Gegen die Schweiz setzte der Bundestrainer im Sturm auf Kai Havertz und Nick Woltemade. Für Deniz Undav war kein Platz. Die Lage des VfB-Stars weckt Erinnerungen an einen ehemaligen Bundesliga-Torjäger. Aus Stuttgart berichtet William Laing In seinem eigenen Wohnzimmer erhält Deniz Undav endlich seine Chance. "Geplant ist, dass er Einsatzminuten bekommt, weil er es sich auch verdient hat", sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann am Sonntag auf der Pressekonferenz vor dem Testspiel gegen Ghana (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei t-online) in Stuttgart. Der Angreifer des in der MHP Arena heimischen VfB darf sich endlich wieder im DFB-Dress zeigen. Das erste Mal seit vergangenem Sommer. "Das liegt jetzt nicht an Stuttgart", stellte Nagelsmann klar, "sondern einfach an seiner Quote, dass er auch Minuten kriegt." Genau die hatte der Bundestrainer Undav am Freitagabend in Basel aber noch verwehrt. Beim 4:3-Sieg über die Schweiz setzte er im Sturmzentrum zunächst auf den im vergangenen Jahr fast durchgängig verletzten Kai Havertz . In der zweiten Hälfte brachte er zur allgemeinen Verwunderung den formschwachen Nick Woltemade in die Partie. Marc-André ter Stegen: Nagelsmann sieht WM-Chancen nur noch "sehr gering" Undav wiederum schmorte 90 Minuten auf der Auswechselbank. Die Situation des 29-Jährigen wirft trotz der ihm nun in Aussicht gestellten Einsatzminuten Fragen auf – und erinnert an einen ähnlichen Härtefall aus der Ära Löw. Kießling traf alles – und bekam keine Chance 18 Tore hat Deniz Undav in dieser Saison in der Bundesliga bereits erzielt. Allein sieben davon in den letzten sechs Partien. Es ist wohl keine Übertreibung, zu behaupten: Der Angreifer ist in der Form seines Lebens. Wüsste der FC Bayern mit Harry Kane nicht einen noch treffsichereren Weltstar in seinen Reihen, wäre Undav in dieser Spielzeit wohl heißester Anwärter auf die Torjägerkanone in der Bundesliga. Dass Undav für die Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana für das DFB-Team nominiert wurde, war deshalb folgerichtig. Bei den vergangenen DFB-Lehrgängen hatte Nagelsmann ihn nicht berücksichtigt. Eine solche Entscheidung für die März-Partien wäre bei Undavs aktuellem Lauf kaum zu vermitteln gewesen. Doch die Vergangenheit zeigt auch: Die Treffsicherheit in der Bundesliga ist nicht immer der entscheidende Faktor, um auf Nationalmannschaftsebene eine gewichtige Rolle zu spielen. Vor über zehn Jahren beispielsweise sicherte sich Stefan Kießling die Auszeichnung als bester Torschütze im deutschen Oberhaus. Insgesamt 25-mal brachte der heute 42-Jährige den Ball in der Saison 2012/2013 für Bayer Leverkusen im gegnerischen Gehäuse unter. Doch für die Nationalelf war Kießling seit 2010 nicht mehr aufgelaufen – und sollte das auch nie wieder tun. Der damalige Bundestrainer Joachim Löw verzichtete entgegen den Forderungen aus der deutschen Öffentlichkeit immer wieder auf den besten Angreifer der Nation. Im August 2013 schrieb Kießling dann auf seiner Facebook-Seite: "Seit drei Jahren gab es nie irgendeinen Kontakt oder ein Gespräch, warum es nicht für die Nationalmannschaft reicht. Ich bin kein Typ, der stänkert, aber ich möchte ein für alle Mal das Thema ruhen lassen." Löw wiederum erklärte: "Ich habe immer gesagt, dass Miroslav Klose und Mario Gómez, wenn sie fit sind, unsere erste Wahl sind." Kießling sei dahinter eine gute Alternative. Doch Verwendung für den Bayer-Star hatte Löw dann doch nie. Dem Erfolg tat das letztlich aber auch keinen Abbruch. Knapp ein Jahr später wurde der Coach mit Deutschland in Brasilien Weltmeister – ohne Kießling. Kießlings Schicksal: Auch Undav ist