Russland, die Ukraine und die USA treffen in Abu Dhabi aufeinander. Es soll um eine Beendigung des russischen Angriffskriegs gehen. Im Zentrum der Beratungen sehen alle drei Seiten eine Frage. In Abu Dhabi treffen ab diesem Freitag Vertreter der Ukraine , Russlands und der USA zusammen, um über ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zu beraten. Seit dem erneuten Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump im vergangenen Januar ist es bereits die elfte Gesprächsrunde zu diesem Thema – jedoch die erste in diesem Dreierformat. Zuvor hatte es lediglich Beratungen zwischen russischen, ukrainischen, europäischen und US-Vertretern in verschiedenen Konstellationen gegeben. Das nun stattfindende Dreiertreffen in den Vereinigten Arabischen Emiraten war von den USA angeregt worden. Die Gespräche sollen am Abend beginnen. Im Vorfeld hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag verkündet, dass bei einem Treffen mit Trump am Rande des Weltwirtschaftsforums eine Einigung über US-Sicherheitsgarantien für die Ukraine erzielt worden sei. Eine Bestätigung der USA steht indes noch aus. Krieg in der Ukraine: "Wir wollen 50.000 Russen pro Monat töten" Newsblog: Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg Dennoch bleibt laut Selenskyj bei den Verhandlungen jetzt vor allem ein Knackpunkt. "Die Frage des Donbass ist eine Schlüsselfrage", erklärte der Staatschef. Offenbar sieht das auch Russland so. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass am Freitag: "Die ukrainischen Streitkräfte müssen das Gebiet des Donbass verlassen, sie müssen von dort abgezogen werden." Daneben gebe es "weitere Nuancen" zu klären. Russland beharrt also auf seinen Maximalforderungen – und diese gehen noch weit über den Donbass hinaus. Russland kontrolliert rund 80 Prozent des Donbass Dabei kontrolliert die russische Armee nicht einmal den kompletten Donbass. Etwa 80 Prozent der Regionen Luhansk und Donezk, aus denen der Donbass besteht, sind derzeit von Russland besetzt. Dennoch besteht Russland bereits seit Monaten darauf, dass sich die Ukraine aus den Gebieten vollständig zurückzieht. Am Donnerstagabend waren die US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner bereits zu Vorgesprächen in Moskau eingetroffen. Worüber genau die Trump-Gesandten mit Kremlvertretern sprachen, ist nicht bekannt. Im Anschluss unterstrich Putin-Berater Juri Uschakow jedoch abermals die russische Position: Ohne eine Lösung der Territorialfrage werde es keinen dauerhaften Frieden geben, sagte er der russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Und solange es keine Friedenslösung gebe, werde Russland die Kämpfe fortsetzen. Ein bedingungsloser Abzug aus dem Donbass ist derweil für die Ukraine keine Option – dabei ist Kiew zu Zugeständnissen bereit. Seit Wochen wiederholt Präsident Selenskyj seinen Vorschlag: Beide Kriegsparteien sollten ihre Truppen von einer sogenannten Nulllinie aus in gleichen Abständen abziehen. Das Gebiet dazwischen solle demilitarisiert werden. Zwischenzeitlich war davon die Rede, dort eine Freihandelszone zu errichten. Hier liegt der Festungsgürtel der Ukraine Im Donbass steht für die Ukraine viel auf dem Spiel. Dort befindet sich der sogenannte Festungsgürtel aus den Städten Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka. Seit 2014 hat die Ukraine in den Städten sukzessive Verteidigungsstellungen aufgebaut. Mittlerweile haben Kremlsoldaten den südlichen Rand von Kostjantyniwka bereits erreicht. Der Gürtel, so die einhellige Meinung westlicher Militärexperten, ist für die russischen Truppen dennoch nur schwer zu knacken. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War prognostizierte im vergangenen Dezember, dass Russland wahrscheinlich zwei bis drei Jahre brauchen könnte, um die Festungen vollständig einzunehmen. Im vergangenen Sommer berechnete das britische Verteidigungsministerium gar, dass Russland fast viereinhalb Jahre für die Eroberung des Festungsgürtels einplanen müsste. Der Festungsgürtel ist jedoch nicht nur deshalb bedeutend. Einerseits liegt dort auch das Herz der ukrainischen Industrieproduktion. Es geht also auch um wirtschaftliche Interessen. Andererseits aber liegt hinter den Verteidigungsanlagen weitgehend offenes Land. Zwar könnte die Ukraine in den kommenden Jahren dort neue Stellungen aufbauen; das vor allem flache Gebiet im Landesinneren würde den Angreifern dennoch in die Karten