Hautkrebs-Screening: Hautärztin warnt vor Zwei-Klassen-Medizin

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Früherkennung gilt als kosteneffizient, doch steht das Hautkrebsscreening auf dem Prüfstand. Dabei müsste es in der Debatte um andere Punkte gehen. Das Wort Vorsorge umreißt am besten, worum es im Grunde geht: genauer hinschauen, untersuchen und rechtzeitig (be)handeln – bevor es zu schmerzhaft, zu teuer oder zu tödlich wird. So gesehen ist das Screening eine der kosteneffizientesten gesundheitspolitischen Maßnahmen überhaupt. Der englische Begriff Screening umfasst flächendeckende Früherkennungsuntersuchungen, ohne dass schon ein Verdacht auf eine bestimmte Krankheit oder ein bestimmtes Risiko dafür besteht. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts überleben 95 Prozent der Frauen und 93 Prozent der Männer die nächsten zehn Jahre nach einer Diagnose mit malignem Melanom, also schwarzem Hautkrebs. Zugleich sinkt die Überlebenschance bei unerkannten und unbehandelten Hautkrebserkrankungen mit Fortschreiten der Zeit signifikant. Das wird viel, viel teurer Seit 2008 können sich in Deutschland deshalb alle Krankenversicherten ab dem 35. Lebensjahr (alle zwei Jahre) unentgeltlich auf Hautkrebs untersuchen lassen. In der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Debatte , die, wie so oft, natürlich von Einsparungsgedanken getragen ist, ist das Hautkrebsscreening – man könnte sagen, wieder mal – in die Kritik geraten. Nach Ansicht vieler Mediziner ist das allerdings kein Argument für die vollständige Abschaffung dieser Kassenleistung, sondern allenfalls Anlass, über eine Verbesserung und breitere Wirksamkeit nachzudenken. Zu späte oder ganz unterlassene Diagnosen kommen uns und unserem Gesundheitssystem nämlich viel teurer zu stehen als die Beibehaltung und Verbesserung der bisherigen Praxis. Der Behandlungsbedarf steigt massiv – nicht weil mehr gescreent wird, sondern weil die Erkrankungen selbst zunehmen: Einem Bericht der Barmer Ersatzkasse zufolge hat sich der Umfang der Therapien von schwarzem Hautkrebs im Zeitraum von 2005 bis 2023 um 20 Prozent erhöht, beim weißen Hautkrebs kam es sogar zu einer Verdoppelung. Zahl der Erkrankungen schnellt nach oben Die Krankenhausaufenthalte wegen weißem und schwarzem Hautkrebs verzeichnen nach einer Feststellung des Statistischen Bundesamtes in den Jahren zwischen 2003 und 2023 einen Anstieg um nahezu 90 Prozent. Diese Zahlen spiegeln die rasante Zunahme der Erkrankungen selbst: Schätzungen zufolge gab es in Deutschland im Jahr 2023 insgesamt rund 300.000 Neuerkrankungen an Hautkrebs (weißer und schwarzer Hautkrebs zusammen); davon entfallen etwa 25.000 bis 27.000 auf das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs); 2005 waren es noch knapp 189.000, also etwas mehr als die Hälfte. Grund dafür ist einerseits die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung – mit dem Effekt, dass die Erkrankungen im verlängerten Lebensalter zunehmen. Andererseits wächst auch die Sensibilität gegenüber dem Thema Haut- und Sonnenschutz nicht im gleichen Maß wie die damit verbundenen zunehmenden dermatologischen Problemen: Eine Gesellschaft, die inzwischen vielmehr (Frei)Zeit im Freien verbringt und jährlich oder öfter in sonnenreiche Gegenden reisen kann, muss sich diesen Veränderungen umsichtiger und nachhaltiger stellen als etwa in früheren Generationen. Auch Veränderungen von Klima- und Umwelteinflüssen sind zu bedenken. Soziale Ungleichheit Vor dem Hintergrund dieser Faktenlage wäre eine ersatzlose Streichung der unentgeltlichen Hautkrebsvorsorge genau der falsche Schritt. Auch das Argument, dass ja nur jeder Vierte sie in Anspruch nimmt, ist keine Begründung dafür. Im Gegenteil: Würde gesundheitspolitisch ebenso dafür geworben wie bei anderen Krebsarten, wir erinnern uns an Fernsehspots, die uns die turnusmäßige Darmspiegelung nahelegten, an Prominente, die sich ausdrücklich dafür