MS führt zu einem Leben im Rollstuhl: Diese Annahme ist verbreitet, aber falsch – wie viele andere auch. Wir räumen mit sieben häufigen Irrtümern auf. Über zwei Millionen Menschen weltweit sind an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Die Mehrzahl der Betroffenen ist europäischer Herkunft oder Abstammung und bewohnt Regionen mit gemäßigtem Klima. In Deutschland lebten im Jahr 2019 etwa 280.000 Menschen mit MS – deutlich mehr als noch einige Jahre zuvor. Heilbar ist Multiple Sklerose bislang nicht. Welche Symptome die Erkrankung verursacht, wie sie verläuft und wie gut ihre Therapie wirkt, ist individuell sehr unterschiedlich und kaum vorauszusehen. Das mag ein Grund dafür sein, dass zahlreiche Vorurteile und Falschinformationen über MS im Umlauf sind. Im Folgenden erfahren Sie, was es mit einigen gängigen Fehleinschätzungen auf sich hat. Irrtum 1: Wer MS hat, landet irgendwann im Rollstuhl Was stimmt, ist: Multiple Sklerose kann unter anderem Muskellähmungen, Koordinations-, Geh- und Gleichgewichtsstörungen verursachen und zu zunehmender Behinderung führen. Dabei ist die Gehfähigkeit mitunter mehr oder minder eingeschränkt. Manche Betroffene können irgendwann auch gar nicht mehr gehen und benötigen einen Rollstuhl, um sich selbstständig oder mit Unterstützung fortzubewegen. So weit kommt es allerdings nicht zwangsläufig. Multiple Sklerose zu kontrollieren und somit ihren Verlauf abzubremsen, gelingt mittlerweile oft deutlich besser als noch vor wenigen Jahrzehnten. Insgesamt verläuft die Erkrankung bei einem Drittel der Betroffenen zeitlebens günstig. Die restlichen Betroffenen müssen zwar mit Behinderungen rechnen, haben aber gute Chancen, selbstständig zu bleiben. So können über 90 Prozent der Menschen mit MS 10 bis 16 Jahre nach Beginn ihrer Erkrankung weiterhin ohne Hilfe gehen. Nach 25-jähriger Krankheitsdauer sind etwa 65 Prozent der Betroffenen gehfähig, nach 30 Jahren immerhin noch über 60 Prozent. Nur vereinzelt hat Multiple Sklerose binnen weniger Jahre eine schwere Behinderung zur Folge. Irrtum 2: MS ist so etwas wie Muskelschwund Fakt ist: Menschen mit Multipler Sklerose entwickeln häufig eine Muskelschwäche, etwa in den Armen oder Beinen. Dies kann sich durch Störungen in den Bewegungsabläufen bemerkbar machen – bis hin zu Lähmungserscheinungen. Oft sind die betroffenen Muskeln aufgrund einer erhöhten Muskelspannung (Spastik) steif und verkrampft, was teils mit Schmerzen verbunden ist. Dahinter steckt aber kein Muskelschwund (Fachbegriff: Muskelatrophie), sondern eine Nervenschädigung: Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS = Gehirn und Rückenmark). Dabei zerstört das körpereigene Immunsystem über mehrere Stellen verstreut Nervengewebe, sodass Signale aus dem ZNS nicht korrekt oder überhaupt nicht mehr bei den Muskeln ankommen. Das ist der Grund für die erhöhte Muskelspannung und die Muskelschwäche. Mehr erfahren: Welche Rolle die Darmflora bei MS spielt Irrtum 3: MS verläuft immer in Schüben Zumindest zu Beginn verläuft Multiple Sklerose in der Tat überwiegend (nämlich in bis zu 90 Prozent der Fälle) schubförmig. Von einem Schub sprechen Fachleute, wenn neue MS-Symptome auftreten oder sich bereits bekannte MS-Symptome deutlich verschlechtern und dieser Zustand mindestens 24 Stunden lang andauert, bevor sich die Symptome mehr oder minder gut zurückbilden. Bis zum nächsten Schub vergehen dann mindestens 30 Tage, mitunter sind es auch Jahre. Fachleute bezeichnen diese Verlaufsform als schubförmig remittierend (das heißt: vorübergehend nachlassend). Ohne Behandlung haben die Betroffenen anfangs durchschnittlich etwa zwei MS-Schübe pro Jahr, im weiteren Krankheitsverlauf aber weniger. Jeder MS-Schub ist mit Funktionsausfällen verbunden. Das können unter anderem eine Blasenschwäche, ein unsicherer Gang, das Gefühl körperlicher und psychischer Kraftlosigkeit, Konzentrationsprobleme, Sehstörungen und/oder nachlassende Lust auf Sex sein. Ursache sind die Nervenschädigungen, die im Verlauf der Erkrankung zunehmen. Statt in Schüben kann Multiple Sklerose aber auch progredient (das heißt: fortschreitend) verlaufen: Dann verstärken sich die Symptome überwiegend langsam, aber stetig. Diese Verlaufsform entsteht meist aus einer ursprünglich schubförmigen MS. In einigen Fällen schreitet die Erkrankung aber auch von Anfang an langsam fort, ohne dass zwischenzeitlich eine Besserung eintritt. Mehr erfahren : Diese Symptome sind für Multiple Sklerose