Therapien bei Übergewicht: Wann zahlt die Krankenkasse?

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Starkes Übergewicht ist eine chronische Erkrankung, die meist nicht allein mit Willenskraft überwunden werden kann. Welche Therapiemöglichkeiten Betroffene haben und welche Hürden es gibt. Etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland lebt mit starkem Übergewicht, medizinisch Adipositas genannt. Starkes Übergewicht wiederum erhöht das Risiko für über 200 Folgeerkrankungen und verursacht damit laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft allein in Deutschland jährlich Kosten für das Gesundheits- und Sozialsystem in Höhe von etwa 60 Milliarden Euro. Seit einigen Jahren ist Adipositas daher als chronische Erkrankung anerkannt. Trotzdem kritisieren einige Fachleute, dass starkes Übergewicht noch immer als selbst verschuldet gilt, als alleinige Folge von falscher Ernährung oder mangelnder Bewegung. "Adipositas ist kein persönliches Versagen – der Weg zurück zu einem gesunden Gewicht ist oft schwer", heißt es etwa von Bente Petersen, Oberärztin und Leiterin des Adipositaszentrums des Helios Klinikums Siegburg . Adipositas-Therapien: Es wird zu wenig getan In der Konsequenz sind Adipositas-Therapien nicht so zugänglich, wie sie sein sollten. Alexander Horn, Neurophysiologe und Geschäftsführer (CEO) von Lilly Deutschland, einem der größten Hersteller von Abnehmspritzen, erklärt im Gespräch mit Daniel Richartz von t-online: "Adipositas ist die einzige chronische Erkrankung, die momentan nicht erstattungsfähig ist. Das ist nicht nur ungerecht, sondern macht medizinisch auch keinen Sinn." Welche Behandlung für den Einzelnen sinnvoll ist und inwieweit sie bezuschusst wird, hängt laut den Gesundheitsexperten der Stiftung Gesundheitswissen vor allem vom Schweregrad der Adipositas, den vorliegenden persönlichen Risikofaktoren und Begleiterkrankungen sowie dem Alter und den Wünschen des Patienten ab. Doch Unternehmen wie Lilly kritisieren, dass therapeutische Möglichkeiten nicht ausgeschöpft würden, stattdessen bleibe es oft bei pauschalen Empfehlungen zu Diät und Bewegung, selbst dann, wenn diese bereits mehrfach erfolglos waren. Gleichzeitig betont Horn, dass auch Medikamente nicht als Alleinmaßnahme gedacht sind, sondern nur im Kontext einer Anpassung der Ernährung und Bewegung eingesetzt werden sollten. Diese Adipositas-Therapien stehen zur Verfügung Das wichtigste Ziel bei der Behandlung von Adipositas ist eine langfristige Gewichtsabnahme und damit eine dauerhafte Kontrolle der Erkrankung. Moderne Therapiekonzepte kombinieren dafür Lebensstilinterventionen oft mit medikamentöser Therapie und langfristiger ärztlicher Begleitung. Folgende Behandlungsoptionen stehen zur Verfügung: Ernährungsberatung : Anpassung der Ernährungsgewohnheiten zur Gewichtsreduktion. Bewegungstherapie : Unterstützung bei der Änderung von Lebensstil und Verhaltensweisen. Verhaltenstherapie : Eine Verhaltenstherapie soll helfen, langjährige Lebensgewohnheiten zu verändern. Medikamente : Einsatz von Medikamenten zur Unterstützung der Gewichtsabnahme. In Deutschland sind derzeit folgende Wirkstoffe zur längerfristigen Adipositas-Behandlung zugelassen: der Lipasehemmer Orlistat, die GLP-1-Rezeptoragonisten Liraglutid und Semaglutid und der duale GLP-1-/GIP-Rezeptoragonist Tirzepatid. Wie die Medikamente beim Abnehmen unterstützen, lesen Sie hier . Chirurgische Therapien : Chirurgische Eingriffe , wie Schlauchmagen, Magenband oder Magenbypass, welche oft zu einer signifikanten Gewichtsreduktion führen. Digitale Gesundheitsanwendungen : Gesundheits-Apps für Smartphones oder Tablets sollen Menschen mit