Das Urteil gegen Meta und Google ist nicht nur längst überfällig. Es könnte auch der Anfang vom Ende der Straflosigkeit im Silicon Valley sein. Jahrelang haben sich Meta und Google hinter einer bequemen Erzählung versteckt: Wir stellen nur die Plattform bereit. Was die Nutzer damit machen, ist ihre Sache. Jahrelang haben sie Milliarden verdient, indem sie Kinder und Jugendliche mit algorithmischen Tricks vor den Bildschirm fesselten und jede Verantwortung für die Folgen von sich wiesen. Damit ist jetzt Schluss. Die Geschworenen in Los Angeles haben gesprochen und die Unternehmen wegen süchtig machender Plattformen verurteilt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer ein Produkt gezielt so baut, dass es abhängig macht, muss für die Schäden haften. Dieses Urteil war überfällig, denn es setzt endlich am Kern des Problems an. Social-Media-Abhängigkeit: Instagram-Chef bestreitet Suchtpotenzial seiner App Verbotene Inhalte: EU-Kommission will WhatsApp strenger kontrollieren Es wurde möglich, weil die Klägerseite zum ersten Mal nicht nur einzelne schädliche Inhalte ins Visier nahm, sondern das Produktdesign selbst – Algorithmen, die immer extremere Inhalte ausspülen und zu endlosem Scrollen führen, Push-Benachrichtigungen, die wie ein Glücksspielautomat funktionieren. All das sind Kernfunktionen, entwickelt mit einem einzigen Ziel: Nutzer so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, um ihnen mehr Werbung zeigen und damit noch mehr Geld verdienen zu können. Der Tabakvergleich ist kein Zufall Die Parallele zur Tabakindustrie ist keine rhetorische Übertreibung der Rechtsexperten – sie ist erschreckend präzise. Auch die Zigarettenhersteller wussten jahrzehntelang, dass ihr Produkt süchtig und krank macht. Auch sie finanzierten Gegenstudien, bezahlten Lobbyisten und beschworen die Eigenverantwortung der Konsumenten. Es dauerte Jahrzehnte, bis die Gerichte ihnen endlich das Handwerk legten. Bei den Tech-Konzernen ist es ähnlich. Es ist längst bekannt, dass Meta intern über die Schäden Bescheid wusste, die Instagram bei Jugendlichen anrichtet. Doch anstatt Schutzmaßnahmen zu ergreifen, wurden die Erkenntnisse genutzt, um die abhängig machenden Mechanismen weiter zu steigern. Dass eine Jury den Konzern dafür nun zur Rechenschaft zieht, ist die logische Konsequenz aus einem zynischen Geschäftsgebaren. Sechs Millionen Dollar Schadenersatz und Strafzahlung – für Konzerne mit Hunderten Milliarden Jahresumsatz ist das nicht mal ein ärgerlicher Rundungsfehler. Doch das Urteil reicht viel weiter, denn der Prozess war ein Musterverfahren. In den USA laufen Tausende ähnliche Klagen von Eltern, Schulbezirken und Generalstaatsanwälten. Sie alle werden sich auf dieses Urteil berufen. TikTok und Snapchat haben wohlweislich schon vor Prozessbeginn mit der Klägerin einen Vergleich beschlossen. Offenbar ahnten sie, wohin die Reise geht. Auch uns geht das an Meta und Google haben Berufung angekündigt. Sie werden weiter argumentieren, psychische Gesundheit sei "komplex" und nicht auf eine einzelne App zurückzuführen. Mag sein. Doch es gibt mittlerweile genügend Studien, die sozialen Medien eine Mitschuld an der psychischen Krise vieler Jugendlicher geben. Auch in Europa nutzen Millionen Minderjährige täglich genau dieselben Plattformen, mit denselben Algorithmen, denselben Suchtmechanismen. Es sind dieselben Produkte, die in Los Angeles gerade für gefährlich erklärt wurden. Die EU hat mit dem Digital Services Act zwar Regeln geschaffen, die Minderjährige schützen sollen. Doch das Gesetz bleibt vage: Es verpflichtet Plattformen zu "angemessenen Maßnahmen", ohne konkret zu definieren, was das bedeutet. Die Leitlinien der EU-Kommission, die unter anderem die Abschaltung von Autoplay und Push-Benachrichtigungen für Minderjährige empfehlen, sind nicht bindend. Und durchgesetzt werden sie bislang auch kaum. Was eine kalifornische Jury verstanden hat, muss daher auch in Brüssel endlich ankommen. Nicht als Empfehlung, sondern als Pflicht. Die Straflosigkeit im Silicon Valley muss enden.