Unfruchtbare Männer erkranken laut einer neuen Studie häufiger an Darm- und Schilddrüsenkrebs. Was bedeutet das für Betroffene? Paare mit unerfülltem Kinderwunsch können heute verschiedene medizinische Möglichkeiten nutzen, um doch noch eine Schwangerschaft herbeizuführen. Das löst sich aber nicht zwangsläufig die Ursache des Problems: Hinter Unfruchtbarkeit können verschiedene gesundheitliche Beeinträchtigungen stecken, sowohl bei der Frau als auch beim Mann. Eine neue Studie aus Schweden legt nun nahe, dass männliche Unfruchtbarkeit mit einem erhöhten Risiko für zwei Krebsarten zusammenhängen könnte: Darm- und Schilddrüsenkrebs. Daten von über einer Million Männern ausgewertet Die Forscher analysierten Daten von mehr als 1,1 Millionen schwedischen Männern, die zwischen 1994 und 2014 zum ersten Mal Vater geworden waren. Für rund 14.500 von ihnen interessierte sich das Team besonders: Diese Männer hatten eine sogenannte ICSI-Behandlung in Anspruch nehmen müssen, um ein Kind zu bekommen. Die ICSI wird in der Regel bei schweren männlichen Fruchtbarkeitsproblemen eingesetzt – etwa bei einer sehr geringen Spermienzahl oder schlecht beweglichen Spermien. Bei Männern, die diese Methode nutzen, ist daher meist von einer stark eingeschränkten Fruchtbarkeit auszugehen. Genau diese Gruppe wollten die Wissenschaftler in den Blick nehmen, um ihre Forschungsfrage zu klären: Geht Unfruchtbarkeit mit einem erhöhten Risiko für andere Erkrankungen einher? Um das zu klären, glich das Team die Daten der Männer mit dem schwedischen Krebsregister ab. Dabei zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang: Männer, die mithilfe von ICSI Vater geworden waren, erkrankten später häufiger an Darm- und Schilddrüsenkrebs als Männer, die auf natürlichem Weg ein Kind bekommen hatten. Das relative Risiko für Darmkrebs war demnach fast doppelt so hoch, für Schilddrüsenkrebs etwa dreimal so hoch. Solche Zahlen können zunächst beunruhigend wirken – vor allem, wenn man das absolute Risiko nicht kennt. Tatsächlich ist dieses jedoch gering: Schilddrüsenkrebs kommt insgesamt selten vor. Darmkrebs gehört zwar insgesamt zu den häufigsten Krebsarten, tritt jedoch meist erst im höheren Alter auf. Für Männer im fortpflanzungsfähigen Alter bleibt das Risiko daher insgesamt niedrig, selbst wenn es sich verdoppelt oder verdreifacht. In der Studie entwickelten insgesamt nur wenige der Männer Darm- oder Schilddrüsenkrebs. Sollten unfruchtbare Männer früher an Krebsvorsorge denken? Aus Sicht der Forscher bieten die neuen Erkenntnisse vor allem eine Chance für eine bessere Gesundheitsvorsorge. Der Reproduktionsmediziner und Mitautor Angel Elenkov kritisiert in einer Pressemitteilung, wie aktuell mit Männern, die eine Fruchtbarkeitsuntersuchung machen lassen, umgegangen wird: "Ziel ist es, ihnen zu helfen, Vater zu werden – danach wird ihre Gesundheit nicht weiter beobachtet." Dabei ließen sich Darm- und Schilddrüsenkrebs durch frühe Vorsorgeuntersuchungen verhindern. Aus der neuen Studie lässt sich trotzdem keine direkte Empfehlung für frühere Krebs-Screenings ableiten. Dazu müssten noch weitere Fragen geklärt werden. Unter anderem müssten Studien ergründen, ob männliche Unfruchtbarkeit selbst ein Risikofaktor für Krebs ist oder beide Probleme auf gemeinsame Ursachen zurückgehen. Wenn Mann nicht kann: Potenzprobleme können psychisch bedingt sein Nicht nur Frauensache: Warum Östrogen auch für Männer wichtig ist So könnten Unfruchtbarkeit und Krebs zusammenhängen Glaubt man der Interpretation der Studienautoren, könnte männliche Unfruchtbarkeit als frühes Warnsignal – also als biologischer Marker – für die allgemeine Gesundheit dienen. Dafür sprechen auch frühere Untersuchungen, in denen ein Zusammenhang zwischen Unfruchtbarkeit und einem erhöhten Risiko für Hoden- und Prostatakrebs nachgewiesen wurde. Eine genaue Erklärung gibt es dafür bislang nicht. Elenkov erklärt: "Die Fortpflanzungsfähigkeit hängt mit der genetischen Ausstattung eines Menschen zusammen. Eine Theorie besagt, dass, wenn auf genetischer Ebene etwas schiefläuft – was sich zum Beispiel in einer verminderten Spermienqualität äußern kann –, auch andere Systeme im Körper betroffen sein könnten und damit das Krankheitsrisiko steigt." Außerdem ist eine schlechte Spermienqualität mitunter ein Hinweis auf einen ungesunden Lebensstil oder dadurch ausgelöste Krankheiten. Übergewicht, Rauchen, Alkoholkonsum und Bewegungsmangel stehen damit in Verbindung. Auch solche Faktoren könnten den Zusammenhang teilweise beeinflussen. All das sind aber nur Vermutungen.