spielen. Erlangte Putin mithilfe militärischer Eroberungen oder Verhandlungen die Kontrolle über den Donbass, stünden seine Truppen also in bester Position für neue Angriffe. Sollte den Russen in Verhandlungen der gesamte Donbass überlassen werden, würden sie sich sogar hohe Verluste unter den eigenen Soldaten ersparen. Seit Wochen liegen die täglichen Verluste der Russen laut ukrainischen Angaben bei mehr als tausend Mann. Jahrelange Angriffe auf den Festungsgürtel würden also womöglich Millionen russische Leben kosten. Russland spricht von der "Anchorage-Formel" Vermutlich spielen die Menschenleben in Putins Kalkulation ohnehin eine untergeordnete Rolle. Der Kremlchef hat es sich zum Ziel gemacht, die Ukraine vollständig zu kontrollieren, entweder über militärische Eroberungen oder über die Installation einer moskautreuen Regierung in Kiew. Selbst wenn also in Abu Dhabi eine Einigung über den Donbass erzielt würde, wäre aufseiten der Ukraine wohl kaum Vertrauen vorhanden, dass Putin wirklich vom Rest ihres Landes ablässt. Vor den Verhandlungen stiftete der Kreml indes weitere Verwirrung. Sprecher Dmitri Peskow erklärte, dass die Gebietsfrage anhand der "Formel von Anchorage" geklärt werden solle. Wie diese "Formel" aussieht, wollte er allerdings nicht sagen: "Wir halten das für nicht zweckmäßig", so Peskow laut der Nachrichtenagentur Interfax. Er erklärte zudem, dass die Gespräche nur "notfalls" am Samstag fortgesetzt werden sollen. In Anchorage fand im vergangenen August ein Treffen zwischen Putin und Trump statt. Eine offizielle Einigung auf bestimmte Punkte gab es danach jedoch nicht – auch wenn Kremlvertreter immer wieder auf eine solche verweisen. Lediglich ein inoffizieller Vorschlag kursierte nach dem Anchorage-Gipfel in den Medien: Dass die Ukraine den Donbass räumen soll und die Front dafür weiter südlich in den Gebieten Saporischschja und Cherson eingefroren wird. Russland terrorisiert die Zivilbevölkerung der Ukraine Russische Truppen waren zuletzt besonders im Gebiet Saporischschja relativ zügig vorgerückt. Sie profitierten dabei davon, dass die ukrainische Armee in Ermangelung von Soldaten ihre am besten ausgebildeten Truppen zur Verteidigung des Donbass einsetzte. Mittlerweile scheinen die Ukrainer die Situation an der südlichen Front jedoch stabilisiert zu haben. Derweil terrorisiert Russland die Region Cherson und die gleichnamige Gebietshauptstadt seit Monaten mit dem massiven Einsatz von FPV-Drohnen. Ukrainische Medien sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Menschen-Safari", da russische Drohnenpiloten gezielt Jagd auf die Zivilbevölkerung in Cherson machen. Darüber hinaus setzt Russland auch den Rest der Ukraine mit immer neuen Angriffswellen unter Druck. Stets im Visier: die Energieinfrastruktur des Landes. Laut den Konfliktanalysten der Nichtregierungsorganisation ACLED gab es allein seit September 2025 mehr als 600 Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Besonders betroffen ist die Hauptstadt Kiew, die Russland nach Ansicht westlicher Experten mit den Attacken unbewohnbar machen will. Millionen Menschen sind von Stromausfällen betroffen. Die Ukraine erlebt derzeit einen besonders kalten Winter mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius. Selenskyj: "Es können verschiedene Dinge passieren" Angesichts der komplexen Ausgangslage sind kaum durchschlagende Ergebnisse von den Verhandlungen in Abu Dhabi zu erwarten. Selenskyj sagte dazu: "Es ist ein Schritt – hoffentlich in Richtung Kriegsende –, aber es können verschiedene Dinge passieren." Er halte es jedoch für "taktisch sinnvoll", dass nun erstmals in einem trilateralen Format gesprochen werde. Auch der ukrainische Politologe Wolodymyr Fesenko sieht darin einen Fortschritt. Russland habe ähnliche Gespräche in Istanbul zu Beginn des Krieges nur zum Schein genutzt, sagte er der "Tagesschau". "Wenn nun, wie angekündigt, auch Militärexperten dort sein werden, dann könnte es sein, dass sie auch Bedingungen für einen möglichen Waffenstillstand besprechen. Ob das wirklich so sein wird, bleibt offen." Die russische Delegation in Abu Dhabi wird vom Chef des Militärgeheimdienstes GRU, Admiral Igor Kostjukow, geleitet. Zur ukrainischen Delegation gehören der Chefunterhändler Rustem Umerow sowie der stellvertretende Leiter des Präsidialamtes und Generalstabschef Andrij Gnatow. Für die USA soll Steve Witkoff teilnehmen, es könnte jedoch weitere Unterhändler geben.