Marie-Louise Eta schreibt als erste Cheftrainerin der Herren-Bundesliga Geschichte. Wegbegleiterin Fritzy Kromp freut sich. Sie rechnet mit weiteren Trainerinnen in der Liga. Am Samstagnachmittag ereignet sich in der Bundesliga der Männer Historisches: Beim Duell zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg wird Marie-Louise Eta als erste Cheftrainerin der Geschichte an der Seitenlinie stehen. Die Beförderung in Köpenick erfreut europaweit Fans, aber auch andere Trainerinnen – so wie Friederike Kromp. Die 41-Jährige ist nicht nur als TV-Expertin für das ZDF im Einsatz, sondern vor allem auch als Cheftrainerin von Werder Bremens Frauenteam. Im Gespräch mit t-online ordnet sie die Bedeutung von Etas Beförderung ein, nennt eine weitere Trainerin als Option für die Bundesliga und geht auf eine Maßnahme ein, die der DFB zum Schutz Etas ergreifen sollte. t-online: Friederike Kromp, was war Ihre erste Reaktion auf die historische Beförderung von Marie-Louise Eta? Friederike Kromp: Endlich! Seit mehreren Jahren wird mir regelmäßig die Frage gestellt, wann eine Frau ein Bundesliga-Team trainiert. Jetzt ist es endlich so weit, das freut mich sehr. Ist das der Startschuss für mehr oder bleibt Eta eine Ausnahme? Für mich ist das der Startschuss. Ich habe immer mal wieder mit verschiedenen Vereinsverantwortlichen gesprochen und weiß, dass bei vielen Klubs der Wille da ist, Frauen in diese Position zu setzen. Jetzt ist die richtige Frau am richtigen Ort. Welche Trainerin könnte die nächste sein? Sabrina Wittmann macht es bei Ingolstadt sehr gut, ist dort in der dritten Saison. Das spricht für ihre Arbeit. Ich traue ihr einen Posten in der ersten oder zweiten Liga genauso zu. Bei den nächsten vakanten Trainerpositionen könnte sie auf der Liste stehen. Wie nah waren Sie schon einmal an einem Engagement im Herrenbereich? Ich habe mal Gespräche für eine NLZ-Leitung (Nachwuchsleistungszentrum, Anm. d. Red.) geführt. Viele Gespräche hatte ich aber auch während meiner Zeit als Verbandstrainerin, als ich unter anderem auch für die Trainerausbildung und für Auswahlteams bei den Junioren verantwortlich war. Einige Zahlen haben mich dabei geschockt. Der Anteil an Frauen unter Trainern mit A-Lizenz liegt zum Beispiel nur bei 2,8 Prozent. Haben Sie in Gesprächen über einen Trainerposten schon einmal Vorbehalte gegen sich aufgrund Ihres Geschlechts erfahren? Die hat man andauernd. Allein das Kabinenthema wird so oft angesprochen. Als würde sich in der Kabine so viel abspielen – da ist die Wahrnehmung verzogen. Wenn ein Mann eine Frauenmannschaft übernimmt, spielt das Kabinenthema keine Rolle. Claudia Neumann hat die grundsätzlichen Strukturen kritisiert, in der Ausbildung "nur vereinzelt Alibi-Frauen" ausgemacht. Wie sehen Sie die Entwicklung? Bei der C-Lizenz, also im untersten Bereich, liegt die Quote nur bei sieben Prozent. Die Zahl muss sich verbessern, es geht mit verschiedenen Projekten aber in die richtige Richtung: Kurse nur für Frauen, Stipendien oder auch Werbung. Vor allem in den vergangenen fünf Jahren hat sich sehr viel getan, es benötigt aber noch mehr Ausbilderinnen. Das war lange Zeit eine Ausbildung von Männern für Männer. Vor einem Jahr war Schiedsrichterin Fabienne Michel in der 3. Liga Opfer sexistischer Schmähgesänge. Etas Beförderung hat nun auch niederträchtige Kommentare in den sozialen Medien hervorgerufen. Welche Reaktionen erwarten Sie in den Bundesliga-Stadien? Solche Kommentare überraschen mich leider nicht. Es ist unsäglich und peinlich. Ich hoffe, dass es sich wieder legt – und trotzdem muss der Verein mit weiteren Kommentaren rechnen, wenn es die erste Niederlage gibt. Dann ist nicht nur Union gefordert, dann sind auch der DFB, die DFL und weitere Protagonisten gefragt. Es hat ein anderes Gewicht, wenn sich Persönlichkeiten wie Vincent Kompany , Toni Kroos oder Robin Gosens