Krieg, steigende Ölpreise, wachsende Risiken – und trotzdem verliert Gold an Wert. Klingt widersprüchlich, folgt aber einer logischen Entwicklung der Märkte. Die eigentlich schlechte Nachricht für Gold lautet derzeit: Der Krieg im Iran könnte noch "viele Wochen andauern" und den Ölpreis "auf bis zu 150 Dollar" treiben. Das sagt Shane Oliver, Anlagestratege beim Fondsmanager AMP. Doch genau hier beginnt der scheinbare Widerspruch: Warum fällt der Goldpreis, obwohl sich die Krise verschärft? Gilt Gold nicht als klassische Krisenwährung? Was zunächst unlogisch wirkt, folgt einer klaren ökonomischen Logik. Und genau diese entscheidet darüber, ob Sie jetzt aussteigen sollten – oder ob sich ein Einstieg gerade erst lohnt. Eskalation ohne Ausweg Der Konflikt im Nahen Osten spitzt sich weiter zu. Die USA haben damit gedroht, iranische Energieanlagen anzugreifen, sollte die wichtige Handelsroute durch die Straße von Hormus blockiert bleiben. Der Iran reagierte mit Gegenschlägen und kündigte an, die Meerenge im Ernstfall vollständig zu schließen. Die US-Regierung teilte am Montag mit, dass man sich derzeit in konstruktiven Gesprächen befinde. Sollte innerhalb der kommenden fünf Tage keine Lösung gefunden werden, hätte das massive Folgen: Rund 20 Prozent des weltweiten Ölangebots werden über diese Route transportiert. Entsprechend reagieren die Märkte bereits – mit steigenden Ölpreisen, fallenden Aktienkursen und sinkenden Preisen für Edelmetalle wie Gold und Silber . Wenn Energie zum globalen Risiko wird Eine länger anhaltende Blockade könnte Experten zufolge eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen – vergleichbar mit der Ölkrise der 1970er-Jahre. Analysten rechnen damit, dass der Ölpreis von derzeit etwa 100 Dollar auf bis zu 250 Dollar steigen könnte. Berechnungsmodelle der Dallas Fed zeigen, dass eine Blockade im zweiten Quartal 2026 das globale reale BIP-Wachstum um 2,9 Prozentpunkte senken könnte. Jeder Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar reduziert das globale Wachstum Schätzungen zufolge um bis zu 0,3 Prozentpunkte. Die Folgen wären weitreichend: Höhere Kosten für Sprit, Heizöl und Strom Teurere Lebensmittel durch steigende Düngemittelpreise Belastung für Industrie, Transport und Luftfahrt Anders als Länder wie China , Japan oder Südkorea ist Deutschland weniger von Öl- und Gaslieferungen betroffen. Hierzulande sind unterbrochene Lieferketten und hohe Gaspreise die Hauptkostentreiber. Neben höheren Transportkosten wird auch mit Preisaufschlägen bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, Fleisch und Milchprodukten gerechnet. Inflation kehrt zurück Wenn Energie, Transport und Lebensmittel gleichzeitig teurer werden, zieht die Inflation wieder an. Zur Einordnung: Inflation bedeutet, dass Geld an Kaufkraft verliert; Sie können sich für den gleichen Betrag weniger leisten. Experten erwarten, dass die Teuerung in Deutschland von zuletzt 1,9 Prozent auf über 2,5 Prozent steigen könnte. Die EZB rechnet sogar mit 2,6 Prozent für 2026. In den USA drohen den Währungshütern zufolge im Extremfall Inflationsraten von über fünf Prozent. Zentralbanken in der Zwickmühle Steigende Inflation zwingt Zentralbanken normalerweise dazu, die Zinsen anzuheben. Ein höherer Leitzins verteuert Kredite und bremst die Wirtschaft – soll aber gleichzeitig die Preise stabilisieren. Zinsen rauf oder runter? US-Notenbank vor historischer Entscheidung Aber genau hier liegt das Problem: Zu hohe Zinsen würgen das Wachstum ab, und zu niedrige Zinsen lassen die Inflation weiter steigen. Eigentlich geplante Zinssenkungen, etwa durch die Bank of England oder die Fed, wurden bereits verschoben oder ausgesetzt, um den Preisdruck zu dämpfen. Stattdessen sind nun weitere Zinserhöhungen aufgrund eines anhaltenden Krieges im Iran möglich – und das trotz schwächelnder Wirtschaft. Warum Gold trotzdem fällt Eigentlich profitiert Gold von Inflation. Denn anders als Geld verliert es nicht einfach an Wert. Doch aktuell wirkt ein anderer Faktor stärker: die Zinsen. Gold wirft keine laufenden Erträge ab, wie Zinsen auf Sparguthaben oder Dividenden aus Aktien und Fonds. Steigen die Leitzinsen, werden alle alternativen Geldanlagen, darunter auch Anleihen, attraktiver. Entscheidend ist deshalb der sogenannte Realzins: Das ist der Zinssatz abzüglich der Inflation. Negativer Realzins: Inflation ist höher als Zinsen; Gold bleibt attraktiv Positiver Realzins: Zinsen übersteigen Inflation; Gold verliert an Reiz Da sich die Leitzinsen aktuell noch nicht geändert haben, ist es vor allem die Angst vor steigenden Zinsen, die den Goldpreis trotz Krise derzeit drückt. Fazit: Gold bleibt Gold Kurzfristig gerät der Goldpreis unter Druck, da die Furcht vor einem lang andauernden Krieg und einer möglichen Krise der Weltwirtschaft wächst. Der Goldpreis hat innerhalb weniger Tage seit seinem Hoch bei 5.598 Dollar je Feinunze knapp 20 Prozent an Wert verloren. Langfristig sprechen jedoch viele Faktoren weiterhin für das Edelmetall. Gold ist und bleibt das einzige Asset, das kein Gegenparteirisiko hat. Es kann weder seinen Wert komplett verlieren, noch sanktioniert werden. Gerade in geopolitischen Krisen bleibt das ein entscheidender Vorteil. Zudem ist die Sorge groß, dass sich die Krise ausweitet und der Konflikt zu einem Flächenbrand wird. Das treibt auch die Risikovorsorge massiv in die Höhe. Hinzu kommt: Notenbanken kaufen seit Jahren massiv Gold. Vor allem China, Indien und die Türkei kaufen seit 2024 Gold in Rekordmengen und stocken ihre Bestände weiter auf. Hintergrund ist das Bestreben nach noch stärkerer Unabhängigkeit vom US-Dollar, besonders wenn die USA Drohungen und Sanktionen als politisches Werkzeug einsetzen. Und selbst beim Thema Zinsen zeigt sich ein mögliches Limit: Wenn die Wirtschaft durch hohe Energiepreise einbricht, können Zentralbanken die Zinsen nicht unbegrenzt erhöhen, um einen positiven Realzins zu erreichen. Genau in solchen Phasen – schwache Wirtschaft, hohe Inflation, Wertverlust des Geldes – hat Gold historisch seine Stärke gezeigt. Trotz kurzfristiger Rücksetzer durch Zinsängste bleiben viele Analysten langfristig optimistisch. J.P. Morgan sieht Gold bis Ende 2026 sogar bei 6.300 US-Dollar pro Unze. Kurz gesagt: Der aktuelle Rückgang ist kein Zeichen von Schwäche. Er zeigt vielmehr, dass Gold weiterhin genau das tut, was es immer getan hat – auf lange Sicht Wert bewahren.