Der alpine Skisport steht vor einem packenden Saisonfinale. Die Deutsche Emma Aicher ist mittendrin und kann Geschichte schreiben. Bei den Olympischen Winterspielen hat sich Emma Aicher bereits als eine der positiven Überraschungen des deutschen Teams hervorgetan: Die 22-jährige Skirennläuferin begeisterte im Norden Italiens mit starken Auftritten und holte zweimal Silber. Beim Weltcup winkt ihr nun sogar der erste Platz in der Gesamtwertung. Um die begehrte Kristallkugel zu gewinnen, muss sie sich gegen keine Geringere als Superstar und Olympiasiegerin Mikaela Shiffrin durchsetzen. In Lillehammer stehen von Samstag bis Mittwoch die letzten vier Rennen der Saison an, jede Disziplin wird noch einmal ausgetragen: Abfahrt, Super-G, Slalom und Riesenslalom . Aicher liegt vor dem Schlussspurt 140 Punkte hinter der US-Amerikanerin, die als eine der besten Skifahrerinnen der Geschichte gilt. Die Deutsche aber hat einen großen Vorteil: Als Allrounderin geht sie nicht nur in allen Disziplinen an den Start, sie hat auch jeweils realistische Chancen auf gute Platzierungen. Aicher holt in Shiffrins Paradedisziplin auf In der Gesamtwertung der Abfahrt ist Aicher derzeit Zweite, im Super-G Dritte. Shiffrin tritt in beiden Wettbewerben in der Regel nicht an, im Optimalfall könnte die Deutsche durch zwei Siege also 200 Punkte im Kampf um den Gesamtsieg gutmachen. Shiffrin ist sich dieses Vorteils ihrer Verfolgerin bewusst, hat sich aber dennoch gegen eine Teilnahme an der letzten Abfahrt der Saison entschieden, wie sie am Donnerstag via X mitteilte. Dafür geht sie in Norwegen beim Super-G an den Start. Ex-Profi Viktoria Rebensburg erwartet in der Disziplin aber keine herausragende Leistung des US-Superstars. "Da rechne ich ihr nicht die allergrößten Chancen auf ein Topergebnis aus. Emmas Chancen sind also sehr groß", gab die Olympiasiegerin im Gespräch mit Eurosport ihre Einschätzung ab. Im Slalom, Shiffrins Paradedisziplin, sowie im Riesenslalom konnte die Deutsche zuletzt bestens mithalten. Im schwedischen Åre landete sie als Zweite einmal direkt hinter und als Vierte einmal direkt vor ihrer Konkurrentin. Bestätigt Aicher diese Leistungen, hat sie den Gesamtsieg über die anderen beiden Läufe wohl selbst in der Hand. Aicher trotz eines möglichen Rekords entspannt Es wäre ein historischer Triumph. Nicht nur, weil Aicher dann zum ersten Mal den Gesamtweltcup gewinnen würde, sondern weil sie auch die jüngste Deutsche wäre, der dieses Kunststück gelingt. Die bisherigen DSV-Siegerinnen Rosi Mittermaier (1976), Katja Seizinger (1996 und 1998) sowie Maria Riesch (2011) waren allesamt älter. Die 22-Jährige lässt sich davon aber nicht unter Druck setzen. "Eigentlich ist es egal, wie es ausgeht. Ich möchte mich auf die Rennen konzentrieren, Spaß haben und werde nicht an Kugeln oder in Was-wäre-wenn-Szenarien denken", gab sie sich laut dpa entspannt. Ihr Trainer, Andreas Puelacher, geht es offensiver an: "Jetzt wollen wir die Kugel holen. Wenn man mal so eine Chance hat, dann will man sie ergreifen." Dass Aicher als Allrounderin irgendwann die Chance haben würde, ganz oben mitzumischen, war dem DSV-Team schon lange klar. 2020 überzeugten die Verantwortlichen das Skitalent von einem Verbandswechsel, bis dahin war sie für Schweden angetreten. Aicher hat eine schwedische Mutter und einen deutschen Vater, ist in Sundsvall aufgewachsen. Die besseren Trainingsbedingungen haben sie schließlich dazu bewogen, ins deutsche Team zu wechseln. Kvitfjell und die besondere Bedeutung für Aicher Kurz nach dem Verbandswechsel durfte sie noch als Teenagerin zur Weltmeisterschaft, holte mit dem Team direkt Bronze. Im Weltcup deutete Aicher anschließend ihr Talent an, mischte in der Gesamtwertung aber noch nicht um die vorderen Plätze mit. Das hat sich in dieser Saison geändert. "Vor einem Jahr war ich noch nirgends im Vergleich. Ich bin schon sehr stolz, dass das so ist", ordnete sie im Gespräch mit dem ORF ihre eigene Entwicklung ein. "Dass ich hier stehen und sagen kann, dass ich im Kampf dabei bin, das ist schon riesig für mich." Die Entscheidung fällt in den kommenden Tagen in Norwegen, genauer gesagt in Kvitfjell. Das Skigebiet rund 50 Kilometer nördlich von Lillehammer war aus deutscher Sicht schon einmal ein gutes Pflaster. Katja Seizinger und Markus Wasmeier fuhren dort 1994 zu olympischem Gold. Und Aicher selbst feierte in Kvitfjell vor einem Jahr ihren ersten Sieg bei einem Weltcuprennen. Rebensburg sieht genau darin einen weiteren Vorteil für die Deutsche. "Es spielt eine sehr große Rolle, wenn du dort schon einmal gut gefahren bist", sagte sie. "Es spielt Emma in die Karten, dass das Finale im hohen Norden, also ihrer Heimat, stattfindet. Man hat bereits in Åre gesehen, dass Emma sich in der Gegend wohlfühlt." In Schweden erfreute sie sich der großen Unterstützung von Freunden und Bekannten, in Norwegen dürfte es nun ob der historischen Chance kaum anders sein. Den Respekt der Skiwelt hat sie sich in jedem Fall schon vor dem Showdown erarbeitet. "Um ehrlich zu sein", sagte Superstar Shiffrin über einen möglichen Triumph ihrer jungen Verfolgerin, "sie verdient das wirklich."