Langsam gehen statt hetzen – das ist das Prinzip des Tai Chi Walking. Warum die alte chinesische Praxis auch im Westen immer mehr Anhänger findet. Geht unser Blick heutzutage bewundernd oder verstohlen nach China , gucken wir meist auf ökonomische Kennziffern, Wachstumsprognosen oder Weltmarktaussichten. Dabei haben das Land oder besonders seine Kultur uns noch viel, viel mehr zu sagen. Bislang interessiert uns das allerdings oft nur, wenn uns das Gefühl beschleicht, in unserem Leben in der westlichen Zivilisation an irgendwelche Grenzen zu stoßen. So nimmt das Interesse an Traditioneller Chinesischer Medizin beständig zu, aber auch Geschichte und Philosophie liefern – mitunter sogar alltagstauglich – manche Anregung, um dem Stress der Arbeitswelt und dem ständigen Drang nach Selbstoptimierung standzuhalten. Waren Menschen, die auf Wiesen oder am Strand, vielleicht auf nur einem Bein stehend, langsam weit ausholende Bewegungen vollführen, noch vor Jahren belächelte Sonderlinge, wissen wir längst, was es mit dem Tai Chi auf sich hat. Blockaden werden gelöst Dem Daoismus, der die philosophische Grundlage für Tai Chi ist und dessen Ursprünge im China vor dem 4. Jahrhundert vermutet werden (vor Christus, versteht sich) ging es um die Harmonisierung von Körper und Geist. Diese sollte sich auch in den Bewegungen ausdrücken, um ein Gleichgewicht zwischen Yin und Yang herzustellen, zwei Kräfte, die einander entgegengesetzt und sich doch aufeinander beziehen – als Grundlagen für Ausgeglichenheit und Gesundheit. Wer andere beim Tai Chi beobachtet oder es vielleicht selbst praktiziert, wird kaum glauben, dass die ausgewogenen, fließenden, zuweilen beinahe tänzerischen Bewegungen sich ausgerechnet aus einer Kampfkunst zur Selbstverteidigung und zur körperlichen und geistigen Stärkung entwickelt haben. Kampfkunst ist in unseren Breiten nun mal eindeutig anders besetzt. Hier aber geht es um einen Weg zur Entwicklung der Lebensenergie – des Qi. Die Übungen vertiefen die Atmung und dienen dazu, sich der Verbindung von Körper und Geist bewusst zu werden. Sie lösen auch Blockaden. Seit Generationen verbreitet In diesem Zusammenhang ist in letzter Zeit auch öfter vom Tai Chi Walking die Rede – als Übung für die achtsame Fortbewegung, als eine Art Gehmeditation. Hierbei kommt es darauf an, tägliche Wege im Beruf oder in der Freizeit nicht in gehetztem Sturmschritt zu absolvieren, sondern mit langsamen, kontrollierten Bewegungen, um bei tiefer Atmung seine körperliche Balance und Beweglichkeit zu fördern. Die Traditionelle Chinesische Medizin folgt nämlich der Vorstellung, dass innere Ruhe und regelmäßige Bewegung Krankheiten vorbeugen können, weil sie den Energiefluss in unserem Körper verbessern. Deshalb gilt Tai Chi Walking in China seit Generationen als wichtiges Element der ganzheitlichen Gesundheitskultur. In der Tat stimuliert es das körperliche wie geistige Wohlbefinden. Die Vorteile für Balance und Koordination liegen auf der Hand. Eine Frage der Reaktionsfähigkeit Unlängst beobachtete ich in der S-Bahn ein älteres Paar, das unauffällig, aber mit einigem Spaß im Gang stand und versuchte, das Rumpeln des Zuges nur durch Verlagerung des Körpergewichts auszugleichen, ohne sich mit den Händen festzuhalten. Falls das nicht die Erfindung des "Tai Chi Standing" war, zeigt es doch, wie wichtig Gleichgewicht, Stand- und Bewegungssicherheit besonders im Alter sind. Auch im Gehen lassen sich Bewegungsabläufe üben, festigen und sicherer machen – um Gelenke und Muskulatur zu stärken, aber auch um die mit den Lebensjahren zunehmende Gefahr von Stürzen zu mindern. Tiefenmuskulatur und Rumpfstabilität sind auch besonders wichtig für alle, die vorwiegend im Sitzen arbeiten. Einen ähnlichen Ansatz gibt es in der orthopädischen Rehabilitation mit speziellen Laufbändern für Patienten. Die starten ganz normal, entwickeln sich dann aber zum Parcours. Das Band stoppt plötzlich oder hebt sich oder läuft auch mal rückwärts. Entsprechend reaktionsschnell müssen die Patienten agieren. Wiederentdeckung der Langsamkeit Natürlich tut das Tai Chi Walking auch dem Herz-Kreislauf-System gut. Unserem Alter und unserer Beweglichkeit angepasste, ausgeglichene Bewegung bei entspannter Atmung regt die Durchblutung an und kann helfen, den Blutdruck niedrig zu halten. Man kann es auch wunderbar zur Senkung des Stresslevels nutzen. Wer sich darauf einlässt, kann zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe kommen und Nervosität und innere Anspannung auflösen, das ist wichtig auch für die emotionale Balance. Natürlich gibt es – wie könnte es anders sein – im Internet längst eine ganze Reihe von Tai-Chi-Walking-Übungen, bei denen wir mehr über die Technik des entspannten Gehens erfahren: die Art, den Fuß zunächst ohne Belastung aufzusetzen, das Körpergewicht bewusst zu verlagern. Eine Art "Wiederentdeckung der Langsamkeit", die unser parasympathisches Nervensystem anregt, das Vorgänge wie Herzschlag, Atmung und Verdauung steuert. Für all das brauchen Sie kein aufwendiges technisches Equipment, müssen nirgendwo Mitgliedsbeiträge abdrücken und können jederzeit selbstbestimmt outdoor oder indoor agieren. Wir brauchen dafür Proteine Das meditative Gehen ist vor allem ein bewegungstherapeutisches und nervensystemisches Konzept. Es feuert keinen auslösenden Reiz für den Muskelaufbau ab und ist somit kein Ersatz für intensives Krafttraining. Wer eher darauf aus ist, sollte zwei- bis dreimal die Woche Krafttraining machen, ergänzt durch ein- bis zweimal Ausdauertraining wie Tai Chi Walking. Für beide Möglichkeiten brauchen wir ausreichend Protein, enthalten etwa in Eiern, Magerquark, Skyr, Hüttenkäse, Naturjoghurt, Fisch, Geflügel, Tofu, Tempeh, Edamame, Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Sojajoghurt, Nüssen, Kernen oder Hülsenfrüchten. Sie selbst werden spüren, was gut für Sie ist. Ob Sie nun meditativ gehen oder weiterhin ins Fitnessstudio – kommen Sie gesund durch die Zeit!