Einladung nur für starke Raucher? Das neue Früherkennungsprogramm für Lungenkrebs startet voraussichtlich im April – doch es könnte sehr viele Risikopatienten übersehen, warnen Experten. Lungenkrebs ist bei Männern und Frauen in Deutschland die zweithäufigste Krebsart. Raucher haben ein hohes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Daher hat der Gemeinsame Bundesausschuss für diese Personengruppe die Lungenkrebs-Früherkennung als neue Leistung der gesetzlichen Krankenkassen beschlossen . Der Start des Programms ist voraussichtlich im April 2026. Doch das neue Lungenkrebsscreening hat einen entscheidenden Haken, wie eine aktuelle Studie unter der Leitung der Berliner Charité zeigt: Es basiert auf zu simplen Auswahlkriterien. Wer zu jung ist oder weniger stark geraucht hat, wird nicht eingeladen. Jens Vogel-Claussen, Studienleiter und Direktor der Klinik für Radiologie der Charité Berlin erklärt in einer Mitteilung: "Unsere Daten zeigen, dass wir nach diesen Kriterien einige Menschen nicht erfassen, die ebenfalls ein hohes Lungenkrebsrisiko haben und vom Früherkennungsprogramm profitieren würden". Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift "The Lancet Onkology" veröffentlicht. Für wen die Früherkennung geplant ist Das Screening mittels Niedrigdosis-Computertomografie soll gesetzlich versicherten Raucherinnen und Rauchern (auch ehemaligen) zwischen 50 und 75 Jahren alle 12 Monate zur Verfügung gestellt werden. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn jemand viel und lange geraucht hat. Das heißt: Sie müssen seit mindestens 25 Jahren rauchen oder in der Vergangenheit mindestens 25 Jahre geraucht haben, wobei der Konsum dann weniger als 10 Jahre zurückliegen darf. Sie müssen so viel geraucht haben, dass der Konsum 15 sogenannten Packungsjahren entspricht. Ein Packungsjahr bedeutet, dass eine Person ein Jahr lang täglich etwa eine Packung Zigaretten geraucht hat. Das Screening richtet sich ausschließlich an Personen, die Zigaretten rauchen oder geraucht haben. Andere Tabakprodukte sind ausgeschlossen. Warnsignale ernst nehmen : Auf welche Lungenkrebs-Symptome Sie achten sollten Kaum bekannt: Jede zweite Klinik in Deutschland fällt durch ein wichtiges Kriterium Verschenktes Potenzial: 20 Prozent mehr Krebsfälle identifizierbar In der aktuellen Hanse-Studie testeten die Forscherinnen und Forscher zwei Auswahlverfahren miteinander: Das in Deutschland geplante basiert auf den sogenannten Nelson-Kriterien – Alter und Rauchhistorie entscheiden. Das zweite Modell, der sogenannte PLCOm2012-Score, berücksichtigt zusätzlich Faktoren wie Bildung, Körpergewicht (BMI), frühere Krebserkrankungen, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und familiäre Vorbelastung mit Lungenkrebs. Das Ergebnis: Mit dem umfassenderen Score entdeckten die Forschenden 19 Prozent mehr Lungenkrebsfälle. Statt 85 wie im Nelson-Modell wurden 108 Fälle erkannt – und das bei nur rund sechs Prozent mehr eingeladenen Teilnehmern. Für jede entdeckte Krebserkrankung mussten im PLCOm2012-Modell also deutlich weniger Menschen untersucht werden. Das macht das Screening nicht nur effektiver, sondern auch effizienter. Vor allem Frauen fallen durchs Raster Besonders auffällig: Das kommende Screening übersieht vor allem Frauen. Denn sie sind zwar häufiger von Lungenkrebs betroffen (2,6 Prozent im Vergleich zu 1,8 Prozent bei Männern), erfüllen aber oft nicht die Anforderungen des geplanten Kriterienkatalogs. Besonders wichtig ab 60 Jahren : Dieses Vitamin kann das Gehirn schützen Sabine Bohnet, Studienautorin und Leiterin des Lungenkrebszentrums am Campus Lübeck erklärt in einer Pressemitteilung: "Viele der Frauen in unserer Studie rauchen aktiv, haben über ihr Leben hinweg aber weniger Zigaretten geraucht als die Männer und erreichen damit nicht die aktuell geltende Einschlussschwelle." Außerdem hätten sie häufiger eine familiäre Lungenkrebsbelastung, eine eigene Krebsvorgeschichte oder eine COPD-Diagnose. Studienleiter Vogel-Claussen resümiert: "Unsere Studie hat gezeigt, dass es möglich, aber auch nötig ist, die Einschlusskriterien basierend auf den Ergebnissen der Hanse-Studie zu ändern. Sonst übersehen wir wichtige Risikogruppen."