Wer dauerhaft gegen seine innere Uhr lebt, riskiert womöglich mehr als nur Müdigkeit. Denn unregelmäßige Schlaf- und Aktivitätsmuster sind mit einem deutlich erhöhten Demenzrisiko verbunden. Die innere Uhr des Körpers, auch zirkadianer Rhythmus genannt, steuert viele Körperfunktionen – vom Schlaf über die Verdauung bis hin zum Hormonhaushalt. Ist sie gestört, kann das gravierende Folgen haben, wie eine neue Studie aus den USA zeigt. Demnach entwickeln Menschen, die ihre Aktivitäts- und Schlafenszeiten oft von äußeren Einflüssen bestimmen lassen, häufiger eine Demenz als solche mit stabilen Abläufen. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift "Neurology" der American Academy of Neurology veröffentlicht. Die innere Uhr ist nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt Für die Untersuchung analysierten die Forscherinnen und Forscher Daten von 2.183 älteren Erwachsenen, die im Durchschnitt 79 Jahre alt waren und zu Beginn keine Demenz hatten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trugen kleine Messgeräte für die Herzaktivität auf der Brust, die über zwölf Tage hinweg Aktivitäts- und Ruhephasen aufzeichneten. Dabei fanden sie heraus, dass sich die Probanden in drei Gruppen einteilen ließen: in Menschen mit einer starken, einer mittleren und einer schwachen inneren Uhr. Bei einem starken zirkadianen Rhythmus ist die innere Uhr optimal auf den 24-Stunden-Tag abgestimmt und sendet klare Signale an die Körperfunktionen. Menschen mit einem starken zirkadianen Rhythmus halten sich in der Regel an ihre gewohnten Schlaf- und Aktivitätszeiten, selbst bei Änderungen des Tagesablaufs. Bei einem schwachen zirkadianen Rhythmus ist die innere Uhr leichter gestört. Menschen mit einem schwächeren Rhythmus haben unregelmäßige Schlaf- und Aktivitätszeiten, da sie dazu neigen, sich stärker äußeren Einflüssen anzupassen, wie Änderungen des Tagesablaufs oder den Jahreszeiten. Für die Früherkennung : Dieser Urinwert soll das Demenzrisiko vorhersagen Frühdemenz : Diese ersten Demenzsymptome kennen viele Menschen nicht Unregelmäßiger Schlafrhythmus verdoppelt Demenzrisiko In den darauffolgenden drei Jahren erkrankten 176 Personen an Demenz. Dies verglichen die Wissenschaftler mit den Daten zur inneren Uhr der Probanden und berücksichtigten dabei auch Faktoren wie Alter, Blutdruck und Herzerkrankungen. Das Ergebnis: Menschen mit schwacher innerer Uhr wiesen ein 2,5-fach erhöhtes Demenzrisiko auf im Vergleich zu Menschen mit starker innerer Uhr. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass Menschen, die erst am Nachmittag (ab 14 Uhr) richtig aktiv wurden, ein um 45 Prozent höheres Demenzrisiko hatten als Personen, die früher am Tag aktiv waren. Warum spielt der Tagesrhythmus eine so große Rolle? Ist der zirkadiane Rhythmus gestört, kann das zahlreiche Prozesse im Körper aus dem Gleichgewicht bringen – darunter Entzündungsreaktionen, den Hormonhaushalt und die Darmflora . Schon länger vermuten Forscher zudem, dass eine dauerhaft gestörte innere Uhr die Entstehung von Alzheimer oder anderen Demenzformen fördern könnte, indem es schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn – sogenannte Amyloid-Plaques – fördert. Studienautorin Wendy Wang von der Peter O'Donnell Jr. School of Public Health erklärt: "Störungen des zirkadianen Rhythmus können Körperprozesse wie Entzündungen verändern und den Schlaf beeinträchtigen. Dies kann zu einer Zunahme von Amyloid-Plaques führen, die mit Demenz in Verbindung stehen, oder den Abbau von Amyloid im Gehirn verlangsamen." Fast 550 Mittel fehlen : Engpass bei wichtigen Herz- und Lungenmedikamenten Was kann helfen, den eigenen Rhythmus zu stabilisieren? Ob Maßnahmen wie Lichttherapie, geregelte Tagesabläufe oder Essenszeiten das Demenzrisiko senken können, müssen künftige Studien klären, schreiben die Studienautoren. Allerdings ist bekannt, dass bestimmte Lebensgewohnheiten einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus wieder ins Gleichgewicht bringen können. Besonders hilfreich ist es, täglich zur gleichen Zeit aufzustehen, zu essen und ins Bett zu gehen – auch am Wochenende. Ein fester Rhythmus gibt dem Körper Orientierung und stärkt die innere Uhr. Auch natürliches Tageslicht spielt dabei eine wichtige Rolle: Wer sich morgens und tagsüber regelmäßig draußen aufhält, unterstützt die innere Uhr und fördert eine bessere Schlafqualität. Gleichzeitig hilft körperliche Aktivität – idealerweise an der frischen Luft – dem Organismus, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Am Abend sollte man auf störende Einflüsse verzichten: Koffein, Alkohol und Nikotin können das Einschlafen erschweren und den Schlaf insgesamt unruhiger machen. Auch die Schlafumgebung sollte möglichst angenehm gestaltet sein – mit einem bequemen Bett, einer angenehmen Raumtemperatur und wenig Licht. Ein weiterer wichtiger Punkt: digitale Geräte. Wer abends lange auf Bildschirme schaut, setzt sich dem blauen Licht aus, das die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin hemmt. Besser ist es, das Handy beiseitezulegen und stattdessen zu lesen oder zu meditieren.