Im Notfall müssen häufig Familienmitglieder entscheiden, welche medizinischen Eingriffe vorgenommen werden sollen. Nicht immer entspricht das dem Wunsch der Erkrankten. Ob Herzinfarkt, Schlaganfall oder Unfall: Ein Notfall kann jeden unerwartet treffen. Häufig stellen sich im Anschluss entscheidende Fragen, die der Patient selbst nicht mehr beantworten kann: Soll er künstlich ernährt werden, auch wenn die Wiedererlangung des Bewusstseins unrealistisch ist? Wann möchte der Patient künstlich beatmet werden? Ist er bereit, Schmerzen zu ertragen, wenn so das Leben verlängert werden kann? Wichtige Fragen, die häufig von den Angehörigen beantwortet werden müssen. "Viele Notfall- und Intensivpatienten können aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung ihre Wünsche zu Behandlung, Therapiezielen und erwarteter Lebensqualität nicht kommunizieren, sodass wir Ärzte darüber mit den Angehörigen sprechen müssen", sagt Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Angehörige schätzen Wünsche falsch ein Doch nicht immer schätzen die Angehörigen die Wünsche der Patienten richtig ein. Das zeigt eine aktuelle Studie eines Forschungsteams rund um Kluge. Hierfür wurden insgesamt 105 Patienten, denen die Verlegung auf eine Intensivstation bevorstand, sowie deren Angehörigen getrennt voneinander befragt. Die Patienten mussten beantworten, welchen Therapien sie ihre Zustimmung geben würden. Die Angehörigen wiederum sollten einschätzen, was sich die Patienten für eine Behandlung wünschen – und welchen Therapien sie für sich selbst zustimmen würden. Das Ergebnis: In fast jedem fünften Fall lagen der vermutete und der tatsächliche Patientenwille auseinander. Zwischen den einzelnen vorgeschlagenen Maßnahmen gab es dabei große Unterschiede: Während bei der Frage nach der Mindestlebensqualität große Übereinstimmung (86,4 Prozent) herrschte, schätzten beim Einsatz eines Kunstherzens nur wenige Angehörige (56,2 Prozent) den Wunsch der Patienten richtig ein. Interessant dabei: Je ähnlicher sich der Patientenwille und der Wunsch der Angehörigen für sich selbst waren, desto eher entschieden die Angehörigen richtig. Der Verdacht liege nahe, dass Angehörige in existenziellen Krisen nicht den mutmaßlichen Willen der Patienten rekonstruieren, sondern unbewusst ihre eigenen Wertvorstellungen auf den Patienten projizieren. Gefahr der Überversorgung Die Studie zeigt laut Uwe Janssen, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler , vor allem, dass die Angehörigen eher zu viel als zu wenig Therapie forderten. "Die Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen, die Hoffnung auf ein medizinisches Wunder sowie eine häufige Überschätzung der tatsächlichen Behandlungsmöglichkeiten der modernen Intensivmedizin führt dazu, dass Angehörige lebenserhaltende Maßnahmen befürworten, die der Patient selbst abgelehnt hätte", sagte Janssen dem Science Media Center. So hatten in der aktuellen Studie 16,2 Prozent der Angehörigen eine Fortführung der Intensivtherapie gefordert, obwohl der Patient bei nicht erreichbarer Lebensqualität deren Beendigung gewünscht hätte. "Das eigentliche Risiko ist damit nicht die Unterversorgung, sondern die Überversorgung: leidverlängernde, invasive Maßnahmen, die dem eigentlichen Willen des Patienten widersprechen und die Würde am Lebensende gefährden", so Janssen. Die Abweichungen zwischen den Wünschen der Erkrankten und deren Angehörigen liegen nach Auffassung der UKE-Forschenden um Kluge an einem Mangel an Kommunikation. So hatten nur rund die Hälfte der befragten Patienten-Angehörigen-Paare zuvor über diese Themen gesprochen. Warum eine Patientenverfügung nicht immer reicht Laut den Forschern verbesserte auch das Vorliegen einer Patientenverfügung die Einschätzung des Patientenwillens nicht wesentlich. Mögliche Ursachen hierfür seien unzureichende Kenntnisse über deren Inhalt oder sich verändernde Wünsche der Erkrankten. Janssen rät dabei, nicht über einzelne medizinische Maßnahmen, wie Beatmung oder Reanimation, zu sprechen, sondern über übergeordnete Lebensqualitätsziele. "Was macht das Leben für mich lebenswert? Welche Einschränkungen – etwa dauerhafte Pflegebedürftigkeit oder Verlust der Kommunikationsfähigkeit – wären für mich absolut inakzeptabel", nennt Janssen konkrete Beispiele. Eine Patientenverfügung isoliert mithilfe von Standardformularen aus dem Internet auszufüllen, sei nicht hilfreich, so der Mediziner. Stattdessen rät er zum sogenannten Advance Care Planning, auf Deutsch besser bekannt unter "Behandlung im Voraus planen". Dabei erarbeiten Patienten zusammen mit Angehörigen und geschulten Fachkräften in einem moderierten Gespräch, was ihnen wichtig ist und wovor sie Angst haben. Auf diese Weise könnten Unsicherheiten auch bei den Angehörigen abgebaut und diese besser auf ihre spätere Rolle als "Stellvertreter" vorbereitet werden. Auch die UKE-Forscher raten dazu, das Thema frühzeitig mit Angehörigen zu besprechen. Letztlich sei Kommunikation über den Patientenwillen deutlich wichtiger als dessen Verschriftlichung.