Winzige Parasiten lösen eine Hauterkrankung aus, die weltweit vorkommt. Aus einem Grund kann sie schnell zu einer regelrechten Epidemie führen. Erst kitzelt und juckt es nur, dann sind Hautveränderungen zu bemerken – an Händen und Füßen, um die Brustwarzen, in den Achselhöhlen, den Ellenbeugen, im Nabel, rund um die rückwärtige Körperöffnung und schließlich in der Genitalregion. Spätestens ab hier gibt der dramatische Ausruf: "Ich krieg' die Krätze!" einen authentischen Vorgang wieder. Bei Säuglingen oder Kleinkindern sind nicht selten auch Gesicht und Fußsohlen befallen. Krätze oder Skabies ist wahrhaft international, auf der ganzen Welt verbreitet und kann Menschen in jedem Alter befallen. Sie entsteht, wenn winzige Parasiten, Milben, in der obersten Hautschicht kleine Kanäle anlegen, wo sie es sich so recht gemütlich machen: zur heftigen Vermehrung ihre Eier deponieren und Ausscheidungen hinterlassen, die das Immunsystem zu eben jenen juckenden Reaktionen provozieren. Den Milben wird es relativ leicht gemacht, beim Menschen Quartier zu nehmen. Körperliche Nähe reicht schon aus Das Hautleiden wirkt zwar schon durch den Begriff "Krätze" sozial stark stigmatisierend, ganz so, als rühre es von mangelnder Körperhygiene her oder sei ein Mitbringsel von gelegentlichen Ausflügen ins keimbelastete sexuelle Milieu. Beides ist zwar prinzipiell denkbar, aber keine notwendige Voraussetzung. Es reicht, Menschen körperlich nahe zu sein, die – wissentlich oder unwissentlich – mit der Infektion in Berührung kommen. Milben können zwar selten auch beim Bettenmachen oder etwa beim Anlegen einer Blutdruckmanschette in die Luft geschleudert werden, sofern ein Erkrankter dicht besiedelt ist. Und sie bleiben kleben, wo immer sie aufprallen. Alle mussten behandelt werden Das klingt erst einmal ganz harmlos, auf diese Weise kann es aber zu wahren Epidemien kommen – wie in einer Klinik, in der ich früher einmal gearbeitet habe: Ausnahmslos alle, vom Patienten bis zum Chefarzt, mussten behandelt werden. Ein halbes Jahr darauf tauchte ein älterer Herr mit unerklärlichen, juckenden Knötchen auf unserer Station auf. Mehrere Kortisontherapien blieben erfolglos. Er war uns kein Unbekannter: Der Mann war schon einmal hier Patient gewesen und just an dem Tag entlassen worden, als der "Patient Zero", der Patient also, der Auslöser der Krätze-Fälle gewesen war, in die Klinik eingeliefert wurde. Während wir auf der Station Kopf standen, um die Milben-Epidemie einzudämmen und alle zur Sicherheit behandelten, hatte der ahnungslos Entlassene die Abschiedsgabe mit in sein Seniorenheim genommen und dort wiederum Insassen und Personal angesteckt. Er litt seither unter einer unerkannten, sogenannten "gepflegten" Krätze. Ein Arzt erkennt den Befall Für das ungeübte Auge ähnelt der Krätzebefall anderen Hauterkrankungen wie etwa Neurodermitis , einem Ekzem oder einer Allergie. Der Arzt, der ein Dermatoskop zur Hand hat, das ist eine 10-fach vergrößernde Lupe zum Auflegen mit integrierter Beleuchtung, sieht da schon klarer – nämlich die Krätzemilben und/oder die von ihnen gegrabenen Kanäle. Die Erreger sind nur 0,3 bis 0,5 Millimeter groß. Mikroskopisch sind auch Proben vom Inhalt der unter unserer Haut verlaufenden Kanäle zu erkennen, also Kot, ebenso wie die Milben und ihre Eier – gewonnen zum Beispiel durch Abkratzen oder vorsichtiges Anritzen eines sichtbaren Gangs. Kommt die Krätze bei uns an, werden auf der Hautoberfläche die Weibchen von den Männchen befruchtet, wodurch sich das Leben der Männchen erfüllt hat und sie versterben. Der Tunnelbau und das Ablegen der Eier ist dann Weibchensache. Nach zwei bis drei Tagen schlüpfen die Larven, die in den Hautgängen bis zu acht Wochen überleben und ihre fröhliche Weitervermehrung betreiben können. Vorsicht vor dieser Variante Ist unser Immunsystem auf irgendeine Weise geschwächt, kann es zur sogenannten Borkenkrätze oder auch Scabies norvegica kommen. Der Name rührt daher: Er wurde historisch in Norwegen geprägt, wo diese besonders schwere, borkige, stark schuppende Form zuerst beschrieben wurde – damals verband man solche schweren Verläufe gern mit Armut, Kälte und Mangel. Während bei einer "gewöhnlichen" Krätze rund ein Dutzend Milben bei uns zu Gast sind, können es in diesem