nur eine Alternative Hinsichtlich ihrer Situation im DFB-Team lässt sich zwischen Kießling und Undav nun durchaus eine Parallele ziehen – auch wenn beide eigentlich unterschiedliche Stürmer-Typen sind und der Stuttgarter sich weiter gute Chancen auf eine WM-Teilnahme im kommenden Sommer ausrechnen kann. Doch das vermutlich nur in einer Back-up-Funktion. Nagelsmanns Entscheidung aus dem Schweiz-Spiel kann durchaus als Fingerzeig für die Hierarchie im Sturm gewertet werden. Kai Havertz genießt beim Bundestrainer trotz seiner zahlreichen Verletzungen großes Vertrauen. Nicht umsonst bestimmte Nagelsmann den Arsenal-Profi 2024 zum Vizekapitän der Mannschaft. In Basel wollte er ihm "Minuten geben", wie der DFB-Coach vor der Partie kundtat. Womöglich auch mit dem Hintergedanken, dass Havertz bei der WM in der Startelf stehen soll. Denn als Motto für die beiden Partien in diesen Tagen hatte Nagelsmann "einspielen" ausgegeben – und nicht testen. Woltemade wiederum steuerte im vergangenen Jahr in Havertz' Abwesenheit in der WM-Qualifikation wichtige Treffer bei, unter anderem einen Doppelpack in Luxemburg. "Nick hat bei uns eine super Quote, in Newcastle gerade aber keinen leichten Stand", sagte Nagelsmann in Basel bei RTL und erklärte, warum er kurz zuvor Woltemade und nicht Undav eingewechselt hatte. Er hätte dem VfB-Angreifer, "der gut drauf ist, noch weiter Selbstvertrauen" geben können, so der Bundestrainer. Die Folge wäre aber gewesen, Woltemade, "der gerade nicht ganz so gut drauf ist, fallen zu lassen." Nagelsmann entschied sich dagegen. Im Fall des gebürtigen Bremers geht der DFB-Coach also aktuell auf Kuschelkurs. Offenbar, weil er in einem wiedererstarkenden Woltemade – genau wie in Havertz – eine Schlüsselfigur im deutschen Angriff für die Weltmeisterschaft sieht. Doch damit unterstreicht Nagelsmann vor allem auch, dass Undav zum bewährten Duo lediglich die Alternative darstellt. Sein Schicksal ist also im Grunde das gleiche wie einst das von Kießling, der Klose und Gómez vor sich hatte. An der Stellung der Platzhirsche gibt es offenbar gerade nur wenig für ihn zu rütteln. Selbst, wenn diese nicht in Form sind. Ghana wäre für Undav der ideale Gegner "Wir haben mit jedem Spieler ein Rollengespräch geführt. Jeder Spieler weiß exakt, woran er ist", sagte Nagelsmann am Sonntag in Stuttgart. "Ob der WM-Platz relativ sicher ist oder nicht so sicher ist. Und wenn der WM-Platz relativ sicher ist, wie seine Rolle im WM-Kader aussieht." Wie dieses Gespräch mit Undav abgelaufen sein muss, lässt sich nur erahnen: WM-Platz wahrscheinlich, Einsatzzeiten eher nicht. Dazu passt, dass eine weitere Begründung Nagelsmanns für Undavs ausgebliebene Einwechslung in Basel das Spielsystem war. "Deniz hat seine Qualitäten, wenn wir selbst viel kontrollierten Ballbesitz haben", hatte der Bundestrainer im Anschluss an die Partie betont. Gegen die Schweiz hätte aber das Umschaltspiel im Fokus gestanden. Undav passt also nur bedingt in Nagelsmanns System. Spannend ist nun, dass der gegen die "Eidgenossen" gestartete Havertz gegen Ghana vermutlich geschont wird. Gemunkelt wird bereits, dass Woltemade im Angriff beginnen darf – gegen einen Gegner, der am Freitag mit 1:5 in Österreich verlor und dabei nur 40 Prozent Ballbesitz aufwies. Somit wären die Afrikaner nach Nagelsmanns Argumentation vom Freitag eigentlich der ideale Gegner für einen Stürmer wie Undav. Dessen Einsatzminuten werden aber wohl nur als Einwechselspieler zustande kommen. Ein Szenario, das die Rangordnung im deutschen Sturm noch deutlicher zementieren würde – auch, wenn sich Undav in der Liga aktuell so treffsicher präsentiert wie einst Stefan Kießling.