Herzschutz beginnt nicht erst mit Brustschmerzen oder einem auffälligen EKG. Viele Frauen übersehen entscheidende Warnzeichen und unterschätzen ihr persönliches Risiko teils über Jahrzehnte. Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und hohe Cholesterinwerte werden immer häufiger. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind daher weltweit die häufigste Todesursache. Trotzdem stagniert das Bewusstsein für das eigene Risiko, besonders bei jüngeren Frauen. Davor warnen derzeit Herzspezialisten des NYU Langone Health (USA). Zum internationalen Monat der Herzgesundheit erklären die Ärztinnen und Ärzte des Gesundheitszentrums, warum Frauen ihr Herz anders schützen müssen als Männer und welche Warnzeichen sie schon in jungen Jahren ernst nehmen sollten. Schwangerschaft gibt erste Hinweise auf die Herzgesundheit Eine Schwangerschaft belastet das Herz stark. Die Kardiologin Anaïs Hausvater erklärt in einer Pressemeldung der NYU: "Eine Schwangerschaft ist das, was wir als Stresstest der Natur bezeichnen." Denn während dieser Zeit steige das Blutvolumen stark an, der Puls beschleunigt sich und das Herz arbeitet deutlich mehr. Heute weiß man: Wer in der Schwangerschaft Komplikationen erlebt wie Präeklampsie (Bluthochdruck plus weitere Organschäden), Schwangerschaftsdiabetes oder schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck, hat später ein höheres Risiko für Herzkrankheiten. Auch Frühgeburten, ein niedriges Geburtsgewicht oder Fehlgeburten gelten heute als langfristige Risikomarker. Die Schwangerschaft gibt also erste Hinweise auf die Herz-Kreislauf-Probleme, die nach der Geburt nicht einfach verschwinden. Bei Frauen mit solchen Komplikationen treten der Expertin zufolge daher 30 bis 40 Jahre später häufiger Herzinfarkte, Herzschwäche oder Schlaganfälle auf. "Gender Pain Gap" : Blinder Fleck in der Medizin hat Folgen für Millionen Frauen Herzgesundheit: Frauen haben andere Risikofaktoren Hohe Cholesterinwerte und Bluthochdruck zählen auch bei Frauen zu den größten Risikofaktoren für die Herzgesundheit. Allerdings sind Frauen auch anderen, oft lebensphasenspezifischen Risiken ausgesetzt, die bei Routineuntersuchungen oft übersehen werden, erklären die Experten der NYU. Dazu gehören neben den oben genannten Schwangerschaftskomplikationen vor allem: frühe Menopause Brustkrebsbehandlungen Myome (gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter) Endometriose (Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter) das polyzystische Ovarialsyndrom (eine Hormonstörung) Autoimmunerkrankungen Die Menopause etwa verändert das Herzrisiko deutlich. In dieser Phase sinkt der Östrogenspiegel, also das weibliche Geschlechtshormon. "Wir sehen häufig, dass Cholesterin und Blutdruck während der Menopause steigen", erklärt Hausvater. Ärzte sollten das Risiko in dieser Zeit neu bewerten, um frühzeitig gegensteuern zu können, so die Kardiologin. Studie zeigt : Bei Frauen mit vorzeitigen Wechseljahren ist das Krebsrisiko deutlich erhöht Beschwerden vor der Menopause : Lässt sich der Beginn der Wechseljahre hinauszögern? Herzinfarkt und Herzschwäche zeigen sich bei Frauen anders Herzerkrankungen äußern sich bei Frauen häufig anders als bei Männern. Jüngere Frauen entwickeln laut der NYU-Kardiologin Harmony Reynolds nicht immer den klassischen Herzinfarkt durch ein verstopftes Gefäß. Stattdessen treten mitunter Gefäßkrämpfe, Erkrankungen der kleinen Herzgefäße oder eine spontane Koronardissektion auf. Dabei reißt die Innenwand eines Herzkranzgefäßes ein und es kommt zu einem Bluterguss in der Gefäßwand, der das Gefäß verengt. Solche Veränderungen erkennt die Standardbildgebung nicht immer sofort. "Frauen wird oft gesagt, ihre Symptome seien auf Angstzustände, Stress oder Magen-Darm-Probleme zurückzuführen", fügt Reynolds hinzu. "In vielen Fällen handelt es sich aber tatsächlich um ein Herzproblem." Auch die Herzschwäche zeigt sich bei Frauen anders. Sie entwickeln häufiger eine sogenannte Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF). Dabei pumpt das Herz normal, entspannt sich jedoch nicht ausreichend. Die Folgen sind Luftnot, Erschöpfung und verminderte Belastbarkeit, obwohl Ultraschallbilder oft unauffällig wirken. Sterberisiko älterer Frauen : Diese Trainingsform könnte die Lebenserwartung erhöhen Was können Medikamente und Wearables leisten? Cholesterinsenkende Statine gehören den Experten des NYU zufolge zu den wirksamsten Mitteln, um das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall zu senken. Trotzdem erhalten viele Frauen diese Medikamente nicht oder lehnen sie aus Sorge vor Nebenwirkungen ab. Warum diese Sorge meist unbegründet ist, haben Forscher kürzlich herausgefunden . Auch sogenannte GLP-1-Medikamente wie Ozempic verbessern Blutdruck-, Blutfett- und Stoffwechselwerte deutlich. Sie unterstützen die Prävention, ersetzen jedoch keine gesunde Lebensweise. Zudem tragen Smartwatches und andere Verbrauchergeräte zunehmend dazu bei, Herzrhythmusstörungen, Schlafapnoe , gefährliche Herzrhythmusaussetzer und Herzklappenerkrankungen zu erkennen. Aber auch sie sollten mit einer ärztlichen Begleitung genutzt werden, da die Flut der Daten sonst Stress und Angst bei Patienten auslösen können, so Hausvater. Was Frauen jetzt tun sollten Die Kardiologen raten Frauen dazu, die Früherkennung zu priorisieren und die eigenen Gesundheitswerte zu kennen: Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin. Frauen sollten außerdem ihre Schwangerschafts- und Zyklusgeschichte aktiv beim Arzt ansprechen. Anhaltende oder ungewöhnliche Beschwerden gehören immer abgeklärt, auch wenn sie unspezifisch wirken.