "Bevor es zu spät ist". Darin verarbeiten Sie auch Ihre eigene Geschichte – etwa den frühen Tod Ihres Vaters. Ich war zwei, zweieinhalb Jahre alt, als mein Vater abgeholt wurde. Ich habe ihn nie wirklich kennengelernt. Später habe ich erfahren, dass er im Lager gestorben ist. Im Lager? Er kam 1948 ins Speziallager Nr. 1 Mühlberg des NKWD. Er war Jurist, und damals ließen die Russen viele Anwälte abholen – egal, ob sie politisch für die Nazis gearbeitet hatten oder nicht. Mein Vater hat sich nur um Strafdelikte gekümmert, aber das spielte keine Rolle. Dort ist er an Tuberkulose gestorben. Ja. Er war dort in der "Kultura", spielte Saxophon, Akkordeon und Klavier, sang leichte Lieder – und wurde schwer krank. Eine Frau hat ihn damals singend in den Tod begleitet. Diese Frau hätten Sie noch treffen können – haben es aber nicht getan. Warum? Ich kann bis heute nicht genau sagen, warum. Ich wollte es irgendwie nicht hören. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Ist Ihr neuestes Lied deshalb auch ein Appell an andere, es besser zu tun – und nicht zu lange zu zögern? Meine Geschichte ist nur eine von vielen. Kern der Botschaft ist es, Dinge nicht aufzuschieben. Menschen anrufen, sich kümmern. Viele denken: Das mache ich später. Und dann ist es irgendwann zu spät. Haben Sie den Eindruck, dass genau dieses Zwischenmenschliche, diese Fürsorge füreinander verloren geht? Das fällt mir schon auf. Die Leute laufen mit dem Handy durch die Gegend, schauen kaum noch aufeinander, werden achtlos. Man beschäftigt sich weniger miteinander. Das ist eine Entwicklung, die ich kritisch sehe. Hat sich Ihr Verhalten diesbezüglich verändert in den vergangenen Jahren? Nein, wir haben eine tolle Nachbarschaft, laden uns ein, feiern gemeinsam. Ist das etwas, das Sie aus Ihrer DDR-Sozialisierung mitgenommen haben? Es war in der DDR selbstverständlich, füreinander da zu sein, gemeinsame Feste zu feiern, zu teilen. Der Zusammenhalt entsprang auch einem permanenten Zustand des Mangels – aber genau das hat zusammengeschweißt. Sie sind einer der bekanntesten Künstler, die Ihre Karriere in der DDR begonnen haben – und werden bis heute oft als "DDR-Star" bezeichnet. Stört Sie das? Ich kann es ja leider nicht ändern. Einerseits ist es schön, für immer einen Rekord innezuhaben … Ihre Platte "Weihnachten in Familie" verkaufte sich in der DDR so oft wie keine andere. 1988 erhielten Sie dafür die Goldene Amiga, kurz danach fiel die Mauer. Ja, das kann mir keiner mehr nehmen. Aber es ist schon verrückt: Mittlerweile mache ich viel länger im vereinten Deutschland Musik, als ich es je in der DDR getan habe – und dennoch bleibe ich der "Star aus der DDR". Das ist schade, aber damit muss ich leben. Fühlen Sie sich dadurch auch auf einen Teil Ihrer Biografie reduziert? Ein Stück weit schon. Natürlich gehört das zu mir. Ich habe in der DDR viel erreicht. Ich bin bis heute stolz darauf, 1974 bei der Eröffnungsshow der Fußball-Weltmeisterschaft im Frankfurter Waldstadion aufgetreten zu sein – vor 800 Millionen TV-Zuschauern. Rückblickend muss man konstatieren: Westauftritte sind seit der Wiedervereinigung für Sie nicht allzu viele hinzugekommen. In diesem Jahr führt mich meine Weihnachtstour das erste Mal nach Hamburg , aber es stimmt: In den sogenannten neuen Bundesländern läuft's wie geschmiert – aber "drüben" scheint sich kaum jemand für mich zu interessieren. Frustriert Sie das? Nicht schön, aber da muss ich nicht so weit fahren. Mein Blick geht trotzdem nach vorn. Trotzdem gibt es bis heute Unterschiede zwischen Ost und West. Wie nehmen Sie das wahr? Man spürt das schon. Aber ich habe dazu auch schon viel gesagt. Dieses ständige Jammern – das ist mir irgendwann zuwider. Man muss die Dinge benennen, aber man sollte sich nicht nur darüber reden. Sie waren früher häufig im Fernsehen präsent, gerade beim MDR. Heute sieht man Sie dort deutlich seltener. Woran liegt das? Es gibt ja da auch keine Sendungen mehr. Ich habe Angebote gemacht, Dinge geschickt – da kam keine Reaktion. Irgendwann habe ich mir gedacht: Dann mache ich eben mein eigenes Ding. Klingt nicht so, als gehe das spurlos an Ihnen vorbei … Ach, wissen Sie: Ich renne niemandem hinterher. Der MDR hat gerade erst bekannt gegeben, massiv sparen zu müssen – neben den 160 Millionen Euro, die eingespart werden müssen, könnten noch 60 weitere hinzukommen. Liegt es vielleicht daran? Die sparen sich doch kaputt, weil sie das Geld anderweitig verballern. Wie sieht Ihr Leben heute aus, abseits der Bühne? Ganz ruhig. Ich lebe in Berlin-Mahlsdorf, habe meinen Garten, einen Teich mit Kois und eine Frau an meiner Seite. Ich bin viel draußen, mache Sport – das erdet. Sie sind 83 und spielen noch Fußball. Ja, jeden Mittwoch. Und es gibt sogar Überlegungen, bei einer Europameisterschaft anzutreten. In England findet ein Ü-80-Turnier statt. Aber mal sehen, ob ich dafür noch gut genug bin. Denken Sie so langsam ans Aufhören, an ein musikalisches Karriereende? Nein. Ich mache einfach weiter. Solange es geht. Unser Bassist scherzt gerne, dass er mir und der Band eine Rampe bauen will, um uns dann mit dem Rollator auf die Bühne zu rollen. Das ist natürlich ein Späßchen – aber man weiß nie bei uns – wir haben einfach zu viel Freude bei unseren Konzerten. Was treibt Sie immer weiter an? Der Erfolg ist nach wie vor da. Mein neues Album "Spiel des Lebens" ist auf Platz drei in den Charts eingestiegen, das freut mich sehr. Das zeigt ja, dass die Menschen sich in meiner Musik wiederfinden – und das gibt mir Kraft für die Zukunft.