typisch Irrtum 4: Multiple Sklerose ist eine Erbkrankheit Tatsächlich ist die genaue Ursache der Multiplen Sklerose bislang unklar. Bekannt ist, dass das Immunsystem der Betroffenen fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift – genauer: die Zellen, die im zentralen Nervensystem die Nervenfasern umhüllen. Daher gilt MS als eine Autoimmunerkrankung. Mehr erfahren : Welche Ursachen hinter MS stecken können Allerdings zählt die erblich bedingte Veranlagung eines Menschen zu den Risikofaktoren, welche die Entstehung von Multipler Sklerose begünstigen. So tritt die Erkrankung in einigen Familien gehäuft auf. Zudem haben nahe Verwandte von Betroffenen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko: Bei Kindern von Menschen mit MS beträgt das Risiko 2 Prozent. Bei Geschwistern von Menschen mit MS beträgt das Risiko 5 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung liegt das Risiko etwa bei 0,3 Prozent. Vererbbar ist Multiple Sklerose jedoch nicht. Irrtum 5: Eine Schwangerschaft mit MS ist gefährlich Multiple Sklerose beeinträchtigt weder die Fruchtbarkeit, noch wirkt sie sich negativ auf die Schwangerschaft und Geburt aus: Beides verläuft für gewöhnlich komplikationslos. Frauen mit Kinderwunsch sollten jedoch vorzugsweise versuchen, in einer Phase geringer Krankheitsaktivität schwanger zu werden, weil dann das Risiko für Schübe in der Schwangerschaft geringer ist. Auch umgekehrt gilt: Eine Schwangerschaft hat keinen negativen Einfluss auf den langfristigen Verlauf von Multipler Sklerose. Oft sinkt die Häufigkeit von MS-Schüben während einer Schwangerschaft sogar. Nach der Geburt steigt die Schubrate jedoch wieder an. Fazit: Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, mit Multipler Sklerose Kinder zu bekommen. Allerdings bringen die Familienplanung, die Schwangerschaft und die Stillzeit zahlreiche Besonderheiten und Einschränkungen bei der MS-Behandlung mit sich, die es zu beachten gilt. Betroffene mit Kinderwunsch lassen sich daher am besten in einem MS-Schwerpunktzentrum beraten. Irrtum 6: Menschen mit MS profitieren von einer speziellen Diät In den Medien sind zahlreiche Diskussionen und Erfahrungsberichte zu finden, in denen es um die angeblich positive Wirkung bestimmter Diäten oder einzelner Nährstoffe auf Multiple Sklerose geht. Bislang gibt es jedoch keine einzige spezielle Ernährungs- oder Diätform, für die ein solcher Effekt hinreichend wissenschaftlich belegt ist. Stattdessen ergeben sich immer mehr Hinweise darauf, dass eher die Ernährungsweise insgesamt die Symptome und den Verlauf von MS beeinflussen könnten. Diese Wirkung kommt womöglich über ernährungsbedingte Begleiterkrankungen (wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht oder Adipositas) zustande. Daher ist für Menschen mit MS dieselbe Ernährung wie für die Allgemeinbevölkerung empfehlenswert: eine ausgewogene, pflanzenbetonte Kost, die förderlich für die Herz-Kreislauf-Gesundheit ist. Wer sich an die folgenden Ernährungstipps hält, ist dabei bereits auf einem guten Weg: am besten Wasser trinken viel unterschiedliches Gemüse und Obst essen regelmäßig Hülsenfrüchte und Nüsse essen Weißmehl- durch Vollkornprodukte ersetzen pflanzliche Öle bevorzugen täglich Milch und Milchprodukte in Maßen verzehren jede Woche Fisch auf den Speiseplan setzen den Konsum von Fleisch und Wurst einschränken auf Süßes, Salziges und Fettiges lieber verzichten Irrtum 7: Bei MS ist Sport nicht ratsam Wärme kann Multiple Sklerose nicht verschlimmern, aber ihre Symptome vorübergehend verstärken. Daher fühlen sich viele Betroffene etwa bei warmem Wetter , nach einem heißen Bad oder bei einer fieberhaften Erkrankung schlechter. Körperliche Aktivität kann wegen der dabei steigenden Körpertemperatur denselben Effekt haben. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass manche Menschen Sport bei MS für wenig ratsam halten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Bei Multipler Sklerose sind regelmäßige körperliche Aktivität sowie Kraft- und Ausdauertraining ausdrücklich empfehlenswert, um die Beweglichkeit und die Fitness möglichst lange zu erhalten. Sich sportlich zu betätigen, solange die Krankheit es zulässt, verbessert somit die Lebensqualität, aber auch die kognitiven Funktionen und die Lebenserwartung. Welche Arten von körperlicher Aktivität und Sport für Menschen mit MS geeignet sind, besprechen die Betroffenen am besten mit ihrer Fachärztin oder ihrem Facharzt für Neurologie.