äußern. Muss der DFB die Schiedsrichter noch einmal für den Dreistufenplan gegen diskriminierende Aktionen sensibilisieren? Das sollte der DFB machen, ja. Es ist gut, dass sie mit einem Heimspiel starten, aber man muss trotzdem mit Reaktionen rechnen. Vorab kann man nicht alles verhindern. Umso besser wäre es, wenn die Schiedsrichter und die Leute im Stadion vorbereitet werden. Sie haben mit Eta beim DFB zusammengearbeitet. Wie eng war Ihr Austausch? Wir waren gemeinsam beim DFB, aber nicht im selben Team. Wir hatten dennoch gemeinsame Seminare und Trainermeetings, haben uns dabei gut kennengelernt. Wir haben uns auch danach nie aus den Augen verloren, sehen uns immer mal wieder und sind im Austausch. Ich schätze sie sehr und hatte zuletzt auch kurz Kontakt mit ihr. Hat Eta Sie vor der Beförderung um einen Rat gebeten? Nein, wir haben danach geschrieben. Ich wollte sie nicht zu sehr belagern, weil sie nun viel zu tun hat. Sie weiß um die riesige Chance und wird diese ganz bestimmt gut nutzen. Was charakterisiert Eta als Trainerin? Sie ist sehr klar und analytisch, total fußballverrückt im positiven Sinne. Sie hat einen klaren Plan, möchte attraktiven und offensiven Fußball spielen lassen. In ihren Trainingsformen arbeitet sie modern, denkt viel über modernen Ballbesitzfußball nach. Da ist sie methodisch und didaktisch sehr stark. Dazu kommt ein kumpelartiger, nahbarer und lockerer Umgang. In Wettkampfformen oder am Spieltag kann sie aber auch sehr scharf sein, ist im In-Game-Coaching an der Seitenlinie sehr aktiv. An der Seitenlinie wird es optisch also keine große Veränderung im Vergleich zu Steffen Baumgart geben. Aber ohne die Mütze (lacht). Sie ist zudem weniger impulsiv, aber dennoch "on fire". Inhaltlich klingt ihr Ansatz konträr zu Baumgarts Idee. Spielt Union ab Samstag einen ganz anderen Fußball? Nach drei Trainingseinheiten kann es nicht komplett konträr sein. Wir werden ihre Handschrift sehen, aber alles wird sie sicherlich nicht über den Haufen werfen. Welche Änderungen erwarten Sie konkret? Ich vermute, dass die Ballbesitzphasen anders gestaltet sein werden. Statt vieler hoher Bälle erwarte ich mehr Kombinationsfußball. Unions Geschäftsführer Horst Heldt hat nicht ausgeschlossen, dass Eta auch länger bleiben könnte, obwohl sie ab Sommer eigentlich als Trainerin des Frauenteams eingeplant ist. Zeigt das nicht doch wieder ein Gefälle, wenn Männer- und Frauenteams verglichen werden? Ja, aber es ist nun mal so, dass der Trainerjob bei einem Team aus der Herren-Bundesliga auf einer anderen Ebene steht als der Posten bei einem Frauen-Bundesligisten – nicht nur allein finanziell und medial. Ich kann mir vorstellen, dass sie bei den Herren weitermacht, wenn sie die Chance dazu bekommt. Es ist auch richtig, das offenzulassen. Am Ende muss es schließlich um die Qualität gehen. Das Timing ist aber dennoch nicht ganz so glücklich. Für die Frauenabteilung und konkret für die Spielerinnen herrscht jetzt wieder Unklarheit auf dieser Position. Ist die Herren-Bundesliga für Sie langfristig ein Ziel? Nein, es ist kein konkretes Ziel von mir. Dafür bin ich mit dem, was ich mache, zu glücklich. Ich würde es mir aber zutrauen, die dafür notwendige Lizenz und die Ausbildung dafür habe ich schließlich. Für das ZDF sind Sie regelmäßig als TV-Expertin im Einsatz. Welche Lehren haben Sie aus der Arbeit für Ihren Alltag als Trainerin gezogen? Der Perspektivwechsel ermöglicht einen anderen Blick. Ich denke viel über die Ansätze der Trainer nach und wie die Spieler die Vorgaben umsetzen. In Vorbereitung auf meine Einsätze lese ich sehr viel oder schaue mir Pressekonferenzen an. Lesen Sie sich auch schon für die WM ein? Das kommt, wenn es so weit ist. Der Fokus liegt voll und ganz auf dem Saisonendspurt mit Werder. Während unserer Sommerpause werde ich dann bei der WM wieder für das ZDF im Einsatz sein.