verschärften Fall Hunderte, ja Tausende sein. Ihre Präsenz zeigt sich auch entsprechend großflächig und geht über die üblicherweise befallenen Hautpartien weit hinaus. Der sonst quälende Juckreiz ist in solchen Fällen zwar oft etwas schwächer, dafür ist das Infektionsrisiko weitaus höher – Borkenkrätze ist schon durch kurzen Hautkontakt oder eben über infektiöse Schuppen an der Blutdruckmanschette oder im Staub übertragbar. Kinder sind besonders gefährdet Kinder, die sich oft in der Schule oder in Betreuungseinrichtungen mit Krätze anstecken, haben es besonders schwer: Natürlich sind sie impulsiv dabei, an juckenden Hautpartien zu kratzen – nicht ahnend, dass sie damit einen Kreislauf in Gang setzen; Kratzen bringt vielleicht für Sekunden Entspannung, verstärkt dann aber den Juckreiz ins Unerträgliche. Durch das Kratzen nehmen die Fingernägel infektiöses Material an der Haut auf und verteilen es weiter, während die aufgekratzten Körpergegenden als Einladung auch für andere Erreger wirken. Weil Kinder beim Spielen unbedachter und enger Körperkontakt haben, sind auch die Reisebedingungen für die Krätzemilben günstiger. Ein besonderes Problem bei Gemeinschaftsbetreuung oder -unterbringung besteht darin, dass beim Erkennen der Krätze nicht nur das direkt befallene Kind behandelt werden muss, sondern all seine Kontaktpersonen, auch wenn sie bislang symptomfrei sind. Das betrifft den Familienverbund, die Schulklasse oder etwa die Bewohner eines Seniorenheims und ihr Betreuungspersonal. Auch wir Ärzte behandelten uns damals flugs mit Ganzkörpereincremungen, denn jeder entwickelte ein erstes einzelnes Pickelchen am Unterarm. Nur der Chefarzt hielt sich zunächst für immun. Wochen später gab er jedoch zu, dass er Spezialtabletten genommen hatte, als er dann doch auch auf seiner Haut die Zeichen entdeckte. Diese Stoffe helfen Weil der quälende Juckreiz ohne Intervention weiter besteht oder sich sogar noch verschlimmert, muss Krätze therapiert werden. Diese Bemühungen sind erst abgeschlossen, wenn die Milben vernichtet sind, samt ihrer Larven und Eier. Dazu wird oft der Wirkstoff Permethrin (als Creme oder Lösung) auf den gesamten Körper aufgetragen, unter Auslassung der Gesichtspartien. Andere in Deutschland verwendete Wirkstoffe sind Benzylbenzoat oder Crotamiton. Solche Medikamente sind im wahrsten Sinne des Wortes Gift für die Milben und ihre Körperprodukte. Nach acht bis zwölf Stunden muss die Salbe eingehend abgewaschen werden, auf dass diese Behandlung in etwa zehn Tagen wiederholt werden kann. Weitere wirksame Hausmittel für die Selbstbehandlung gibt es leider nicht. Mit früher in Anwendung gebrachten Cremes oder Salben war die nötige Wirkung nicht zu erzielen. Deshalb sollte immer ein Arzt über den Verlauf und die Mittel der Behandlung entscheiden. Es lohnt sich, nach erfolgter Therapie die gereizte Haut mit einer Kortisonmilch nachzubehandeln, da der Juckreiz damit schneller abklingt und weniger allergische Symptome die Milben überdauern. Kleidung bei 60 Grad waschen Bewährt haben sich Tabletten mit dem Wirkstoff Ivermectin, einem Antiparasitikum, das die Parasiten abtötet. Nach etwa zwei Wochen muss diese Tablette ein weiteres Mal eingenommen werden. Begleitend wird empfohlen, ein erneutes Ausbrechen der Krätze durch Behandlung der mit der infizierten Haut in Kontakt gekommenen Textilien zu verhindern: Waschen bei 60 Grad tötet in der Kleidung verbliebene Milben. Sollte das nicht gehen, kann man die Kleidungsstücke auch für mindestens 48 Stunden in fest verschlossene Plastiktüten stecken. Wer besonders umsichtig ist, kann die Polstermöbel absaugen und etwa vier Tage nicht benutzen. In aller Regel kennt unser Immunsystem die Krätze-Erreger nach einer durchlebten Erkrankung. Bricht sie erneut aus, verspüren wir die Symptome schon nach kurzer Zeit und können wirksam gegensteuern. Manchmal verbleiben längere Zeit juckende Knoten, trotz der erfolgreichen Milbenvernichtung. Das Immunsystem ist immer noch auf Abwehr. Hier arbeitet man mit entzündungshemmenden Salben und rückfettender Pflege, bei hartnäckigen Knoten auch mit Kortison-Spritzen in die Knoten, oder sie werden selten chirurgisch entfernt. Egal, ob Sie das alles vielleicht gar nicht juckt – kommen Sie gesund durch die Zeit!