Adipositas dabei unterstützen, ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zu verändern und abzunehmen. Derzeit hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für Menschen mit Adipositas die Apps Zanadio und Oviva zertifiziert. Die Gesundheitsexperten der Stiftung Gesundheitswissen geben jedoch zu bedenken, dass es bei Operationen zu unterschiedlichen Komplikationen und Folgebeschwerden kommen kann. Außerdem seien nach dem Eingriff eine gute Betreuung und regelmäßige Kontrolluntersuchungen erforderlich, mitunter auch ein Leben lang. Auch bei Medikamenten zum Gewichtsverlust gibt es derzeit noch einige Kritikpunkte: So weisen Studien mitunter darauf hin, dass die Mittel keine langfristige Gewichtsreduktion herbeiführen und Menschen nach Absetzen der Medikamente erneut stark zunehmen – stärker als nach normalen Diäten . Klaus Weckbecker, Allgemeinmediziner und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Universität Witten/Herdecke, erklärt auf der Universitätsseite: "Die Gewichtsabnahme kommt nur, wenn die Menschen auch die Ernährung umstellen. Das Medikament kann eine Art Krücke sein – die Hauptleistung liegt aber beim Patienten." Auch Nebenwirkungen wie chronischer Husten , Augenerkrankungen oder Magen-Darm-Beschwerden können bei den Medikamenten auftreten. Warum viele Menschen überdies die Behandlung mit Abnehmspritzen abbrechen, lesen Sie hier . Adipositas-Therapie: Was bezahlt die Krankenkasse? Wie bereits erwähnt, werden die obigen Adipositas-Therapien nicht automatisch von Krankenkassen übernommen. Oft müssen sie selbst bezahlt werden, denn sie gelten im Sozialgesetzbuch nicht als Behandlung, sondern als "Lebensstil-Maßnahme" – eine Tatsache, die einige Adipositas-Verbände und Pharmaunternehmen kritisieren. Anna Haas, Biochemikerin und Vertriebsvorstand (CCO) bei Oviva erklärt auf Anfrage von t-online: "Bei der Erstattung von Adipositas-Therapien zeigt sich in Deutschland ein deutlicher Unterschied zu vielen anderen chronischen Erkrankungen: Patientinnen und Patienten müssen häufig Einzelfallprüfungen durchlaufen, und längst nicht jede empfohlene Therapie ist automatisch Kassenleistung." So wird laut Haas etwa Ernährungsberatung anteilig bezuschusst, sofern eine Notwendigkeitsbescheinigung vom Arzt vorliegt. Je nach Krankenkasse und Verordnung liegt der Eigenanteil bei fünf Sitzungen zwischen 50 und 350 Euro. Manche Krankenkassen übernehmen zudem bestimmte strukturierte Gewichtsreduktionsprogramme vollständig, etwa das BodyMed-Ernährungsprogramm, das über zwölf Monate ärztlich begleitet wird. Die Voraussetzung ist: Es muss mindestens eine Begleiterkrankung wie etwa Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder eine Fettstoffwechselstörung vorliegen. Eine Verhaltenstherapie übernehme die Kasse nur dann, wenn zusätzlich eine psychische Begleiterkrankung diagnostiziert ist, so Haas. Vollständig erstattet werden hingegen zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen, sofern sie vom Arzt oder Psychotherapeuten verschrieben wurden. Alternativ können Versicherte sie laut Haas direkt bei ihrer Krankenkasse beantragen. Auch chirurgische Eingriffe wie ein Magenbypass oder Schlauchmagen werden übernommen, allerdings nur unter strengen Voraussetzungen und erst nach Ausschöpfung konservativer Maßnahmen, erklärt die Expertin. "Am größten bleibt die Lücke bei Medikamenten", sagt Haas. So zahlen Krankenkassen die Mittel nur, wenn sie im Zuge einer Diabetes-Behandlung verordnet werden – nicht bei starkem Übergewicht allein . Die Monatskosten bewegen sich derzeit laut Haas zwischen 170 und 500 Euro, je nach Dosierung.
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