Viele Menschen in Deutschland benötigen dringend neue Organe, doch es gibt zu wenige. Eine neue Regelung könnte dies ändern. Über 8.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan. Doch die Zahl der gespendeten Lungen, Lebern oder Nieren reicht bei Weitem nicht aus. Eine Studie der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Zusammenarbeit mit Eurotransplant zeigt nun einen möglichen Weg auf, wie sich die Zahl verfügbarer Organe erhöhen ließe. Deutschland hinkt anderen Ländern hinterher In Deutschland gilt bislang: Eine Organspende ist nur möglich, wenn der sogenannte irreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt wurde, umgangssprachlich auch Hirntod genannt. Andere Länder erlauben derweil eine Organspende auch nach dem endgültigen Herz-Kreislaufstillstand (HKS-Spende). Dabei tritt der Tod nicht zuerst durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern weil auf der Intensivstation die Behandlung auf Wunsch des Patienten endet, beispielsweise indem die künstliche Beatmung eingestellt wird. Dies kann erwünscht sein, wenn die Therapieaussichten sehr schlecht sind und der Patient nicht weiter leiden möchte. Die Einstellung der Therapie führt schließlich zum Ausfall des Herz-Kreislaufsystems. Nach einer festgelegten Wartezeit, die den Tod eindeutig bestätigt, ist dann eine Organspende möglich. Studie zeigt großes Potenzial Die CAU-Studie zeigt: Durch die Einführung der HKS-Spende auch in Deutschland ließe sich die Zahl verfügbarer Spenderorgane "deutlich erhöhen", schreibt die Universität Kiel in einer Pressemitteilung. Wie stark der Effekt ausfallen würde, hängt von den organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Die größten Zugewinne wären bei einer Orientierung am spanischen Modell zu erwarten. Nach diesem hätte die Zahl an Spenderlebern im Jahr 2023 um 384 höher gelegen, die Zahl der möglichen Nierentransplantationen wäre gar um 1.186 gestiegen. Lunge, Darm und Co.: Organspende: Welche Organe kann man spenden? Leben retten: Organspender werden: Was sind die Voraussetzungen? Spanien gilt international führend bei Organspenden. So kamen im Jahr 2024 52,6 Spender auf eine Million Einwohner, ein Wert, der weltweit unerreicht ist. In Deutschland liegt die Quote mit 11,4 Organspendern deutlich niedriger. Die hohe Spenderquote in Spanien liegt zum einen in der hohen Akzeptanz in der Bevölkerung begründet, gleichzeitig sind die Krankenhäuser besser koordiniert und stellen speziell geschultes Personal ab. Doch auch andere Modelle würden zu mehr Organspenden führen, ermittelten die Forscher. So brächte eine Orientierung am Schweizer Modell rund 35 Prozent mehr Leber- und 60 Prozent mehr Nierentransplantationen. Beim tschechischen Modell läge das Plus indes bei 10 Prozent für Leber- und rund 30 Prozent für Nierentransplantationen. "Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht", erklärt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Fakultät der Kieler Universität. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet." HKS-Spende allein reicht nicht aus Die Studie zeigt aber auch, dass die bloße Einführung der HKS-Spende nicht ausreicht. Entscheidend seien zudem weitere umfangreiche Maßnahmen, wie eine verbesserte Identifizierung möglicher Spender in den Kliniken, standardisierte Abläufe, eine gezielte Schulung von Fachpersonal sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der Akzeptanz. In Deutschland haben im vergangenen Jahr insgesamt 985 Menschen ein oder mehrere Organe gespendet. Rund 3.000 Organe konnten so laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) transplantiert werden. Um diese Zahlen zu steigern, wird diskutiert, eine Widerspruchsregelung einzuführen. Nach dieser gilt jeder Mensch als potenzieller Organspender, wenn er zu Lebzeiten nicht explizit widersprochen hat. Mit ihrer Studie wollen deren Autoren nun eine weitere Option aufzeigen, über die nun diskutiert werden könne.