Hundertjährige: Was ihr Blut biologisch von anderen unterscheidet

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Nur wenige Menschen erreichen ein Alter von 100 Jahren. Eine Schweizer Studie liefert nun neue Hinweise darauf, was sie von anderen unterscheidet. Was macht Menschen außergewöhnlich langlebig? Dieser Frage widmet sich die erste große Schweizer Studie zu Hundertjährigen mit dem Namen "Swiss100". Forscher der Universität Genf und der Universität Lausanne untersuchten dafür die molekularen Besonderheiten im Blut sehr alter Menschen. Die Ergebnisse veröffentlichten sie nun im Fachjournal "Aging Cell". 724 Proteine im Vergleich Das Forschungsteam analysierte Blutproben von 39 Hundertjährigen im Alter zwischen 100 und 105 Jahren, von denen 85 Prozent Frauen waren. Zum Vergleich zog es 59 Achtzigjährige sowie 40 deutlich jüngere Erwachsene im Alter von 30 bis 60 Jahren heran. Die Wissenschaftler bestimmten 724 verschiedene Proteine im Blutserum. Das Blutserum ist die flüssige Komponente des Blutes ohne Blutzellen und ohne Gerinnungsfaktoren. Unter den untersuchten Eiweißen befanden sich 358 Entzündungsmarker und 366 Marker für Herz- und Gefäßerkrankungen – zwei Bereiche, die stark beeinflussen, wie gesund Menschen altern. Besonders auffällig: 37 dieser 724 Proteine, also rund 5 Prozent, zeigten bei den Hundertjährigen ein Profil, das dem der jüngsten Gruppe deutlich näherkam als dem der Achtzigjährigen. Die extrem Alten altern zwar, doch bestimmte zentrale Prozesse verlangsamen sich bei ihnen offenbar deutlich. Vitamin-D-Mangel vorbeugen: Diese Lebensmittel sollten Sie öfter essen Quecksilber: Jeder dritte Europäer isst zu viel belasteten Fisch Deutlich weniger oxidativer Stress Die klarsten Unterschiede fanden die Forscher bei fünf Proteinen, die mit oxidativem Stress zusammenhängen. Oxidativer Stress entsteht durch sogenannte freie Radikale. Das sind aggressive Sauerstoffmoleküle, die Zellen schädigen können. Sie entstehen unter anderem bei chronischen Entzündungen, wenn weiße Blutkörperchen Krankheitserreger bekämpfen. Auch defekte Mitochondrien – die "Kraftwerke" der Zellen – setzen vermehrt solche Moleküle frei. Bei Hundertjährigen lagen die Spiegel antioxidativer Proteine deutlich niedriger als bei hochbetagten Vergleichspersonen. Antioxidative Proteine neutralisieren freie Radikale. Die niedrigeren Werte deuten laut den Forschern darauf hin, dass bei Hundertjährigen insgesamt weniger oxidativer Stress entsteht. Ihr Körper muss daher weniger Abwehrstoffe produzieren. Stabiler Stoffwechsel und weniger Entzündungen Auch andere Eiweiße wirkten "jugendlich". Mehrere Proteine regulieren die sogenannte extrazelluläre Matrix. Sie bildet das Stütz- und Bindegewebe zwischen den Zellen und funktioniert wie ein "Zement", der Geweben Halt und Elastizität gibt. Bei Hundertjährigen zeigten diese Regulatoren ein günstigeres Muster. Einige Proteine, die bei vielen alten Menschen stark ansteigen und den Fettstoffwechsel beeinflussen, nahmen bei Hundertjährigen deutlich weniger zu. Gleiches galt für Interleukin-1 alpha. Dieses Protein steuert Entzündungsprozesse im Körper. Niedrigere Werte sprechen für weniger chronische Entzündungen. Ein weiteres zentrales Eiweiß ist DPP-4. Dieses Enzym baut das Hormon GLP-1 ab. GLP-1 regt die Ausschüttung von Insulin an und spielt eine wichtige Rolle bei modernen Medikamenten gegen Diabetes und Adipositas . DPP-4 blieb bei Hundertjährigen gut erhalten. Indem es GLP-1 abbaut, hält es den Insulinspiegel vergleichsweise niedrig. Das könnte vor Hyperinsulinismus, also dauerhaft erhöhten Insulinwerten, und dem sogenannten metabolischen Syndrom schützen. Das Fazit der Studienautoren lautet: Hundertjährige regulieren ihren Stoffwechsel besonders fein. Ihr Körper arbeitet effizient, ohne auf Hochtouren zu laufen. Lebensstil wichtiger als Gene Langfristig könnten die Ergebnisse neue Therapieansätze gegen Gebrechlichkeit im Alter ermöglichen. Die Forscher betonen jedoch, dass die genetische Veranlagung nur etwa 25 Prozent der Langlebigkeit erklärt. Lebensstilfaktoren spielen demnach eine deutlich größere Rolle. Wer sich ausgewogen ernährt, regelmäßig körperlich aktiv bleibt und Übergewicht vermeidet, unterstützt offenbar genau jene biologischen Mechanismen, die bei Hundertjährigen besonders stabil bleiben. Ein sehr hohes Alter scheint daher nicht nur eine Frage der Gene zu sein, sondern vor allem des Lebensstils.
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