einsetzten, dann käme vielleicht auch niemand auf die Idee, das Hautkrebsscreening aus dem Katalog der medizinischen Prävention zu werfen. Darüber hinaus würde ein solches Vorgehen auch die soziale Ungleichheit in Deutschland vertiefen, denn uns allen zustehende Gesundheitsmaßnahmen wären künftig womöglich nur noch Privatpatienten und Selbstzahlern vorbehalten, die es sich leisten können. Kein gutes Zeichen. Das wirkt wie Zwei-Klassen-Medizin . Zielgerichtete Vorsorge Seit Jahren sprechen sich Ärzte und andere Gesundheitsexperten deshalb dafür aus, die Effektivität des Hautkrebsscreenings zu verbessern. Das könnte auch dadurch geschehen, dass die breite Vorsorgemaßnahme auf Jüngere ab 20 Jahren ausgedehnt und zielgerichteter auf Risikogruppen zugeschnitten wird. Etwa so, wie es bei dem vor Kurzem eingeführten Lungenkrebsscreening praktiziert wird. Dermatologisch wäre ein differenzierterer Zuschnitt auf Patienten mit Besonderheiten möglich: auf Menschen bestimmter Hauttypen, Personen, die unter familiärer Vorbelastung stehen oder sehr viele Muttermale aufweisen, die Probleme mit ihrem Immunsystem haben, sodass die Abwehrkräfte der Haut gegen Krankheitserreger oder schädliche Zellveränderungen nicht ausreichen. Nicht zu vergessen jene Patienten, die sich beruflich mehr als andere im Freien aufhalten und sich dabei der Sonnenstrahlung aussetzen. Genauere Untersuchungen sind notwendig Aber da Hautkrebs und seine Vorstufen auch bei den Nicht-Risikopatienten auftreten, und zwar täglich mehrfach sichtbar in den Hautarztpraxen, dürfen diese keineswegs außen vor bleiben. Auch zu warten, bis jemand symptomatisch wird, wie gefordert, verkennt die Lage – weißer Hautkrebs , der symptomatisch ist, ist meist fortgeschritten und oft nur noch mit stigmatisierenden und entstellenden Narben zu behandeln. Beim schwarzen Hautkrebs treten Symptome häufig erst im metastasierten Stadium auf und sind dann oft nur noch mit teuren Therapien oder palliativ behandelbar. Eigentlich sollte man immer genauer vorgehen, etwa mit Auflichtmikroskopie (Dermatoskopie) für jeden, um pigmentierte und nicht-pigmentierte Hautveränderungen (also sowohl schwarzen als auch weißen Hautkrebs) analysieren zu können, sowie erforderlichenfalls mit digitaler Verlaufskontrolle. Eine lückenlose Dokumentation im Screening erleichtert die strukturierte Weiterversorgung der Patienten und die Vergleichsmöglichkeit im Verlauf der Jahre. Wer nun die Hautkrebsvorsorge abschafft, reduziert auch Innovationen wie KI-gestützte Analysen und moderne, aber kostenintensive Systeme, die dann von Hautärzten nicht mehr angeschafft werden. Zum Nachteil der Patienten und des Fortschritts. Jahrzehntelange Arbeit würde zerstört werden Abgestimmt auf diese veränderte Ausrichtung, könnte eine zielgerichtete Schulung von Hausärzten und Dermatologen laufen. Es muss ein standardisiertes Vorgehen verpflichtend sein und fundierte Kenntnisse in der Auflichtmikroskopie sind erforderlich. Manche schauen ausgiebig und detailliert in jede Ritze, andere sehen hingegen schon aus einem Meter Entfernung, dass "alles ok" zu sein scheint und sind zack fertig. Gründliches Arbeiten muss auch ordentlich vergütet werden, genauso wie das Gespräch über eigene Vorsorge mittels Sonnenschutzmaßnahmen und hautschützender Ernährung – nicht zuletzt mit der Aussicht, auch die Patienten selbst zu einer kompetenten Selbstbeobachtung oder zur Nutzung digitaler Hilfsmittel anleiten zu können. Natürlich müsste auch in dieser Hinsicht das System der Terminvergabe beim Facharzt noch grundlegend verbessert werden. Wie – fast – jeder weiß, leider nicht nur ein Problem der Dermatologiepraxen. Das Abschaffen der Hautkrebsvorsorge würde die jahrzehntelange Aufklärungsarbeit der Dermatologen zerstören und das Bewusstsein für dieses wichtige Thema vermindern. Erwehren Sie sich Ihrer Haut und kommen Sie gesund durch die Zeit!
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